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Drohnenvorfall in Aserbaidschan: Iran-Krieg erreicht den Südkaukasus

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06.03.2026

Der Krieg im Iran droht sich weiter auszuweiten, diesmal bis in den Südkaukasus. Nachdem Drohnen die aserbaidschanische Exklave Nachtschiwan getroffen haben, hat die Regierung von Präsident Ilham Alijew in Baku Teheran scharf verurteilt und die eigenen Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Die Vorfälle vom Donnerstag zeigen, wie schnell der Konflikt über seine bisherigen Schauplätze hinausgreifen kann.

Bei den Angriffen wurde unter anderem das Terminal des Flughafens von Nachtschiwan beschädigt. Eine weitere Drohne explodierte in der Nähe einer Schule, mehrere Zivilisten wurden verletzt. Eine dritte Drohne konnte laut aserbaidschanischen Angaben abgeschossen werden. Alijew bezeichnete die Attacke als „Terrorakt“ und verlangte eine Erklärung sowie eine Entschuldigung aus Teheran. Zugleich ordnete er an, die Armee in „volle Gefechtsbereitschaft“ zu versetzen und mögliche Gegenmaßnahmen vorzubereiten.

Aserbaidschan: „Wir erwarten Ergebnisse“

Auch der aserbaidschanische Botschafter in Berlin verurteilte den Vorfall scharf. „Diese Angriffe stellen einen schweren Verstoß gegen die Normen und Prinzipien des Völkerrechts dar“, teilt Nasimi Aghayev der Berliner Zeitung mit. Baku erwarte von der Islamischen Republik eine offizielle Entschuldigung sowie eine transparente Untersuchung des Vorfalls. Zudem erklärt der Botschafter, Aserbaidschan halte weiterhin an einer Politik der guten Nachbarschaft fest. „Die Republik Aserbaidschan ist an stabilen und konstruktiven Beziehungen mit allen Staaten der Region interessiert“, so der Botschafter. „Gleichzeitig wird Aserbaidschan keine Verletzung seiner Souveränität und der Sicherheit seiner Bürger tolerieren“, heißt es abschließend.

Zwischen Irankrieg und Trump-Route: Aserbaidschan drängt auf Frieden und neue Machtachse

Nach dem Einschlag von Drohnen in Aserbaidschan hat die Regierung in Baku den Abzug ihres diplomatischen Personals aus dem benachbarten Iran angekündigt. Dies betreffe sowohl die Botschaft in Teheran als auch das Konsulat in Täbris, sagte Außenminister Dschejhun Bajramow am Freitag. Die Vorbereitungen dazu liefen derzeit. Er habe am Donnerstag mit seinem iranischen Kollegen Abbas Araghtschi über das Thema gesprochen, fuhr Bajramow fort. „Die iranische Seite hat versprochen, den Vorfall gründlich zu untersuchen, und wir erwarten Ergebnisse.“

Die Mullahs weisen im Übrigen jede Verantwortung zurück. Iranische Stellen deuteten an, es könne sich um eine israelische „False Flag“-Operation handeln. Unabhängig überprüfen lassen sich solche Vorfälle in einem Krieg kaum.

Strategische Lage von Nachtschiwan

Die Region spielt in der Geopolitik eine Schlüsselrolle. Nachtschiwan, das in etwa doppelt so groß ist wie das Saarland, liegt an der Schnittstelle wichtiger Transit- und Energiewege, die den Südkaukasus mit dem Nahen Osten verbinden. Besonders brisant ist die sogenannte Trump-Route, ein Infrastrukturprojekt, das Aserbaidschan, Armenien und die Türkei einbeziehen und die Versorgung Europas mit kaspischem Öl sichern soll. Der Iran blickt erwartungsgemäß skeptisch auf ein solches amerikanisch initiiertes Projekt.

JUST IN: 🇮🇷🇦🇿 Iran strikes Azerbaijan's Nakhchivan International Airport. pic.twitter.com/B6Q7im1x5O— BRICS News (@BRICSinfo) March 5, 2026

JUST IN: 🇮🇷🇦🇿 Iran strikes Azerbaijan's Nakhchivan International Airport. pic.twitter.com/B6Q7im1x5O

Der aktuelle Zwischenfall kann außerdem als Höhepunkt einer länger schwelenden Rivalität gelesen werden. Trotz gemeinsamer schiitischer Prägung haben sich die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und dem Iran in den vergangenen Jahren doch deutlich abgekühlt. Ein wichtiger Grund ist Aserbaidschans enge Zusammenarbeit mit Israel.

Der jüdische Staat bezieht einen erheblichen Teil seines Öls aus Aserbaidschan, während Baku israelische Waffen und militärische Technologie nutzt. In Teheran wird dies als unmittelbare Sicherheitsbedrohung wahrgenommen. Iranische Medien werfen Aserbaidschan regelmäßig vor, israelischen Geheimdiensten Aktivitäten entlang der iranischen Nordgrenze zu ermöglichen. Alles Vorwürfe, die die Regierung in Baku zurückweist.

Umgekehrt beschuldigt Aserbaidschan den Iran seit Jahren, Armenien politisch und militärisch zu unterstützen. Gerade nach den militärischen Erfolgen der Aserbaidschaner in den Karabach-Kriegen von 2020 und 2023 haben sich die Spannungen weiter verschärft.

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Besonders brisant ist ein weiterer Aspekt des Konflikts: die große aserbaidschanische Minderheit im Iran. Schätzungen zufolge leben dort zwischen 20 und 25 Millionen ethnische Aserbaidschaner, vor allem im Nordwesten des Landes. Präsident Alijew griff dieses Thema nun ungewöhnlich offen auf. Aserbaidschan sei „ein Ort der Hoffnung für Aserbaidschaner im Iran“, erklärte er. Für die Mullahs ist jedoch jede Andeutung, ethnische Loyalitäten könnten über die Staatsgrenzen hinausreichen, politisch hochsensibel.

Die Spannungen betreffen auch europäische Interessen. Aserbaidschan ist ein wichtiger Energielieferant für internationale Märkte. Über die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, auch BTC-Pipeline oder Transkaukasische Pipeline genannt, wird täglich mehr als eine Million Barrel Öl vom Kaspischen Meer in den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan transportiert. Die Route umgeht sowohl Russland als auch den Iran und ist deshalb geopolitisch besonders wichtig. Sollte sich der Krieg im Iran nun weiter auf Nachbarländer ausbreiten, könnte auch diese Pipeline ins Visier geraten. Das hätte dann gravierende Auswirkungen auf europäische Energiemärkte.


© Berliner Zeitung