menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Autorin Franziska Hauser: Steckt doch das gekürzte Kulturgeld in die Bildung der Kinder!

7 0
07.01.2025

Ich weiß, ich sollte mitwettern gegen die ganzen Kulturkürzungen, und ich wettere ja auch generell sehr gerne, aber in diesem Fall bekomme ich es leider nicht so uneingeschränkt hin. Die Kleinkunst kriegst du nur tot, wenn du sie mit Geld zuschüttest, hat mal ein Theatermann gesagt, der wirklich was zu sagen hatte.

Kunst zu machen, hatte schon immer eine tragische Komponente, und den Anspruch, von der Kunst leben zu können, wenn sie keine massentauglich vermarktbare Ware ist, hat ja in Wahrheit eh niemand. Würde auch nichts bringen, das zu fordern, weil es bestenfalls vorübergehend vorkommt, wenn man beispielsweise mal ein Stipendium hat, wie ich momentan für drei Monate.

Sparen an der Kultur ausgerechnet im Osten? Das muss ein Missverständnis sein

04.12.2024

Meinen Roman ohne Stipendium zu Ende zu schreiben, hätte länger gedauert und wäre mühsamer, aber möglich gewesen. Und wenn der Kunst- und Kultursektor nicht so untrennbar mit der Bildung zusammenhinge, würde ich sagen: Steckt doch das ganze gekürzte Kulturgeld in die Bildung der Kinder! Schließlich haben wir in Deutschland mit das schlechteste Bildungssystem weltweit. Aber blöderweise saugen die Kultureinsparungen ebenso an der Bildung. In diesem Chor der Verzweiflung kann ich vollkommen mitsingen. Denn die entsetzlich falsche Richtung ist absolut nicht auszuhalten.

Aber was ich nicht mitsingen kann, ist das Lied, über die Notwendigkeit der Kunstförderung, weil Kunst wichtig ist und eben der Gesellschaft guttut. Denn offenbar hat sie das ja in der Vergangenheit nicht getan. Ich fürchte, wir müssen als Künstler auch zugeben, dass wir es nicht geschafft haben, etwas gegen die Polarisierung zu tun, sondern wir haben sie verstärkt durch eine moralische Deutungshoheit, die keine Mehrheit anspricht. Und deshalb kürzt die Politik in Deutschland jetzt an der Kultur herum.

Yoram Roth zur Kultur-Spardebatte: „Lufthansa kann ja erst mal den Museumssonntag übernehmen“

15.12.2024

Die Demokratie hat zwar verstanden, dass es immer schiefgeht, wenn sich die Macht von der Kunst dekorieren lassen will. Aber schwächen oder stärken geht natürlich, wenn sie der Gesellschaft nicht mehr guttut, sondern als zu überheblich wahrgenommen wird. Dass Kunst frei sein muss, heißt ja nicht, dass sie keine Verantwortung hat.

Ich rede mit meinem Vater darüber, dass DDR Künstler, die bezahlt werden wollten, ja damals immer eine politische Richtung haben mussten. „Ach, deswegen ist heute alles so durcheinander.“ Wir lachen darüber, aber es ist was dran und das Bedürfnis nach Führung um jeden Preis unübersehbar. Wenn die Kultur für die Mehrheit, die alles anders haben will, nicht gemacht ist, können wir Kulturschaffenden noch so überzeugt davon sein, dass sie unbedingt bewahrt werden muss. Muss sie eben nicht.

Berndt Schmidt vom Friedrichstadt-Palast: „Ich bin kein Bestverdiener in Berlin“

16.12.2024

War es Unmöglichkeit oder Unfähigkeit, oder überschätze ich die Wirksamkeit von Kunst? Zumindest belegen Studien, dass es die AfD dort am schwersten hat, wo die Kulturvereine am meisten Unterhaltung und Gemeinschaft für alle Gesellschaftsschichten anbieten.

Im Berliner Umland gibt es viel zu viel Hochkultur, hat mir mal eine uckermärkische Pastorin gesagt, die 30 Dörfer allein betreuen musste. Klar fühlen sich die Dorfbewohner zum größten Teil bei einem Konzert für neue Musik oder einer Lyriklesung genauso unwohl wie das Kunstpublikum auf einem Schlagerfest mit Wet-T-Shirt-Contest. Aber genau darüber hätten wir uns viel mehr Gedanken machen müssen, anstatt Betroffenheitsfahnen in allen Farben zu hissen, einander zu verurteilen für zu wenig Aufmerksamkeit für Minderheiten, fürs nicht Mitdenken aller vorstellbaren Individualitäten.

„Unkenntnis oder vorsätzliche Irreführung“: Wo sind die Millionen im Kulturetat geblieben?

18.12.2024

Das kommt alles aus der Kulturszene, der jetzt Einhalt geboten werden soll. Und vor allem hätten wir nicht nur noch unser eigenes Publikum sein und uns aus Frust und Vergeblichkeitsgefühl in die Künstlerblasen flüchten dürfen. Alles, was die Minderheiten sichtbar machen und integrieren wollte, hat letztendlich die Mehrheiten ausgegrenzt, bis es zu spät war und die ständige Forderung nach Aufmerksamkeit mit Ignoranz beantwortet wurde. Irgendwann hilft gegen den rechten Terror nur noch der linke Terror, gegen den Frauenhass nur noch Radikalfeminismus, gegen Nationalismus nur noch absoluter Pazifismus und so weiter.

Erst mit den Kürzungen wissen wir Künstler und Kulturschaffenden wieder gemeinsam, wo es langgehen soll, weil die Gegenrichtung immer so viel leichter zu erkennen ist als die gemeinsame Richtung mit den Gegnern.
Wir haben zwar den Kampf gegen den Rechtsdrall aufgenommen, aber vielleicht hätten wir schon viel eher für viel mehr Ausgleich sorgen müssen, damit unsere Gesellschaft gar nicht erst in diese radikale Kurve hätte schleudern können. Ich denke, wir haben es falsch gemacht und es sogar gewusst. Wir haben uns zu sehr selbst gefeiert und unseren Bildungsauftrag nicht ernst genug genommen.

Die größte Kunstszene ballt sich in Berlin, wo sie jetzt finanziell am stärksten abgewürgt wird. Vielleicht hat sie sich zu leichtfüßig potenziert und darüber ihre Aufgabe vergessen. Kunst sollte immer nur zu einem Drittel allein um der Kunst willen gemacht werden. Ein Drittel muss bezahlt und ein weiteres verschenkt werden. Das heißt für jeden Künstler, egal wie erfolgreich oder erfolglos: Mache nicht ausschließlich Kunst und stecke zusätzlich deine Kompetenzen in die Bildung. Auch wer nicht dazu aufgefordert oder dafür bezahlt wird, sollte das tun. So sieht ja auch der tatsächliche Alltag der meisten Künstler aus.

Nur genügt eine jahrelange Tendenz in die falsche Richtung, um irgendwann eine grobe Schieflage zu erreichen. Aber es gibt, trotz allem, viele Beispiele von Kulturvereinen, die nicht darauf spezialisiert sind, Aufmerksamkeit für Ausgrenzung und Minderheiten zu schaffen, sondern die Mehrheiten ansprechen in all ihrer Individualität und Kultur für alle machen. In diesem Umfeld hat die AfD keine Chance. Dort wo es um Unterhaltung, Kinder, Sport und ums Mitmachen geht, hat die Kultur offenbar etwas Entscheidendes richtig gemacht. Und dort braucht sie das Geld.

Im Künstlerdorf Schöppingen, in dem ich momentan mit meinem Residenzstipendium lebe, gibt es einen Komponisten, der die Jugendlichen anspricht, die sich auf dem Vorplatz treffen. Er bietet an, mit ihnen Instrumente zu bauen und Musik zu machen. Ich frage, ob es ihm Spaß macht, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. „Nein. Natürlich nicht!“ sagt er, „Aber das müssen wir doch“ Es ist nicht so, dass die Stipendiaten dazu verpflichtet wären, aber für ihn versteht es sich von selbst. Jedes Künstlerleben ist auch ein Auftrag.

Kunst darf fast alles. Aber ich denke, der Preis dafür ist höher, als wir wahrhaben wollen.
Und offenbar finden in einer Demokratie die verschiedenen Gruppen nur durch ein gemeinsames Problem zueinander. Das immerhin haben wir ja jetzt.


© Berliner Zeitung