Jugendliche, Social Media und das „Wicked Problem“: Warum Verbote allein nicht reichen
Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Eine bestürzende Diagnose führte im letzten Jahr dazu, dass erstmals in einem demokratischen Land, in Australien, ein Verbot für den Zugang zu Social Media für Nutzer unter 16 Jahren erlassen wurde, konkret für Instagram, TikTok, Snapchat, Facebook, YouTube, Reddit, X und Twitch. Diese Diagnose zeichnete in apokalyptisch anmutenden Szenarien die Auswirkungen der sozialen Medien und stellte sie in eine Reihe mit Rauschmitteln, Gehirnwäsche, Manipulation und der Gefährdung der psychischen Gesundheit Jugendlicher – begleitet von weiteren ähnlich alarmistischen Schlagworten.
Wie immer man diese Strategie bewerten will und was immer auch die Alternative gewesen wäre: Sie kam mit – fast ist man versucht zu sagen – fahrlässiger Verspätung. Denn die Diskussion ist keineswegs neu, ebenso wenig wie die Analogien zur Psychopathologie es sind.
Vor Jahrzehnten schon wurden drastische Warnungen formuliert – und dies nicht von irgendwelchen im Gestrigen steckengebliebenen Maschinenstürmern, sondern von absoluten Spitzenprofis des Hightech-Gewerbes selbst.
Gefährdung des sozialen Zusammenhalts
Chamath Palihapitiya, der in leitender Position für das drei Jahre zuvor gegründete Unternehmen Facebook tätig war, fühlte schon 2007 eine „ungeheure Schuld“, weil er mitgeholfen habe, Werkzeuge zu entwickeln, die den sozialen Zusammenhalt zerstörten, und wählte zu ihrer Beschreibung eine neurologische Metapher: „Dopamin-getriebene Feedback-Loops zerstören die Grundlagen unserer Gesellschaft.“
Jaron Lanier, ein US-amerikanischer Informatiker und Künstler, rüttelte 2013 die Öffentlichkeit in einem Bestseller über die Pervertierung des World Wide Web durch die kommerzielle Kontrolle der Datenflüsse auf. Mit der Frage „Wem gehört die Zukunft?“ forderte er dazu auf, alle Accounts bei Facebook und Co. zu löschen. Auf Deutsch erschien das Buch schon 2014.
Tristan Harris, ein früherer Google-Manager, hatte ebenfalls 2013 einen Aufruf an seine Kollegenschaft formuliert, Ablenkung zu vermeiden und die Aufmerksamkeit der Nutzer zu respektieren. Später dann, im Februar 2018, gründeten Harris und andere prominente Tech-Entwickler mit dem Hinweis „Technologie nimmt unseren Verstand und die Gesellschaft in Geiselhaft“ das Center for Humane Technology.
Jaan Tallinn, Mitbegründer von Skype und einer der frühen IT-Pioniere, warnte im Juni 2015 vor existenziellen Risiken – und meinte damit nicht in erster Linie Naturereignisse, sondern die Risiken durch, wie es hieß, „deliberate or accidental misapplication of technology of ever-increasing power“, also der absichtlichen oder versehentlichen missbräuchlichen Verwendung von Technologien, die immer nur noch leistungsfähiger werden.
Menschen, die wie Computer denken
Justin Rosenstein, Erfinder des Like-Buttons, verglich Snapchat 2017 in einem Interview für die englische Tageszeitung The Guardian sogar mit Heroin. Und auch Roger McNamee, Autor und Investor bei Facebook, schrieb in einem Meinungskommentar für die Tageszeitung USA Today im August 2017, dass Facebook und Google – vor allem über seine Tochtergesellschaft YouTube – wie Glücksspiel, Nikotin, Alkohol oder Heroin für kurzfristiges Glück sorgen, auf lange Sicht aber schwerwiegende negative Folgen mit sich bringen.
Im selben Jahr warnte auch Apples CEO Tim Cook in einer Rede zur Graduierten-Abschlussfeier der Studenten des MIT: „I’m not worried about artificial intelligence giving computers the ability to think like humans. I’m more concerned about people thinking like computers without values or compassion, without concern for consequences.“ („Ich bin nicht besorgt, dass Künstliche Intelligenz Computern die Fähigkeit verleiht, wie Menschen zu denken. Ich mache mir eher Sorgen über Menschen, die wie Computer denken, ohne Werte oder Mitgefühl, ohne Rücksicht auf die Folgen.“) Ein Jahr später publizierte die Journalistin Emily Chang eine viel beachtete kritische Recherche über die virile und sexistische Alltagskultur der Tech-Branche: „Brotopia: Breaking Up the Boys’ Club of Silicon Valley“.
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Die Digital-Life-Design-Konferenz griff das Thema im Januar 2019 in München auf, unter dem kämpferischen Motto „Reconquer: Erobert euch die Welt zurück!“ Man solle gegen den „Überwachungskapitalismus“ aufbegehren, ein Begriff, den die Harvard-Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff geprägt hatte.
Auch die Politik reagierte durchaus, wie zum Beispiel in der berühmten Anhörung der Whistleblowerin Frances Haugen im US-Senat im Oktober 2021. Haugen war von 2018 bis 2021 leitende Produktmanagerin für Meta Platforms bei Facebook und machte danach auf Missstände in der Firma aufmerksam. Im Frühjahr 2024 verabschiedete dann das Europäische Parlament den sogenannten Digital Services Act.
All dieses Wissen war und ist also lange schon präsent und zugänglich. Die Süddeutsche Zeitung etwa stellte unter dem Titel „Liebe Menschheit, es tut uns leid“ am 14. Februar 2018 eine bemerkenswerte Dokumentation solcher Kritiken zusammen. Alles war und ist zudem in den sozialen Medien verfügbar, leicht zu finden, selbst in den KI-Übersichten, die in jeder Google-Suche als Erstes aufblühen. Aber verändert das wirklich etwas?
Diese Frage öffnet den Blick auf ein scheinbar unlösbares „Wicked Problem“, ein schier unlösbares Problem. Die Umsetzung all dieser fürsorglichen Analysen, Statements, Kritiken und Offenbarungen in wirksame Aktionen stößt auf einen seltsamen Widerspruch. Denn die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, somit die Mehrzahl der User (aber auch wir alle, jede und jeder Einzelne), machten und machen das System ja überhaupt erst möglich. Die Akzeptanz und die Nutzung durch Milliarden von Individuen ermöglichten den Erfolg. Wie konnte das gelingen?
Ganz einfach, auch wenn es seltsam anmutet: Die Hidden Agenda der Treiber digitaler Transformationen ist alles andere als digital. Sie ist in ihrer Zielsetzung die algorithmische Modellierung der analogen Alltagskultur: Moden, Habitus, Altern und Sexualität, transformiert in die künstliche Welt rechnerkompatibler Wirklichkeitsentwürfe. Um es mit einem Begriff von Jürgen Habermas zu beschreiben: Es handelt sich um eine „Kolonisierung der Lebenswelten“ durch die „Systemimperative“ technologischer Modelle, die sich im Vollzug dieser Prozesse stetig selbst optimieren. Um des Massenabsatzes willen, konzentriert auf die Vervielfältigung des leicht konsumierbaren Trivialen. Da lässt sich manchmal durchaus das Motto „Flood the zone with shit“ anwenden, das der US-Ideologe Bannon 2018 mit dem Ziel formulierte, politische Meinungsbildung systematisch zu vernebeln.
Nichtigkeit und Clickbait
Solche frühen Mahnungen sind zwar nicht ungehört verhallt, aber verdrängt. Sie gehen unter in der Masse der Trivialitäten. Man bräuchte nur an sich selbst das Experiment durchzuführen, manche Startseiten des Rechners zu öffnen. Ungezählte Nichtigkeiten blitzen auf, grelle Ankündigungen, sensationalisierte Kürzel, tollste Neuerfindungen, schaudernde Unfallberichte, pseudopolitische Aktualitäten und dann wieder Versprechen von Gesundheit und Schönheit: „Wenn Sie dies tun, dann …“ – Clickbaits. Binnen Sekunden ist die Konzentration blockiert. Offensichtlich wird dieser Informations-Overkill jedoch akzeptiert – sonst gäbe es ihn nicht.
Und so „verdinglicht“ sich dieses Handeln zu einer Struktur, fest mit der Normalität der Alltagskultur verflochten, weil diese Ausgestaltung der Digitalisierung den Alltag auf spezielle Weise abbildet und damit eine Wirklichkeit stilisiert, die sich dann erneut und erneuert in den sozialen Medien präsentiert. In Selfies vor pittoresken Orten, die zu touristischen Kulissen für Massen werden; in normierter Kosmetik, Körperkultur, Physiognomie. Die sozialen Medien werden zu Wächtern wechselseitiger sozialer Kontrolle durch ihre Nutzer, die in einem Prozess des „Random Copying“ aus dem Nichts eine Welt erschaffen, die nur deshalb existiert, weil alle glauben, dass die anderen etwas tun, das normal ist – ohne jemals darüber zu reden, ob es das wirklich ist. Dann wird es wirklich.
Analogie zu Tristram Shandys Vater
Die Kritiker sind schwach, weil sie Entwicklungen analysieren, die ihnen zunehmend entgleiten. Man fühlt sich bei dieser Arbeit an den verzweifelten Versuch erinnert, den Laurence Sterne Ende des 18. Jahrhunderts in dem Weltbestseller „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ beschreibt: Tristrams Vater beschließt bei der Geburt des Sohnes, ein Handbuch für dessen Erziehung zu verfassen. Das Problem ist nur, dass er zu langsam schreibt und Tristram zusehends älter wird als der Stand der Ratschläge in des Vaters Erziehungshandbuch.
Das „Wicked Problem“ hat aber noch eine andere Seite. Es verschärft sich dadurch, dass soziale Medien ein enormes Potenzial für umfassende Bildung und wichtige Informationen bieten. Aktuelle Botschaften aus der Politik zum Beispiel werden auf X, also auf einem der in Australien bereits für Jugendliche gesperrten Kanäle, verbreitet. Während gleichzeitig über die Senkung des Wahlalters diskutiert wird.
Wo bleibt die Bildungsrepublik?
Schließlich stellt sich die Frage nach den ungeplanten Konsequenzen einer undifferenzierten Maschinenstürmerei. Denn aussteigen kann niemand mehr, seit die KI Verschleierung und Fakes begünstigt und gleichzeitig zu einem Modul der politischen Aufklärung und Kommunikation geworden ist.
Das Problem liegt darin, dass – wie die jüngsten Pisa-Studien zeigen – nicht nur mehr, sondern vor allem gezieltere Bildung erforderlich ist. Aber die würde nur akzeptiert, wenn das zentrale Versprechen, das mit der Beschwörung der „Bildungsrepublik“ durch Angela Merkel 2008 einherging, auch gehalten wird: persönliches Wohlergehen und spürbare Bildungsrendite. Und das ist nicht der Fall.
Heute bieten Internetberufe schnellere und steilere Karrierechancen als der ohnehin volatile Arbeitsmarkt: Influencer, YouTuber, Blogger, Stars in Reality-Shows, um nur einige Aktivitäten zu nennen, die sich nicht in unkontrollierbaren Schattenzonen verbergen.
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Gleichzeitig liegt in dieser Diagnose aber auch ein Hinweis auf eine Strategie, wenn nicht gar eine Lösung des Problems. Und die besteht, wie so oft, in der Übernahme der kritisierten Methoden, wie es neben vielen anderen demokratiepolitischen Initiativen die Leibniz-Gesellschaft für Wissensmedien fordert: Flood the zone with sense! Das könnten wir alle. Und vielleicht bitte ohne den erhobenen Zeigefinger.Holger Rust, geboren 1946, ist Professor (i.R.) für Wirtschaftssoziologie an der Leibniz-Universität Hannover. Er lehrte als Gastprofessor auch an den Universitäten Hamburg, Salzburg und Wien. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er zudem als Berater in Unternehmen und politischen Institutionen sowie als langfristig engagierter Autor und Kolumnist in führenden Wirtschaftsmedien und als gefragter Vortragsredner tätig.Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
