Publikum flieht reihenweise: Angela Schanelecs „Meine Frau weint“ quält im Wettbewerb
Es sind meist die kleinen, unprätentiösen deutschsprachigen Filme, die in den letzten Jahren auf der Berlinale überraschten. „Rose“ von Markus Schleinzer ist wieder einer dieser Kandidaten. Sandra Hüller spielt in dieser österreichisch-deutschen Produktion eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert als einen Soldaten namens Rose ausgibt. Sie erschleicht sich einen Bauernhof, den ein toter Kamerad erben sollte. Doch die Dorfgemeinschaft wird mit der Zeit misstrauisch und beginnt, an Roses Identität zu zweifeln.
Eine Hosenrolle im klassischen Sinne ist die Figur nicht, denn Sandra Hüller spielt keinen Mann, sondern eine Frau, die sich als Mann ausgibt. Dadurch ist das Schauspiel der Oscar-nominierten Hauptdarstellerin umso vielschichtiger. Wenn Sandra Hüller als Rose breitbeinig durch die Gegend läuft, dann läuft sie eben nicht wie ein Mann, sondern wie eine Frau, die einen Mann imitieren will. Und wenn sie von der wütenden Dorfgemeinschaft aufgefordert wird, ihr Gemächt zu präsentieren, um die aufkommenden Zweifel an ihrer Identität zu beseitigen, dann spielt Sandra Hüller eine Frau, die noch verkrampfter versucht, einen Mann zu spielen, und dabei die Dorfgemeinschaft verzweifelt anbrüllt.
„Rose“ ist die dritte Regiearbeit des österreichischen Schauspielers und Filmemachers Markus Schleinzer, der mit dem Wettbewerbsfilm eine queere Geschichte erzählt, die düsterer und deutscher nicht sein könnte. Der Film ist in tiefstem Schwarz-Weiß gehalten, es fängt die raue Welt des 17. Jahrhunderts atmosphärisch dicht ein. In der schönsten Szene des Films wütet ein unerbittlicher Sturm durch das bäuerliche Dorf. Und wenn wir Rose dabei beobachten, wie sie ihre Ehefrau in der dunklen Stube mit einem Umschnalldildo penetriert, dann sehen wir nur ein paar Konturen des Mobiliars. Die Handlung der Figuren kann man im Schwarz der Leinwand nur erahnen.
Die Erzählstimme auf dem Off ist in „Rose“ klug eingesetzt. Sie gibt nicht einfach das wieder, was wir ohnehin sehen, sondern erklärt kühl und verdichtet, welches Schicksal die Figuren in der Zukunft erfahren werden. „Der erste Schwerthieb saß nicht richtig und hackte ihr in die Schulter“, hören wir da zum Beispiel aus dem Off. So wirkt der Film stellenweise wie eine düster-komische Erzählung von Wilhelm Busch, mit demselben zynischen Humor und derselben Grausamkeit.
Angela Schanelecs „Meine Frau weint“
Bei Regisseurin Angela Schanelec hingegen ist alles beim Alten. Die 64-jährige Regisseurin ist mit ihrem Film „Meine Frau weint“ ebenfalls im Wettbewerb vertreten. Darin bekommt der Kranführer Thomas den Anruf, dass sich seine Frau im Krankenhaus befindet. Als er bei ihr ankommt, erzählt sie ihm, dass sie einen Autounfall hatte, als sie sich gemeinsam mit ihrem Tanzpartner David ein Haus auf dem Land anschauen wollte, um dort mit diesem ein neues Leben anzufangen. David kam aber ums Leben und die Ehe zwischen Thomas und Carla wird auf eine Probe gestellt.
Schanelecs Film bleibt der Berliner Schule treu und auch der Titel hält, was er verspricht. Es wird geweint in diesem Film, aber mitfühlen lässt die Regisseurin das Publikum nicht. Die Kamera ist meist weit entfernt von den Figuren. Manchmal sehen wir sie auch durch schmutzige Fensterscheiben gefilmt, wodurch sie noch unerreichbarer erscheinen. Bei der Besetzung setzt Schanelec auf einen durchgehenden Verfremdungseffekt. Die Schauspieler sind fast alle keine deutschen Muttersprachler, ihre Dialoge hingegen in reinem Schriftdeutsch verfasst. So kommt es dann vor, dass beispielsweise die französische Darstellerin der Carla, Agathe Bonitzer, ihre Sätze in gestelztem Präteritum spricht, was dem Film eine unnatürliche Atmosphäre verleiht, für die Regisseurin Schanelec bekannt ist.
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Das alles ist so langatmig inszeniert, dass sich dieser mit 93 Minuten eigentlich nicht so lange Film ewig anfühlt. Das liegt an der altbackenen Erzählweise, aber auch an den unendlich langen Einstellungen, die nichts mehr erzählen, noch nicht mal die Gefühlswelt der Figuren. Da sieht man Hauptfigur Carla in unzähligen Einstellungen mit dem Fahrrad die Landstraße entlangfahren. Man fragt sich, was das alles soll, aber bis dahin sind die meisten im Kinosaal bei der Pressevorführung am Montagabend ohnehin schon eingeschlafen oder haben den Saal verlassen. Am Ende der Vorstellung jedenfalls waren die Reihen ordentlich ausgedünnt.
Vielleicht will die Regisseurin mit ihrer Inszenierung aber auch irgendeinen inneren Konflikt der Figuren darstellen, der jedoch im Diffusen bleibt, so wie überhaupt alles in den Filmen von Angela Schanelec im Diffusen bleibt. Wo die Filme von Christian Petzold, einem ebenso prominenten Vertreter der Berliner Schule, meist im Alltäglichen etwas Transzendentales finden, endet die Alltäglichkeit in Schanelecs „Meine Frau weint“ in unerträglicher Banalität – und die Berliner Schule zeigt sich in diesem Film mal wieder von ihrer sprödesten Seite.Rose. Wettbewerb 18.2., 9.45 Uhr (Uber East Music Hall), 22.2., 19.45 Uhr (Haus der Berliner Festspiele) Meine Frau weint. Wettbewerb. 18.2., 12.30 Uhr (Uber Eats Music Hall), 19.2., 10 Uhr (Urania), 21.2., 20 Uhr (Haus der Berliner Festspiele), 22.2., 17.45 Uhr (Urania). Tickets auf: berlinale.de
