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21 Kilometer Partymeile: So fröhlich startet Berlin in den Halbmarathon

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29.03.2026

Es ist kurz vor Startschuss, die Stimmung unter den zehntausenden Menschen ist hervorragend. Ein kollektives Summen der Vorfreude liegt in der Luft. Der Berliner Halbmarathon, eines der größten und traditionsreichsten Laufevents der Welt, verwandelt die Hauptstadt in eine 21 Kilometer lange Partymeile. Der Himmel über der Straße des 17. Juni leuchtet in makellosem Blau. Die Frühlingssonne taucht den Tiergarten in ein warmes Licht und vertreibt die morgendliche Kühle.Bevor es jedoch auf die Strecke geht, folgt das ewig gleiche, sehr menschliche Ritual: Die Nervosität schlägt auf die Blase. Das führt zu einer hohen Dichte an sogenannten Wildpinklern. Im Aufwärmbereich rund um die Startblöcke werden die Bäume und Büsche des Tiergartens kurzerhand zu inoffiziellen Freilufttoiletten umfunktioniert. Es ist ein unterhaltsames Bild, das fast schon zur Folklore dieser Großveranstaltung gehört. Man nimmt es mit Humor, schließlich sitzen alle im selben Boot.

Ein Hauch von Clubkultur auf dem Asphalt

Inmitten des bunten Treibens der funktional gekleideten Läufermasse sticht ein Mann besonders hervor. Davide, 43 Jahre alt und seit 15 Jahren Wahlberliner, bringt den Berghain-Chic auf die Laufstrecke. Über seinem schwarzen Shirt prangt ein voluminöser, schwarzer Pelzmantel. Seine Schienbeine sind flächendeckend tätowiert, was den Kontrast zu den sauberen Laufschuhen noch verstärkt. Der Mantel dient als modischer Kälteschutz bis zum Startschuss, danach wird es ernst. Davide hat ambitionierte Pläne für das Rennen. „Ich peile eine Stunde und 26 Minuten an, aber mal schauen“, sagt der gebürtige Italiener gelassen. Seit 15 Jahren lebt er nun schon in Friedrichshain. Auf die Frage, was ihn all die Jahre in der Stadt gehalten hat, antwortet er: „An Berlin schätze ich auf jeden Fall die Vielfalt. Die Stadt ist international und sehr solidarisch.“

Glück beim Losverfahren

Ein paar Meter weiter entlädt sich die pure Vorfreude auf das Event in einer akrobatischen Einlage. Eva, 24 Jahre alt und BWL-Studentin aus Bayreuth, reißt die Arme hoch und springt mit einem breiten Lächeln im Gesicht in die Luft. Die Dynamik ihres Sprungs fängt die ausgelassene Atmosphäre dieses Vormittags perfekt ein. „Ich laufe das erste Mal in Berlin und hatte Glück beim Losverfahren“, erzählt sie begeistert. Da die Anmeldungen die Kapazität der Strecke regelmäßig übersteigen, vergibt der Veranstalter die Tickets mittlerweile per Zufallsprinzip. „Ich jogge erst seit Beginn meines Studiums, davor war ich Leichtathletin.“

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Den Kontrast zwischen ihrer bayerischen Heimat und der Hauptstadt nimmt sie pragmatisch. „Berlin finde ich zwar manchmal ein bisschen schmutzig und hässlich, insbesondere wenn es grau ist. Aber wir sind eben auch sehr gutes Wetter gewöhnt, heute passt es ja auch hier!“, sagt sie lachend und blinzelt in die Berliner Sonne.

Die internationale Strahlkraft des Halbmarathons zeigt sich überall. Andrea, 35, steht eingewickelt in eine goldene Rettungsfolie vor einem Bauzaun. Er kommt aus Verona und hat eine klare Mission. „Ich bin das erste Mal hier in Berlin und extra für den Halbmarathon angereist“, berichtet er.

Das Rückgrat der Veranstaltung

Ein Event dieser Größenordnung funktioniert nur dank der unzähligen helfenden Hände. Yvonne, 46 Jahre alt, steht am Einlass zu den Startblöcken und kontrolliert geduldig die Läufer. Sie engagiert sich ehrenamtlich, weil sie Teil dieser besonderen Gemeinschaft sein möchte. „Ich schaffe es selbst nicht zu laufen, mir fehlt die Kondition. Aber ich möchte wenigstens auf diese Weise dabei sein“, erklärt sie ihre Motivation. Der Einsatz lohnt sich für sie. „Am meisten Spaß macht es, wenn die Leute sich freuen. Die Stimmung ist toll und die Läufer sind alle dankbar. Man bekommt keine negativen Rückmeldungen, alle sind froh, dass wir da sind.“ Ihre Freundin Christiane ist zum ersten Mal dabei, sie hat sich von Yvonnes Begeisterung anstecken lassen.

Eine Community, die verbindet

Für viele ist der Lauf durch Berlin auch ein Formtest für die weitere Saison. Tanja, 57, und Volker, 52, haben die vergangenen zwei Tage auf der Sportmesse gearbeitet und schnüren nun selbst die Laufschuhe. „Ich hoffe, dass heute nach einer Verletzungspause und einer Woche Recovery eine Zeit von 1:45 Stunden drin ist“, gibt sich Tanja optimistisch. Volker nutzt die Strecke als Vorbereitung auf kommende Triathlon-Wettbewerbe. Er schätzt besonders die Atmosphäre des Rennens. „An Berlin finde ich das Multikulturelle sehr schön. Es ist ein internationaler Lauf mit vielen Nationen, eine große Community. Hier merkt man einfach, wie Laufen verbindet.“

Wenige Minuten später ist es so weit. Der Startschuss zerreißt die Luft, die Musik wummert aus den Boxen, und der riesige Tross aus Profiläufern und Freizeitsportlern setzt sich jubelnd in Bewegung. Die Stadt gehört für die nächsten Stunden ihnen.


© Berliner Zeitung