Triggerwarnung Holocaust: Die politische Berlinale warnt vorm Politischen
Fühlen Sie sich unangenehmm berührt, wenn jemand den Holocaust thematisiert? Dann sollten Sie sich den Dokumentarfilm „Les juifs riches“ der französischen Regisseurin Yolande Zauberman auf keinen Fall ansehen. Zumindest, wenn es nach der Berlinale geht. Das Filmfestival veröffentlicht auf seiner Website sogenannte Content Notes, also Triggerwarnungen zu einzelnen Filmen, mit denen das Publikum über sensible Inhalte informiert werden soll. Auch vor der Thematisierung der Shoah werden wir dieses Jahr gewarnt.
„No Good Men“ auf der Berlinale: Warum Dieter Bohlen an dieser Taliban-Rom-Com mitverdient
Laut Berlinale sollen diese Hinweise einzelne Filme kennzeichnen, „die in Teilen auf Personen oder Gruppen im Publikum verstörend oder belastend wirken können“, zum Beispiel bei Darstellungen von Kriegshandlungen, Drogenkonsum, Suizid und Leichen. Es gibt aber auch Content Notes, die lediglich auf die Thematisierung von sensiblen Inhalten aufmerksam machen, neben Inzest und Alkoholsucht im Falle von „Les juifs riches“ nun eben auch der Holocaust.
Content Note Holocaust: Wer soll hier geschützt werden?
Das Konzept der Triggerwarnung kommt aus der Traumatherapie, es ist von dort vor allem in die Kulturbranche eingedrungen. In Büchern, Filmen, im Theater wird seitdem häufig vor verstörenden Inhalten gewarnt. Das Publikum soll entscheiden können, ob es sich mit einem bestimmten Thema auseinandersetzen möchte oder nicht.
Man kann sicherlich über die therapeutische Sinnhaftigkeit von Triggerwarnungen diskutieren. Aber dass ein Filmfestival, gerade eines, das sich den eigenen politischen Anspruch groß auf die Fahnen schreibt, sein Publikum vor Inhalten wie dem Holocaust warnen möchte, erscheint widersinnig.
Bundeswehr-Doku „Szenario“: Die Berlinale zeigt, wie das Vernichten geübt wird
Die Ära erhöhter Sensibilität hat viel Gutes bewirkt, die Triggerwarnung gehört nicht unbedingt dazu. Vor allem in Deutschland, in Berlin, muss eine solche Warnung vor dem Holocaust mit Unbehagen erfüllen, sie muss einem abwegig erscheinen. Der Holocaust ist eine historische Realität, die hierzulande sogar Schulstoff ist. Wenn man der Logik der Berlinale folgt, müsste auch vor dem Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor eine Triggerwarnung stehen, an der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, wo der Völkermord an den europäischen Juden geplant worden ist, in vielen Schulbüchern. Es wäre absurd.
