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574 alte Tatra-Bahnen verschenkt und verkauft: Fehlten sie beim Eisregen-Chaos?

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18.02.2026

Ende Januar 2026 kam der Straßenbahnverkehr in Berlin auf einem Großteil der Tram-Linien zum Erliegen. Vereiste Oberleitungen infolge von Eisregen legten den Betrieb lahm. In der Folge entbrannte eine Debatte: Hätten die älteren, vermeintlich robusteren Straßenbahnen helfen können – und wenn ja, wo sind sie geblieben?

Der fraktionslose Abgeordnete Alexander King, Vorsitzender des Bündnis Sahra Wagenknecht in Berlin, hat diese Fragen in einer schriftlichen Anfrage an den Berliner Senat gerichtet. Die Antwort der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt liegt nun vor.

Kollatz brachte die Debatte ins Rollen

King schildert den Anlass seiner Anfrage so: „Als Ende Januar wegen Eisregens der Straßenbahnverkehr zum Erliegen kam, hieß es vereinzelt, die älteren Straßenbahnen hätten hier weniger Probleme gehabt und hätten evtl. sogar zur Enteisung eingesetzt werden können – wenn sie denn noch vorrätig gewesen wären.“ Der frühere Berliner Finanzsenator Kollatz habe dann im RBB-Inforadio erklärt, man habe alle alten Bahnen weggegeben, unter anderem an die Ukraine. „Das hat mich veranlasst nachzufragen“, so King.

574 Tatra-Bahnen – eine Ära geht zu Ende

Die Antwort des Senats, die auf einer Stellungnahme der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) basiert, zeichnet ein umfassendes Bild. Demnach setzte die BVG seit 1977 insgesamt 574 Wagen der Tatra-Straßenbahnen ein. Seit den 1990er Jahren wurden die Fahrzeuge teilweise für den weiteren Betrieb modernisiert, jedoch auch zunehmend ausgemustert oder verkauft und schrittweise durch moderne Straßenbahnfahrzeuge ersetzt.

Die Berliner Tatra-Fahrzeuge der Typen T6A2/B6A2, KT4Dt und KT4D gingen laut BVG unter anderem nach Stettin (Polen), Almaty (Kasachstan), Oradea (Rumänien), Norrköping (Schweden), Alexandria (Ägypten), Magdeburg sowie nach Lwiw und Saporischschja in der Ukraine. Einige Fahrzeuge werden heute von der Berliner Feuerwehr und der Bundeswehr zu Übungszwecken im Katastrophenschutz genutzt oder befinden sich als Ausstellungsstücke in Museen.

Zwölf Bahnen an die Ukraine gespendet

Konkret wurden mit Zustimmung der Senatsverwaltung für Finanzen vom 16. Oktober 2022 und 19. Januar 2024 insgesamt zwölf Straßenbahnen und Ersatzteile des Typs Tatra KT4D an das Verkehrsunternehmen Lvivelektrotrans der Stadt Lwiw gespendet. Bereits 2018 hatten die Verkehrsbetriebe der Stadt Lwiw zuvor 30 Straßenbahnfahrzeuge erworben – zum damaligen Kaufpreis von jeweils rund 18.000 Euro pro Fahrzeug, zuzüglich Transportkosten.

Weitere Abgaben erfolgten ebenfalls: Im Jahr 2023 wurde eine Tatra-Straßenbahn an die Bundeswehr für Übungszwecke verkauft – zum Preis von 1500 Euro. Das Fahrzeug war laut BVG nicht mehr betriebsfähig, als Schrottfahrzeug einzustufen und wies bereits umfangreiche Demontagen auf. Eine Wiederinbetriebnahme war ausgeschlossen. Für 2026 ist zudem der Verkauf von drei weiteren Tatra-Bahnen nach Santos in Brasilien geplant, zum Preis von jeweils 12.000 Euro. Auch für diese Fahrzeuge ist die Hauptuntersuchung abgelaufen, eine gültige Betriebserlaubnis besteht nicht mehr.

Senat: Alte Bahnen hätten nicht geholfen

Die zentrale Frage, ob die an die Ukraine abgegebenen Straßenbahnen zur Enteisung der Oberleitungen hätten eingesetzt werden können, beantwortet der Senat eindeutig: „Diese Aussage kann der Senat nicht bestätigen.“

Die BVG wird in der Antwort noch deutlicher: Die in den Tatra-Fahrzeugen verbaute Steuerung reagiere bei plötzlichen Unterbrechungen der Stromversorgung durch Eisablagerungen ähnlich empfindlich wie die aktuellen Niederflurfahrzeuge. Ein Vorteil hätte sich in der gegebenen Situation damit nicht ergeben. Selbst die robusteste Bauweise hätte ohne besondere Zusatzmaßnahmen nicht die gewünschte Wirkung gehabt, so die BVG weiter. Der isolierende elektrische Widerstand des Eispanzers an der Oberleitung hätte eine Weiterfahrt verhindert. Eine Wiederherstellung des Betriebes sei nur nach vorheriger mechanischer Eisentfernung durch Fahrzeuge mit Spezialausrüstung möglich gewesen.

Auch ein Blick ins Ausland stützt diese Einschätzung: Die Stadt Stettin war von dem historischen Eisregen Ende Januar ebenfalls betroffen, und die Straßenbahn war dort tagelang nicht im Betrieb – obwohl Tatra-Straßenbahnen in Stettin noch zur aktiven Flotte gehören.

King: Hilfe ja, aber Vorsorge nicht vergessen

Der Abgeordnete King betont, es gehe ihm nicht darum, Hilfslieferungen an andere Länder grundsätzlich infrage zu stellen: „Mir geht es nicht darum, dass man anderen Ländern in der Not nicht hilft. Das ist natürlich richtig.“ Ebenso sei es grundsätzlich in Ordnung, dass Bestände, für die es im Zuge einer Modernisierung der Infrastruktur keine Verwendung mehr gebe, verkauft werden könnten, sofern Abnehmer gefunden würden.

Sein Anliegen sei ein anderes: „Mir ist nur wichtig, dass es endlich Standard wird, auch für alle Eventualitäten mitzudenken, die möglicherweise hier in unserem Land bzw. unserer Stadt anfallen können. Das scheint nicht immer der Fall zu sein.“

Parallele zur Debatte um Notstromaggregate

King zieht eine Parallele zu einer anderen Berliner Debatte, die erst wenige Wochen zurückliegt: „Mich hat das an die fehlenden Notstromaggregate nach dem Stromausfall zu Beginn des Jahres erinnert.“

Tatsächlich hatte Anfang Januar 2026 ein mehrtägiger Stromausfall im Südosten Berlins die Verwundbarkeit der städtischen Infrastruktur offengelegt. In der Folge wurde bekannt, dass das Technische Hilfswerk (THW) seit 2022 mindestens 1700 Stromgeneratoren in die Ukraine geliefert hatte. Der Berliner Netzbetreiber Stromnetz Berlin spendete zudem insgesamt 71 generalüberholte Transformatoren für die Reparatur des ukrainischen Stromnetzes. Während Berliner Bürgerinnen und Bürger beim Blackout auf eigene Generatoren, Campingkocher und Powerbanks zurückgreifen mussten, waren Baumärkte binnen Stunden ausverkauft.

Die Debatte folgt in beiden Fällen einem ähnlichen Muster: Hilfslieferungen an die Ukraine werden nicht grundsätzlich infrage gestellt – wohl aber die Frage, ob bei der Abgabe von Infrastruktur und Ausrüstung die eigene Vorsorge ausreichend mitgedacht wurde.

Während in Berlin das Licht ausgeht: 1.700 THW-Generatoren sichern Energie in der Ukraine


© Berliner Zeitung