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Union-Gegner Dieter Hecking und das Feuerzeug: Es fehlt die zündende Idee

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15.04.2026

Fußball-Fans können verdammt nachtragend sein. Positiver formuliert, sie haben ein Elefantengedächtnis. Das trifft auch auf die Anhänger des 1. FC Union Berlin zu. An der Alten Försterei – das gibt es derart lobenswert an kaum einem zweiten Standort in Deutschland – vergessen sie ihre früheren Helden nicht. Die ehemaligen Spieler werden auch Jahre danach noch als „Fußballgott“ vor Anpfiff gefeiert. Selbst wenn ein Abschied eher unschön verlaufen ist und sich bei der Verkündung der Aufstellungen auch einige Pfiffe unter das Wiedersehen mischen, wird die Rückkehr von Profis, Trainern oder sonstigen Funktionären ziemlich wohlwollend begleitet.

Die Kehrseite der Medaille wird immer dann sichtbar, wenn sich ein Spieler, Trainer oder Verantwortlicher des Gegners nach Meinung der Fans falsch verhalten hat. Dann verläuft ein Wiedersehen im Berliner Südosten eher frostig, dokumentiert durch ein gellendes Pfeifkonzert. Nationalspieler Jonathan Tah kann beispielsweise aus eigener Erfahrung sprechen.

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Es ist schon über fünf Jahre her, da behauptete Tah, damals noch in Diensten von Bayer Leverkusen, dass sein Mitspieler Nadiem Amiri beim Gastspiel in der Hauptstadt auf dem Feld rassistisch beleidigt wurde. Später relativierte er den Vorfall damit, dass er die Aussage nicht selbst gehört habe. Bis heute wird der 30-Jährige von vielen Köpenicker Anhängern gnadenlos ausgepfiffen, in der laufenden Spielzeit erlebte Tah das gleich zweimal, als er mit dem FC Bayern in Liga und Pokal zu Gast war.

Wie frostig am Sonnabend (15.30 Uhr) der Empfang für Dieter Hecking werden wird, bleibt abzuwarten. Der aktuell älteste Bundesliga-Trainer ist mit dem VfL Wolfsburg zu Gast beim 1. FC Union Berlin. Es ist Heckings erste Rückkehr, nachdem er im Dezember 2024 mit dem VfL Bochum ebenfalls knietief im Abstiegskampf an der Alten Försterei um Punkte kämpfte. In der Nachspielzeit stand es 1:1 und alles lief darauf hinaus, dass beide Mannschaften das Aufeinandertreffen mit einem Teilerfolg beenden würden. Dann aber flog ein Feuerzeug von der Waldseite in Richtung Spielfeld. Bochums damaliger Torhüter Patrick Drewes wurde am Kopf getroffen.

Drewes konnte das Spiel nach eigener Aussage nicht mehr fortsetzen, Hecking plädierte in den Katakomben dafür, die Partie nicht wieder anzupfeifen. Letztlich kamen beide Teams nach einer langen Unterbrechung zurück auf den Rasen, Schiedsrichter Martin Petersen pfiff noch einmal an, Union und Bochum einigten sich auf einen Nichtangriffspakt. Nicht wenige Beteiligte witterten eine Verschwörung, Drewes könne seine Benommenheit nur vorgetäuscht haben, um mit Bochum nachträglich am Grünen Tisch alle drei Punkte zu ergattern. Genauso kam es.

Das DFB-Sportgericht wertete die Partie mit 2:0 für die Gäste, Union legte Berufung ein, zog vor das DFB-Bundesgericht und rief anschließend gar beim Ständigen Schiedsgericht an. Erfolglos. Die drei Punkte blieben beim Konkurrenten im Kampf um den Klassenverbleib, Hecking bezeichnete die Entscheidung später als „mehr als gerechtes Urteil“.

Letztlich hielt Union unter Ex-Trainer Steffen Baumgart vor allem dank einer zwischenzeitlichen Serie von acht Spielen ohne Niederlage die Klasse, während Bochum den bitteren Gang in die 2. Liga antreten musste. Hecking wollte dort Teil des Neuaufbaus sein, wurde aber schon nach fünf Spieltagen entlassen. Saisonübergreifend gewann er nur sieben von 30 Ligaspielen. Manche sagen, es waren eigentlich nur sechs.

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Mit dem VfL Wolfsburg setzt sich Heckings Misere nun fort. Bei seinem Debüt konnte er mit dem Tabellenvorletzten einen Punkt bei der TSG Hoffenheim ergattern, danach setzte es gegen Bremen (0:1), in Leverkusen (3:6) und zuletzt gegen Frankfurt (1:2) drei ganz bittere Niederlagen. Eine zündende Idee hat der Mann, der 2015 DFB-Pokalsieger mit den Wölfen wurde, noch nicht gehabt. Zudem ist die Mannschaft, die mit den Ambitionen gestartet war, um die Europapokal-Plätze mitspielen zu wollen, in der kompletten Rückrunde noch ohne Sieg. Der Trend spricht gegen den VfL Wolfsburg.

Fünf Partien bleiben noch, den drohenden Abstieg zu vermeiden. Seit dem Aufstieg 1997 spielte der Verein immer erstklassig, wollte im kommenden Jahr die 30-jährige Bundesliga-Zugehörigkeit feiern. Womöglich hat Dieter Hecking im Schlussspurt doch noch einen Einfall. Vielleicht schon am Wochenende beim Wiedersehen mit Union. Auf einen zweiten Feuerzeugwurf sollte er sich aber nicht verlassen.


© Berliner Zeitung