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KI und ihre Folgen: Elon Musk verspricht Überfluss – doch wem wird er gehören?

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Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

In verschiedenen X-Posts und YouTube-Gesprächen der letzten Wochen prognostiziert Elon Musk ein Ende der Knappheit: Künstliche Intelligenz und Roboter erledigen „alles besser, schneller, billiger“, Arbeit wird zur Option, nicht mehr zur Pflicht, und ein „allgemeiner Überfluss“ ersetzt das alte Prinzip von Mangel und Konkurrenz. Er skizziert eine Welt, in der niemand mehr arm sein müsse, ein hohes und bedingungsloses Einkommen für alle selbstverständlich ist und Geld an Bedeutung verliert.

Doch diese Vision impliziert Fragen, die bisher kaum beantwortet sind. Nach welchen Regeln werden ihre Früchte verteilt? Und wie können nicht nur Dinge, sondern auch Macht und menschliche Würde anders als bisher verteilt und organisiert werden.

Der bereits von Aristoteles geäußerte Zukunftstraum eines Überflusses an materiellen Möglichkeiten scheint tatsächlich machbarer denn je zu sein. Die Geschichte der Industriegesellschaft kennt zwar bereits enorme Produktivitätsgewinne, doch bisher reichte der erweiterte Wohlstand an Dingen und Zeit nie für alle. Und es brauchte meist politische Kämpfe, um ihn breiteren Schichten zugänglich zu machen. Könnte das bei der mächtigsten Automatisierungstechnologie der Geschichte anders sein?

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Klassische Marktwirtschaft beruht auf Knappheit

Musk und weitere Vertreter dieses Techno-Optimismus argumentieren, dass KI die ultimative „General Purpose Technology“ sei. Wenn Algorithmen nicht nur körperliche, sondern auch kognitive Arbeit übernehmen, können Produktionskosten für viele Güter drastisch sinken. Was heute teuer ist – maßgeschneiderte Dienstleistungen, hochwertige Bildung, medizinische Expertise – könnte massenhaft verfügbar werden.

Aber in denselben Entwicklungen sehen andere nicht das Ende, sondern die Zuspitzung von Knappheit – nicht mehr materiell, sondern sozial. Denn wenn Maschinen nahezu alle Tätigkeiten günstiger erledigen können, geraten klassische Erwerbsbiografien unter Druck. Besonders gefährdet wären Tätigkeiten, die heute als „sichere Mitte“ gelten: Buchhaltung, Verwaltung, viele Bürojobs, einfache Programmier- oder Analyseaufgaben. Auch akademische Abschlüsse verlieren an Wert, wenn KI Standardaufgaben in Sekunden erledigt. In dieser Perspektive droht eine „Deklassierung in Zeitlupe“: Nicht weil Güter fehlen, sondern weil Menschen keinen Zugang mehr zu auskömmlichen Einkommen haben.

Der Widerspruch beider Perspektiven könnte sich auflösen, wenn man Ökonomie, Politik und Psychologie neu zusammen denkt. In der ökonomischen Theorie gab es immer wieder Spekulationen über den „Postknappheits“-Kapitalismus, meist als fernes Gedankenexperiment.

Die klassische Marktwirtschaft beruht auf Knappheit: Preise signalisieren, wovon zu wenig da ist, Löhne belohnen vermeintlich knappe Fähigkeiten. Wenn KI aber einen wachsenden Teil von Arbeit substituiert und Wissen nahezu kostenlos abrufbar wird, geraten diese Mechanismen ins Wanken.

Was ist noch knapp, wenn Software Texte schreibt, Pläne entwirft, Diagnosen stellt, Verträge zusammenfasst? Es bleiben in erster Linie drei Bereiche: physischer Raum (Boden, insbesondere in attraktiven Städten), ökologische Belastbarkeit (saubere Luft, stabiles Klima, intakte Ökosysteme) und menschliche Aufmerksamkeit, die sich nicht beliebig vervielfältigen lässt. Genau hier wird Politik zur Schlüsselfrage: Wer darf wo leben, wie wird Umweltverbrauch bepreist, wie werden digitale Ökosysteme reguliert?

„Theoretisch“ ist das entscheidende Wort

Musks Idee eines hohen Grundeinkommens passt dabei überraschend gut in eine alte sozialpolitische Debatte, verschiebt aber ihren Rahmen. Ein bedingungsloses Einkommen ist in einer Ökonomie, die auf menschliche Arbeit angewiesen ist, schwerer zu finanzieren, weil hohe Transfers die produktive Basis belasten.

In einer KI-Ökonomie, in der die produktive Basis aus hochautomatisierten Systemen besteht, wäre es theoretisch einfacher, einen Teil dieser Wertschöpfung über Steuern oder Beteiligungsmodelle an die Bevölkerung zurückzugeben. Doch „theoretisch“ ist das entscheidende Wort. Die politische Hürde, globale Tech-Gewinne konsequent zu besteuern und zu verteilen, ist hoch – und die Machtasymmetrien sprechen bisher eher gegen als für solche Lösungen.

Hinzu kommt eine Dimension, die in Musks Optimismus zu kurz kommt: die Frage nach Sinn, Würde und sozialer Einbindung. Für viele Menschen ist Arbeit nicht nur Einkommensquelle, sondern Struktur, Identität, Anerkennung. Wer bin ich ohne Beruf? Wozu stehe ich morgens auf, wenn mich niemand mehr „braucht“?

Ein hohes Grundeinkommen kann Existenzängste nehmen, aber es beantwortet diese Fragen nicht automatisch. In einer Welt, in der Maschinen objektiv produktiver sind, droht eine subtile Entwertung menschlicher Tätigkeit: Wir werden nicht mehr benötigt, also beschäftigt man uns – oder wir beschäftigen uns selbst. Zwischen „Freiheit von Zwangsarbeit“ und „Überflüssigsein“ verläuft eine feine Grenze.

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Hier liegt die Chance Europas

Die Konsequenz ist unbequem, aber unvermeidlich: Die Frage „Wer hat recht?“ – Musk oder seine Kritiker – ist falsch gestellt. Die Technik legt Möglichkeiten auf den Tisch, aber sie entscheidet nicht, welche davon Realität werden. Die KI-Ökonomie ist weder von Natur aus ein Paradies noch zwangsläufig ein Albtraum. Sie ist ein Verstärker: Sie kann Überfluss sozialisieren oder konzentrieren. Sie kann Menschen befreien oder entwerten. Sie kann menschliche Würde, Freiheit und Demokratie stärken oder oligarchische Macht zementieren. Welche dieser Möglichkeiten wir wählen, ist eine politische und kulturelle Entscheidung.

Europa scheint den Wettbewerb um die technischen Innovationen für eine solche neue Kultur gegenüber den USA und China verloren zu haben. Doch eine nicht sozial-destruktive, sondern humanistisch-florierende Kultur des KI-Zeitalters könnte ebenso zukunftsentscheidend und damit wertvoll werden wie deren technische Innovationen.

Und hier liegt nicht nur die Chance, sondern die Aufgabe Europas. Die Kulturgeschichte des Humanismus hat viele Wurzeln, sie liegen in Indien, China, auch bei Indianern und Afrikanern, und auch bei Tolstoi und Dostojewski. Aber es waren die europäische Philosophie und die hier entstandene Psychologie, welche diese in den letzten Jahrhunderten nicht nur sammelten, sondern auch wissenschaftlich verdichteten und ideologiefrei verfügbar machten.

Der Albtraum, den die Skeptiker fürchten

Neben Eigentumsfragen an Daten und Modellen, um neue Formen der Besteuerung von KI-Gewinnen, um Mitbestimmungsrechte in hochautomatisierten Unternehmen, geht es daher ebenso sehr um neue Formen humanistischer und kultureller Bildung. Um die allgemeine Bildung von KI-Kompetenzen, aber auch von menschlichem Selbstbewusstsein.

Vielleicht lässt sich Musks Vision produktiv missverstehen: nicht als Prognose, wie es kommen wird, sondern als Test, ob wir als Gesellschaft in der Lage sind, technischen Überfluss in menschliche Freiheit zu übersetzen. Das Ende materieller Knappheit ist denkbar. Die Frage ist, ob wir den Mut haben, das Ende künstlicher Knappheiten – von prekären Löhnen bis zum Mangel an Zeit, Bildung und kultureller Teilhabe – sowohl zu denken als auch zu organisieren.

Wenn wir diese Aufgabe verschlafen, wird der „materielle Überfluss“ zu genau jenem Albtraum, den die Skeptiker fürchten. Wenn wir sie ernst nehmen, könnte er der Beginn einer neuen menschlichen Gesellschaft und Kultur sein.

Aber es reicht nicht, nur Ökonomie und Institutionen zu verändern – die KI-Ökonomie zwingt uns auch zu einem neuen Verständnis von Würde, Macht und Bewusstsein. Ohne diese innere Arbeit werden selbst perfekte Strukturen von außen schnell wieder von alten Mustern unterlaufen. In einer Welt, in der Maschinen fast jede Funktion effizienter erfüllen, verschiebt sich der Maßstab für menschlichen Wert.

Die KI-Ökonomie trifft mehrere psychologische Grundpfeiler.

Identität: Viele definieren sich über Beruf und Nützlichkeit. Wenn Arbeit optional wird, braucht es neue Erzählungen von gelungener Biografie: weniger „Was leiste ich?“, mehr „Wie wachse ich? Wen berühre ich?“

Angst: Der Übergang erzeugt Verlustängste (Status, Sicherheit, Orientierung). Sie können entweder in Ressentiment, Verschwörungsdenken und Rückzug münden – oder in Lernbereitschaft, Solidarität und Experimentierfreude.

Vergleich: Wenn Maschinen permanent „besser“ sind, droht ein Gefühl der Minderwertigkeit. Ein reifes Selbstbild anerkennt: Menschliche Besonderheit liegt nicht in Effizienz, sondern in Bewusstsein, Verletzlichkeit, Fähigkeit zu Sinn und Liebe.

Es braucht neue Theorien

Psychische Gesundheit und menschliches Würde-, Freiheits- und Selbstbewusstsein werden damit zu Infrastrukturaufgaben. Dabei geht es um Zugang zu Therapien, Coachings und kollektiven Lernräumen, in denen Menschen diese Transition innerlich verarbeiten können. Inwieweit diese noch menschliche Experten brauchen oder mehr oder weniger und teilweise sogar besser von KI-Coaches und individuellen KI-Lernbegleitern geleistet werden können, könnte jeder Mensch selbst entscheiden. Doch sie sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für einen nicht-destruktiven Umgang mit Überfluss. Die Frage ist: Wie verhindern wir, dass neue Möglichkeiten in Flucht, Sucht, Radikalisierung oder Zynismus münden?

Damit das mehr ist als schöne Theorie, braucht es neue Theorien, welche uns Menschen als materielle, soziale, kulturelle und psychische Wesen nicht mehr fachlich aufteilen, sondern auch zusammendenken. Und es braucht praktische Räume, in denen Menschen diese neue Haltung üben können – Bildung, Medien, Kunst, Spiritualität und Psychologie tragen hier genauso viel Verantwortung wie Politik und Wirtschaft.Maik Hosang ist Professor für Kulturwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz und Autor. Mehr von ihm zu diesem hier behandelten Thema ist in dem in Kürze erscheinenden Buch „Die wunderliche Welt von Morgen: Oder wie Mutter Theresa Elon Musk inspirierte“ zu lesen.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.


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