Israel gegen Iran: Nächste Phase des Kriegs kann länger dauern und blutiger sein
Herr Hermann, was bedeutet das Scheitern der Verhandlungen in Islamabad?
Alles andere als ein Scheitern wäre unrealistisch gewesen. Jede Seite beharrte auf ihren Maximalforderungen, zu groß ist das gegenseitige Misstrauen. Diplomaten sagen jedoch, die Gespräche seien ernsthaft und substanziell gewesen. Das Scheitern muss nicht heißen, dass es keine weiteren Gespräche gibt. Der am 8. April verkündete Waffenstillstand soll zwei Wochen dauern, er kann im gegenseitigen Einvernehmen verlängert werden. Das Verhalten beider kann Verhandlungstaktik sein. Die Türen für einen Deal sind nicht zu, möglich ist aber auch eine Fortsetzung des Kriegs. Trump droht, nun selbst eine Blockade der Straße von Hormus durchzusetzen, damit keine iranischen Öltanker mehr die Meerenge passieren. Beunruhigend dürfte sein, dass Pakistan im Rahmen seines Verteidigungsabkommens mit Saudi-Arabien Kampfflugzeuge ins Königreich verlegt.
Sie habe gerade ein Buch mit dem Titel „Die Zerstörung des Nahen Ostens“ fertiggestellt, in dem Sie die Entwicklung akribisch dokumentieren. Hat Sie die jüngste Eskalation überrascht?
Nein. Ich habe im Buch geschrieben, dass der Krieg zwischen Israel und dem Iran nicht beendet ist, dass beide Seiten sich auf neue Phasen vorbereiten. Ich habe an mehreren Stellen geschrieben, die nächste Phase des Kriegs werde länger dauern und blutiger sein. Ich setze den Beginn der Zerstörung des Nahen Ostens nicht allein auf den 7. Oktober 2023 an. Das war lediglich eine weitere Kulmination im Zerfallsprozess der arabischen Welt: im Zerfall der Regionalordnung, der Staaten und der Gesellschaften. Man kann den Beginn des Zerfalls vielleicht 2003, mit der amerikanischen Invasion im Irak ansetzen oder 2011 mit dem Arabischen Frühling. Es ist wichtig zu verstehen: Wir haben keinen Flächenbrand. Es sind ganz wenige Staaten, die den Status quo verändern wollen, Israel, Iran, teilweise die Türkei. Die Golfstaaten wollen den Status quo erhalten und haben deshalb nicht aktiv in den Krieg eingegriffen. Es ist kein Flächenbrand, sondern der Versuch einer großen Revision der Ordnung im Nahen Osten unter Einsatz der israelischen und amerikanischen militärischen Übermacht.
Jemand hat mal gesagt, Israel sei nichts anderes als der größte Flugzeugträger der Amerikaner. Die Israelis würden demnach benutzt, um die Hegemonialansprüche der Amerikaner zu stützen. Sie beschäftigen sich in dem Buch intensiv mit der Person Netanjahu. Wer treibt den Konflikt voran? Netanjahu, die Amerikaner oder die religiösen Fundamentalisten in der israelischen Regierung, die ein „Greater Israel“ wollen?
Ohne die Person Netanjahu wäre das, was sich im Nahen Osten ereignet, nicht denkbar. Seine Politik baut auf zwei Versprechen auf: Er will einen Staat Palästina verhindern und die Islamische Republik Iran als existenzielle Bedrohung für Israel zerstören. Dafür hat er im amerikanischen Präsidenten Donald Trump einen Partner gefunden, der den Iran seit den 1980er-Jahren bekämpft, zunächst nur rhetorisch. Er hat 2018 das Atomabkommen mit dem Iran (JCPOA) gekündigt und 2025 erstmals mit Israel den Iran angegriffen. Der Krieg ging aus Israels Sicht zu früh zu Ende. Seither bereiteten sich beide Seiten auf die nächste Runde vor.
Trump wurde von seinen eigenen Beratern und Militärs gewarnt. Wie kann es sein, dass ein einzelner Politiker – Netanjahu – den Präsidenten der Vereinigten Staaten faktisch im Alleingang und unter Aushebelung aller institutionellen Sicherungen in einen Krieg treiben kann?
Der CIA-Chef Ratcliffe sagte, die Idee mit dem Regime-Change sei absurd. Außenminister Rubio sagte, die Idee sei „bullshit“, General Cane warnte vor den Folgen. Bei Trump heißt es, er hört auf den, mit dem er zuletzt im Raum war. Netanjahu hat natürlich ein ungeheures Charisma. Er weiß, wie man in Amerika auftritt, und ist aus einem ähnlichen Holz geschnitzt wie Trump. Er hat es geschafft, sich immer wieder bei allen Skandalen den Strafverfolgungsbehörden zu entziehen. Das imponiert Trump.
Reicht es also, wenn ein Präsident sagt, ich will jetzt die Zivilisation im Iran auslöschen, dass ihm alle rund um ihn folgen und sagen, jawohl, dann löschen wir jetzt die Zivilisation aus?
Die Ausfälle haben mit dem Spruch begonnen, er werde die Iraner in die Steinzeit zurückbomben, „wo sie hingehören“, oder dass er sie in die Hölle verwünscht. Die verbale Eskalation kam aus der Einsicht, dass er den Krieg gegen den Iran nicht gewinnen kann. Es ist nicht klar, ob seine verbale Eskalation nur ein weiterer Versuch des Geschäftsmanns Trump war, die Gegenseite über den Tisch zu ziehen. Aber es ist ja eigentlich Netanjahu, der seit langem die Zerstörung des Irans fordert. Was Trump gemeint haben dürfte, ist ja vielmehr der Plan Netanjahus, alle Strukturen so zu zerstören, dass der Iran nur noch mit sich selbst beschäftigt und somit keine Gefahr mehr für Israel ist.
Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr eindrücklich die unverhältnismäßige Kriegsführung Israels gegen die Palästinenser und zitieren zahlreiche Israelis, die von einem „Genozid“ sprechen. Das läuft ja schon lange vor Trump. Die Amerikaner haben das alles immer gedeckt. Ist das in deren Interesse oder sind die Institutionen zu schwach?
Viele meiner amerikanischen Freunde sind entsetzt darüber, dass die Institutionen offensichtlich keine Gewähr bieten, einen völlig Abgedrehten im Weißen Haus einzuhegen. Trump wird allerdings getragen von evangelikalen Christen und christlichen Nationalisten, die den ideologischen Rahmen für diesen Krieg bieten. Seine Anhänger sehen zwar, dass Trump kein gläubiger Christ ist, dass er aber trotzdem aus ihrer Sicht etwas „Gutes“ bewirken kann. Sie sehen in ihm ein Werkzeug Gottes, so wie im persischen Herrscher Kyros II., der 539 v. Chr. die Israeliten aus der babylonischen Gefangenschaft befreit hat. Ein weiteres Werkzeug ist der Kriegsminister Pete Hegseth, der auf seinem rechten Unterarm „Deus vult“ eintätowiert hat, den Schlachtruf der Kreuzritter vor der Einnahme von Jerusalem. Das Kriegsministerium verbreitet die Ideologie der christlichen Nationalisten, die ich im Buch ausführlich erkläre. Diese Leute sagen, dass Amerika ein christliches Land ist, in dem Christen mehr Rechte haben müssten als Nicht-Christen. Sie haben gemeinsam mit den Evangelikalen Trump ins Weiße Haus gespült. Die Evangelikalen sind nicht deckungsgleich mit den Nationalisten. Die glauben, dass der Messias erst dann zurückkehrt, wenn die Juden das ihnen in den fünf Büchern Mose sowie in dem darauffolgenden Buch Josua versprochene Land besiedeln. Der amerikanische Botschafter Mike Huckabee hat mehrfach gesagt, dass den Juden das Land zusteht, das ihnen in der Bibel versprochen wurde. Damit haben wir eine Interessengleichheit der Evangelikalen mit den biblischen Zionisten in Israel.
Die Evangelikalen müssten aber eigentlich gegen Israel sein, weil die israelische Armee etwa im Südlibanon systematisch gegen Christen vorgeht und zum Beispiel Kirchen zerstört. Droht Trump der Verlust der Unterstützung seiner Basis?
Der Widerstand in der Trump-Basis gegen den Iran-Krieg wurde zum Teil dadurch ausgelöst, dass die israelische Armee gegen christliche Dörfer im Westjordanland vorgeht. Die frühere Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene hat als Erste gefragt: Weshalb finanzieren wir eine Armee, also die israelische, die Christen im Westjordanland tötet? Nach der Ermordung von Charlie Kirk wurde bei einer Veranstaltung seiner Jugendorganisation Turning Point USA gefragt: Wenn wir für den Schutz von ungeborenen Kindern sind, also gegen Abtreibung eintreten, wie können wir dann die Tötung von Kindern in Gaza akzeptieren?
Kann Trump seine Maga-Gemeinde noch einfangen?
Ich höre von immer mehr Maga-Leuten, die sagen, wie enttäuscht sie sind. Trump hatte versprochen, keine neuen Kriege mehr zu führen. Auch wegen des Widerstands im eigenen Lager hat Trump die Feuerpause ausgerufen.
Haben die USA den Krieg verloren?
Ja, das ist keine Frage. Die Vereinigten Staaten haben ihre Kriegsziele verfehlt und massiv an Ansehen in der arabischen Welt verloren. Der Iran ist aber deutlich gestärkt. Allein die Tatsache, dass es direkte Verhandlungen mit den Amerikanern über die Beendigung des Kriegs gibt, ist für die Machthaber in Teheran ein riesiger Erfolg. Der Iran hat nun die Kontrolle über die Straße von Hormus, was das strategische Gleichgewicht in der Region deutlich verändert und weitreichende Folgen für die Weltwirtschaft hat. Trump bleibt trotzdem keine Wahl, als den Krieg zu beenden, denn die Midterm-Wahlen im November scheinen ihm zu entgleiten.
Glauben Sie, dass Netanjahu genau deshalb auf Eskalation setzt, weil er weiß, nur bis zu den Midterm-Wahlen kann er Trump als Werkzeug benutzen?
Netanjahu wird jede Chance nützen, die sich ihm bietet.
Verändert der Erfolg auch die Rolle des Iran in der Region?
Wirtschaftlich liegt der Iran auch wegen der Angriffe gegen seine Öl- und Industrieanlagen am Boden – aber politisch und strategisch spielt der Iran heute eine deutlich wichtigere Rolle als noch zu Jahresbeginn. Iran hat mehr Raketen auf die Vereinigten Arabischen Emirate abgefeuert als auf Israel. Trotzdem sind die Golfstaaten sehr zurückhaltend und haben nicht selbst in den Krieg eingegriffen. Denn sie wissen: Der Iran ist unser Schicksal, wir können die Geografie nicht ändern. Der Iran ist unser Nachbar, und wir müssen mit dem Iran leben, der da ist, und nicht mit einem gewünschten. Auch wenn die Golfstaaten sich kurzfristig nicht von den USA abwenden, werden sie ihre Sicherheitspolitik diversifizieren. Die Ukraine und Südkorea haben jetzt schon ausgeholfen, als die Amerikaner keine Waffen mehr liefern konnten. In der Wirtschaftspolitik werden wir weniger Amerika und mehr China sehen. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind Vorreiter bei erneuerbaren Energien. Für grünen Wasserstoff brauchen sie Anlagen, die sie aus China bekommen. Gleichzeitig investieren sie in Drittstaaten stark in Erneuerbare, vor allem in Afrika, während Trump auf „drill, baby, drill“ setzt. Die USA haben nicht begriffen, dass das alte Motto „Öl gegen Sicherheit“ nicht mehr greift und sich die Golf-Monarchien anders orientieren – sowohl was Energie betrifft als auch die Sicherheit. Auch wenn China militärisch auf absehbare Zeit nicht eingreifen wird, könnte China auf diplomatischem Weg als eine Art Garantiemacht für einen etwaigen Frieden übernehmen. China profitiert auch davon, dass Amerika seinen moralischen Anspruch einbüßt.
Welche Rolle kann Deutschland da spielen?
Deutschland hat den Golfstaaten und dem Iran nichts zu bieten. Auch wenn der aktuelle Bundesaußenminister Johann Wadephul einen guten Ruf hat, so hat Deutschland doch viel zu lang dem Treiben der israelischen Armee in Gaza und dem Treiben der sogenannten jüdischen Siedler im Westjordanland kritik- und tatenlos zugeschaut.
Kann es sein, dass die Amerikaner Israel eines Tages fallen lassen?
Es ist durchaus denkbar, dass Trump sagt: Netanjahu hat mich belogen, und Israel zum Sündenbock für das eigene Scheitern macht.
Das könnte eine verheerende Welle von echtem Antisemitismus auslösen. Bei einigen Rechten in den USA tönt das ja schon an ...
Genau diese Befürchtung haben einige meiner jüdischen Freunde.
Rainer Hermann, geboren 1956, studierte Islamwissenschaft und Volkswirtschaft in Freiburg, Rennes, Basel und Damaskus. Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete er aus Istanbul, Abu Dhabi und zuletzt aus Frankfurt über den Nahen Osten, die Türkei und die islamische Welt. Sein Buch „Die Zerstörung des Nahen Ostens. Trump, Netanjahu, die Hamas und die neue Ordnung des Schreckens“ ist bei Klett-Cotta erschienen (256 Seiten, 18 Euro).
