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Litauen-Brigade der Bundeswehr: Welche Rolle spielen Peter Thiel und Kamikaze-Drohnen?

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26.02.2026

Für die deutsche Litauen-Brigade sollen tausende sogenannte Kamikaze-Drohnen beschafft werden. Der Haushaltsausschuss des Bundestags entschied am Mittwoch über entsprechende Rahmenverträge im Volumen von 270 Millionen Euro. Die unbemannten Waffensysteme sind für die Bundeswehr-Panzerbrigade 45 vorgesehen, die bis 2027 dauerhaft im Baltikum stationiert werden soll.

Hintergrund der Beschaffung sind die Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine. Dort prägen unbemannte Waffensysteme – also Drohnen, die über ein Zielgebiet kreisen und sich nach Freigabe auf ihr Ziel stürzen – zunehmend das Gefechtsfeld. Interne Auswertungen und Manöverberichte legen nahe, dass Verbände ohne ausreichenden Drohnenschutz im Ernstfall erhebliche Verluste erleiden könnten. Für die Litauen-Brigade ist die Fähigkeit zur Drohnenabwehr und zum eigenen Drohneneinsatz deshalb eine der Prioritäten, hört man aus Vilnius, der Hauptstadt Litauens.

Ukraine gegen Russland: Drohnenkrieg in Osteuropa

Vor wenigen Jahren lösten russische Drohnenangriffe in der Ukraine und Syrien breite mediale Empörung in Deutschland aus. „Kamikaze“-Drohnen wurden als beängstigende neue Waffe diskutiert, die insbesondere gegen zivile und militärische Infrastruktur große Risiken bergen. Heute nutzt die Bundeswehr selbst ähnliche Systeme. Eine Entwicklung, die zeigt, wie schnell einst skandalös diskutierte Technologien in der eigenen Verteidigungspolitik als unverzichtbar gelten.

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Den Zuschlag sollen nach bisherigen Planungen die deutschen Rüstungs-Start-ups Stark Defence und Helsing erhalten. Stark bietet die senkrecht startende „Virtus“-Drohne an, Helsing das System „HX-2“. Beide Waffenhersteller werben mit KI-gestützter Zielerfassung und Widerstandsfähigkeit gegen elektronische Störmaßnahmen (Jamming).

Kritik an dem neuen Drohnendeal der Bundeswehr entzündet sich an mehreren Punkten. Zum einen wird im Bundestag die Höhe der Kosten hinterfragt. Bei Rahmenverträgen von jeweils mehr als zwei Milliarden Euro fordern Abgeordnete detailliertere Begründungen zu Preis und Stückzahl. Berichte über frühere Probleme bei Tests mit ähnlichen Systemen nähren Zweifel, ob die versprochene Leistungsfähigkeit bereits vollständig erreicht ist. Das Verteidigungsministerium erklärt, die Unternehmen hätten die erforderliche Qualität nachgewiesen; Innovationsklauseln sollten zudem eine laufende Weiterentwicklung sicherstellen.

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Zum anderen sorgt die Beteiligung des in Frankfurt am Main geborenen amerikanischen Investors Peter Thiel an Stark Defence für hitzige Debatten in Politik und Medien. Thiel hält nach Unternehmensangaben rund zehn Prozent an dem Berliner Unternehmen. International bekannt wurde er als Mitgründer von PayPal und Palantir. Der libertäre Tech-Unternehmer gilt als politisch einflussreich im Umfeld von US-Präsident Donald Trump.

Bei strategisch sensiblen Rüstungsprojekten müsse möglicher Einfluss ausländischer Investoren besonders sorgfältig geprüft werden, hört man aus der Grünen-Partei. Auch unterhalb formaler Kontrollschwellen könnten über Investorenverträge oder informelle Netzwerke Einflussmöglichkeiten entstehen, so die Argumentation. Das SPD-geführte Verteidigungsministerium betont dagegen, Beteiligungen würden nach geltendem Außenwirtschaftsrecht überprüft. Nach Angaben von Stark bestehen keine Sonderrechte oder operativen Einflussmöglichkeiten für Thiel. Verteidigungsminister Boris Pistorius  sagte am Mittwoch nach einer Sitzung des Bundestags-Verteidigungsausschusses in Berlin, die Kamikaze-Drohnen für die Bundeswehr seien „ein sehr wichtiger Schritt“.

Gleichzeitig bleibt Deutschland bei der Beschaffung moderner Waffensysteme und Drohnen weitgehend von den USA abhängig. Viele Kerntechnologien, insbesondere in den Bereichen Steuerung, Sensorik und KI, stammen aus amerikanischer Forschung oder werden durch amerikanische Exportkontrollen reguliert. Selbst deutsche Start-ups wie Stark Defence oder Helsing nutzen Komponenten, Software oder Expertise aus den Vereinigten Staaten. Das wirft die Frage auf, wie souverän nationale Sicherheitsentscheidungen tatsächlich sein können, wenn wesentliche Teile der Systeme und die Lieferketten außerhalb der eigenen Kontrolle liegen.

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Über die Thiel-Personalie hinaus steht das Projekt für eine beschleunigte Aufrüstung an der Nato-Ostflanke. Die Litauen-Brigade ist die erste dauerhafte deutsche Kampftruppe, die auf früherem Sowjet-Territorium stationiert ist. Bis zur belarussischen Grenze sind es nur wenige Dutzend Kilometer. Dass nun ausgerechnet die Brigade im Baltikum mit tausenden unbemannten Waffensystemen ausgestattet werden soll, bedeutet eine sicherheitspolitische Zäsur. Während Befürworter immer wieder mit einer vermeintlich notwendigen Abschreckung gegenüber Russland argumentieren, verweisen kritische Stimmen auf die wachsende Rüstungsdynamik, hohe Haushaltsbelastungen und die Gefahr, dass politische und diplomatische Ansätze weiter in den Hintergrund geraten.


© Berliner Zeitung