Peter Stawowy: „Weil Ihr Ossis so scheiß misstrauisch seid gegenüber dem Staat“
Das Konzept dieses audiovisuellen Zusammentreffens, das es erst seit Januar diesen Jahres gibt und das den Titel „Unglaublich“ trägt, ist schnell erzählt: Ossi und Wessi sprechen sich aus. Ist ja erstmal nichts Schlechtes. Sollte generell öfter passieren. Hätte in den letzten 37 Jahren vielleicht sogar verordnet werden sollen, dann wäre einiges besser gelaufen. Aber hätte, hätte, Fahrradkette.
Ein Podcast über „Medien, Macht und Wahrheit“ bieten da also zwei Medienmacher mit ost- und westdeutscher Sozialisation an, und das Gute an dem Duo ist: Sowohl den Wessi Stawowy als auch den Ossi Kuhne könnte man als „Wossi“ wahrnehmen. Als einen Menschen also, der sich schon gleich nach dem Mauerfall tief in das jeweilige Terrain des anderen hineingewagt hat, der als Wessi Wurzeln im Osten schlug– und vice versa. Und der genug Menschlichkeit und Neugierde mitbringt, um im Biotop des jeweils anderen als Bereicherung empfunden zu werden. Soll heißen, der gebürtige Rheinländer Stawowy kam früh nach Dresden, um dort zu leben und zu arbeiten, der Dresdener Kuhne hingegen verdingte sich früh bei Springer. Und während der Ostdeutsche den Boulevard und die Zuspitzung nicht scheut, gibt Stawowy gern den nachdenklichen Kontrapunkt.
Typischer Schlagabtausch zwischen Ost und West
In einer ihrer letzten Folgen ging es nun darum, dass man dem Staat „mehr vertrauen“ müsse. Der Wessi verlangte das vom Ossi, der prustete daraufhin nur amüsiert los – und das Thema dieser neunten Podcastfolge war geboren. In der geht es beim anfänglichen Smalltalk darum, wer was wen und wann im Osten oder Westen kennt, wer wann eine Ost- oder westdeutsche Freundin hatte und so weiter. Wie man es eben selbst kennt aus etlichen freundlichen „Wer bist du/Was machst du-Diskussionen“. Dann gesteht Kuhne, er habe eigentlich gedacht, die Kategorien „Ost“ und „West“ wären nach all den Jahren „überkommen“, habe aber feststellen müssen: „Ich bin wirklich Ostdeutscher!“
Der Westdeutsche Stawowy gesteht, dass er es immer „herzlicher“ empfand, den Eltern einer Ostfreundin vorgestellt zu werden, weil die ihn eher gefragt hätten, wie es ihm gehe. Die einer Westfreundin hingegen wollten immer gleich wissen, was er beruflich mache.
Woher, wollen die beiden Dresden-Bewohner dann herausfinden, käme es denn nach all den Jahren, dass sich 42 Prozent der Ostdeutschen laut einer Allensbach-Umfrage immer noch „als Bürger zweiter Klasse“ empfänden. Das sei nach einer aktuellen Erhebung des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts (EFBI) der Uni Leipzig so. Und warum vertrauten nur noch 17 Prozent der Ostdeutschen der Bundesregierung?
„Nu muss es doch auch mal gut sein“
Da liegt es nahe, sich an die Fakten zu halten, und das tun die beiden dann auch. Lohnlücke, gläserne Decke, Führungspositionen Besitzverhältnisse, alles kann zahlenmäßig abgeglichen und der Osten dann schnell als Benachteiligter ausgewiesen werden. Eine Herangehensweise, die man in knapp 36 Jahren wiedervereinigtem Jahren natürlich schon des Öfteren beansprucht hat, die also nicht unbedingt neu ist. Die man aber offenbar gebetsmühlenartig wiederholen muss, damit sich der denkfaule westdeutsche Stoßseufzer „Na, nu muss es doch aber auch mal gut sein“ bloß nicht erübrigt. Ist nämlich leider noch lange nicht alles gut und auf Augenhöhe, wenn es denn Zahlen wie diese gibt: Dass nämlich im Westen jährlich ca. 400 Milliarden vererbt werden und im Osten nur 10 Prozent davon. Dass 80 Prozent der Immobilien und Grundstücke in ostdeutschen Innenstädten Westdeutschen gehören. Dass also Ostdeutsche, so Kuhne, „im eigenen Land mieten müssten“.
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Ost-West-Konflikt: Auch die Aufarbeitung bedarf einer Aufarbeitung
Eine leicht schräge Ansage, obwohl man als Ostdeutscher genau versteht, was Kuhne damit sagen will. Und auf die vor allem zuverlässig, und auch hier von Stawowy, das westdeutsche Argument folgt: „Ja, ich müsste im Westen jetzt mieten.“ Dieses typische Abwiegeln à la „Aber das gabs doch bei uns auch“. Ja, sicher, auch im Westen gab es diese oder jede Ähnlichkeit, und dennoch ist hier aber die Rede von zwei Gesellschaftssystemen, die ihre Leute in 37 Jahren unterschiedlichst geprägt haben. Während die einen angehalten waren, ihren Individualismus und den Aufbau ihrer Karriere zu verfolgen, wurden die anderen klein und zahm gehalten und ihnen das kollektive Leben und Streben eingebläut. Punktabzug also eindeutig an dieser Stelle an den Wessi in der Runde, der nur kurz hinhört und dann sein nivellierendes „Ja, aber“ herausholt. Hätte sich Stawowy – wie viele andere Tausende vor ihm – einmal darauf eingelassen, dass grundverschiedene unterschiedliche Arten des Aufwachsens sehr unterschiedliche Menschen hervorbringen, die einen unterschiedlichen Anspruch an materiellen Besitz, Sinn des Lebens und Selbstverwirklichung stellen, dann müsste ihm sein Einwurf selbst ziemlich blöde vorkommen.
Keine Nostalgie-, Reue- und Rachestunde
Aber –und auch das muss man sagen – Kuhne und Stawowy kennen sich anscheinend zu lange und zu gut und sind sich auch sonst zu charakterlich zu nah, als dass sie beide über diese Fragen in einer bitteren Fehde enden würden – wie es ja heutzutage öfter vorkommt, wenn auch kaum in Podcasts. Wirklichen Dissenz und also Erhellung neuer Dunkelstellen kann man hier nicht erhoffen, hört aber einer durchaus kurzweiligen, weil wahren Unterredung zu. Zudem, Kuhne muss es erwähnen, sei da auch eine jahrzehntelange, westdeutsch dominierte Medienberichterstattung über den Osten gewesen, die den EX-DDRler immer als ein Problem dargestellt habe. „Das macht was mit den Leuten“, konstatiert Kuhne.
Eine Nostalgie-, Reue- und Rachestunde soll das Gespräch zwischen den beiden Herren dann aber doch nicht werden. Und deshalb auch die Erwähnung des Deutschland-Monitors 2025, der belegt: Eine Mehrheit der Ostdeutschen schätze die Demokratie und die persönliche Freiheit als höchstes Gut. Die oft zitierte „Sehnsucht“ nach Altverflossenem beziehe sich vielmehr sich auf die soziale Sicherheit (Jobgarantie, flächendeckende Kitas) und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nicht auf SED oder Stasi. Auch die Diktatur würde nicht vermisst, nur die Wertschätzung der eigenen Lebensleistung.
Und so kommt man am Ende ganz automatisch auf das Misstrauen der Ossis dem Staat gegenüber und schlägt den Bogen zurück zur Ausgangsthese. Ja, wer wäre nach all diesen Erfahrungen nicht misstrauisch? ist leider eine Frage, die man in dieser munteren Mikrofonstunde nicht klärt, eher kommen Kuhne und Stawowy unisono zu dem Schluss: „Der Westdeutsche vertraut dem System, bis es ihn enttäuscht. Der Ostdeutsche misstraut dem System, bis es sich bewiesen hat.“ Und beide Medienmacher legen nahe, dass sich der weiteren Analyse dieses Themas ja auch die Produkte des Verlegers Holger Friedrich widmen, als da wären die Berliner und die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ). Die „Deutungshoheit über das eigene Leben wiederfinden“ könne man diese Zeitungen auch nennen. Oder: „Den Osten verstehen, nicht ihn belehren“.
