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Vom Energiesparen zur Rationierung: Wiederholt sich das Muster der Corona-Pandemie?

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04.04.2026

Im Grunde wirkt alles wie eine Wiederholung – derselbe Film, nur mit anderen Schauspielern. Der Konflikt mit dem Iran könnte sich über Wochen, Monate oder länger hinziehen. Wenn sich der US-Präsident Donald Trump dazu äußert, entsteht nicht selten der Eindruck, dass seine Aussagen weniger der Deeskalation dienen als vielmehr die Finanzmärkte beeinflussen.Der Alte Kontinent ist davon – wenig überraschend – besonders stark betroffen. Dabei handelt es sich nicht um den Beginn einer Energiekrise, wie häufig dargestellt, sondern um eine Verschärfung bereits bestehender struktureller Probleme.

Der Beginn einer neuen Ära der Rationierung

Auffällig ist ein bekanntes Muster, das Erinnerungen an die Corona-Krise weckt: Schrittweise werden Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs diskutiert oder bereits umgesetzt – häufig unter dem Stichwort „Rationierung“. Erste Empfehlungen sind sichtbar: weniger Autofahren, mehr Homeoffice, bewussterer Umgang mit Energie. Die entscheidende Frage ist daher weniger, ob weitere Maßnahmen folgen, sondern wann und in welchem Umfang. Steht Europa vor einer Phase weitreichender Energieeinschränkungen?

Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Bereits im August 2022 sprach der französische Präsident Emmanuel Macron vom „Ende des Überflusses“. Gemeint war nicht nur die begrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen, sondern auch das Ende einer Phase der Sorglosigkeit. Der Beginn eines tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels.

Schon vor den gegenwärtigen geopolitischen Spannungen gab es in Teilen Europas Maßnahmen zur Energieeinsparung. So wurden etwa im Kosovo Ende 2021 zeitweise rollierende Stromabschaltungen eingeführt. Viele Haushalte waren täglich für mehrere Stunden ohne Strom. Ursachen waren unter anderem eine hohe Nachfrage im Winter, geringe Eigenproduktion sowie steigende Importpreise.

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Solche Entwicklungen galten lange als Problem wirtschaftlich schwächerer Regionen. Inzwischen zeigt sich jedoch, dass Energieengpässe auch in wohlhabenderen Teilen Europas nicht grundsätzlich ausgeschlossen sind, auch nicht in Metropolen wie Berlin.

So hat Slowenien damit begonnen, den Verkauf von Treibstoff an Tankstellen zu rationieren. In Sri Lanka wurden eine Vier-Tage-Arbeitswoche und feste Zuteilungen von Kraftstoff eingeführt, um den Energieverbrauch zu senken. Auch in Teilen Südostasiens zeigen sich konkrete Veränderungen im Alltag: In Thailand etwa ruft die Regierung dazu auf, Klimaanlagen sparsamer zu nutzen, die Klimatisierung in öffentlichen Gebäuden zu reduzieren und höhere Raumtemperaturen zuzulassen.

Selbst dort, wo keine verbindlichen Vorgaben gelten, mehren sich indirekte Eingriffe. In Australien werden Bürger dazu angehalten, nur die tatsächlich benötigte Menge an Treibstoff zu kaufen. Parallel dazu greifen Staaten wieder verstärkt auf Kohle zurück oder verlängern die Laufzeiten bestehender Kraftwerke – Maßnahmen, die noch vor wenigen Jahren politisch kaum denkbar gewesen wären.

Diese Beispiele verdeutlichen: Die Diskussion über Energieeinsparung ist längst keine abstrakte Debatte mehr, sondern beginnt sich konkret im Alltag niederzuschlagen. Zugleich mehren sich die Hinweise darauf, dass sich Staaten auf eine länger anhaltende Energiekrise einstellen. „Niemand weiß, wie lange die Krise dauern wird, aber ich denke, es ist wichtig zu betonen, dass sie nicht von kurzer Dauer sein wird“, sagte der EU-Energiekommissar Dan Jørgensen nach einer außerordentlichen Videokonferenz der 27 EU-Energieministerinnen und -minister in Brüssel.

Eine Institution rückt in den Mittelpunkt

Und dann ist da plötzlich eine Institution, die wieder überall auftaucht: die Internationale Energieagentur (IEA). In Nachrichten, Analysen und politischen Debatten wird sie zur zentralen Referenz. Kaum ein Bericht kommt ohne ihre Einschätzungen aus. Ihre Szenarien strukturieren die Diskussion, ihre Empfehlungen liefern den Rahmen für politische Entscheidungen – ähnlich wie die WHO während der Corona-Zeit.

Die 1974 gegründete IEA mit Sitz in Paris koordiniert energiepolitische Strategien ihrer Mitgliedstaaten und gibt Empfehlungen zur Bewältigung von Versorgungskrisen. Bereits Mitte März veröffentlichte die Organisation einen Maßnahmenkatalog zur Senkung des Energieverbrauchs: Tempolimits, mehr Homeoffice sowie Einschränkungen im Flugverkehr und die stärkere Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.

Unter der Leitung von Fatih Birol hat die IEA ihre Rolle als beratende Instanz in Krisenzeiten weiter gefestigt. Der türkische Wirtschaftswissenschaftler wurde etwa vom Imperial College London mit einem Ehrendoktortitel ausgezeichnet – einer Institution, deren Modellrechnungen unter anderem in der Corona-Krise großen Einfluss auf politische Entscheidungen hatten und im Nachhinein von Teilen der Fachwelt als zu pessimistisch bewertet wurden.

Vor diesem Hintergrund gewinnen auch die jüngsten Empfehlungen internationaler Organisationen zusätzliches Gewicht. Sie prägen nicht nur die politische Debatte, sondern beeinflussen zunehmend konkrete Maßnahmen im Alltag.

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Vieles spricht dafür: Die gegenwärtigen Entwicklungen markieren keine kurzfristige Störung, sondern sind Teil eines umfassenderen Wandels. Energieverfügbarkeit und -verbrauch rücken ins Zentrum politischer Steuerung.

Dabei zeigt sich ein Muster, das bereits aus der Corona-Krise bekannt ist. Institutionen wie die WHO und heute die IEA treten als zentrale Orientierungsgeber auf. Auf Basis von Modellen, Prognosen und Empfehlungen entstehen politische Maßnahmen, die tief in den Alltag der Menschen eingreifen – von Mobilität über Arbeit bis hin zum Energieverbrauch.

Der Kontext hat sich verändert: von einer Gesundheitskrise hin zu einer Energie- und geopolitischen Krise. Das zugrunde liegende Prinzip jedoch bleibt erkennbar ähnlich. Schritt für Schritt werden Anpassungen eingeführt, begleitet von dem Hinweis auf Notwendigkeit und begrenzte Alternativen. Der Film mag ein anderer sein. Doch die Dramaturgie wirkt vertraut.


© Berliner Zeitung