menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Selenskyj auf Geldsuche im Nahen Osten: Krieg als Geschäftsstrategie?

29 0
30.03.2026

Während der Krieg in der Ukraine unvermindert andauert, reist Präsident Wolodymyr Selenskyj in den Nahen Osten und schließt neue Rüstungsabkommen ab. Der ukrainische Staatschef stieg am Sonntag in schwarzer Trauerkleidung in Jordaniens Hauptstadt Amman aus dem Flugzeug. Selenskyj traf König Abdullah II. bin al-Hussein und kündigte Gespräche über militärische Kooperationen an. Währenddessen steckt die Ukraine innenpolitisch und finanziell in einer angespannten Lage. Auch mit den EU-Partnern knirscht es.

Der Nahe Osten brennt – Selenskyj auf Besuch

„Sicherheit hat höchste Priorität, und es ist wichtig, dass alle Partner die notwendigen Anstrengungen dafür unternehmen“, schrieb Selenskyj bei seiner Ankunft in Jordanien auf X. Die Ukraine werde ihren Beitrag leisten. „Wichtige Treffen stehen bevor“, so der Präsident.

Im Zentrum der Gespräche mit König Abdullah II. stand eine mögliche Partnerschaft im Sicherheitssektor. „Die Ukraine ist offen für eine Zusammenarbeit bei der Abwehr von Drohnen- und Raketenangriffen“, wird Selenskyj in einer offiziellen Mitteilung der ukrainischen Regierung zitiert. Er betonte, dass die Ukraine seit dem russischen Angriff im Jahr 2022 ein effizientes System zur Drohnenabwehr entwickelt habe. Insbesondere im Umgang mit iranischen Shahed-Drohnen, die unter anderem an Russland geliefert werden.

Parallel dazu verschärft sich die Lage im Nahen Osten weiter. Infolge eines US-israelischen Angriffs eskalierte die Situation, als der Iran unter anderem US-Stützpunkte in Saudi-Arabien, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Jordanien angriff. Selenskyj verurteilte laut Mitteilung die „Angriffe des Irans und die Tatsache, dass dieser Krieg und diese Krise auch Jordanien erreicht haben“.

Today in Jordan. Security is the top priority, and it is important that all partners make the necessary efforts toward it. Ukraine is doing its part. Important meetings ahead. pic.twitter.com/561KtqoglT— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) March 29, 2026

Today in Jordan. Security is the top priority, and it is important that all partners make the necessary efforts toward it. Ukraine is doing its part. Important meetings ahead. pic.twitter.com/561KtqoglT

Doch Krieg bedeutet auch Geschäft. Besonders für ein Land wie die Ukraine, das inzwischen mehr als 30 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung investiert. Allein im vergangenen Jahr gab das osteuropäische Land über 70 Milliarden US-Dollar für militärische Zwecke aus, nach rund 64 Milliarden im Jahr 2023 – ein drastischer Anstieg im Vergleich zu 6,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021.

Seit Februar 2022 hat die Europäische Union (EU) zudem erhebliche finanzielle Mittel bereitgestellt. Europa hat die USA inzwischen als größten Geber überholt: Insgesamt wurden mehr als 167 Milliarden Euro zugesagt, wobei Deutschland der wichtigste europäische Unterstützer ist.

Der Besuch Selenskyjs in Jordanien erfolgt zu einem besonders heiklen Zeitpunkt. Berichten zufolge könnten der Ukraine bereits im Sommer die finanziellen Mittel für den Krieg gegen Russland ausgehen. Gleichzeitig erschüttert ein Korruptionsskandal die Regierung, und in Brüssel liegt ein 90-Milliarden-Euro-Hilfspaket auf Eis.

Ukraine sucht neue Partner im Golf

Vor diesem Hintergrund baut Kiew seine Beziehungen zu den Golfstaaten aus. Kooperationen mit Ländern wie Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sollen nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch wirtschaftlich neue Spielräume eröffnen. Ziel ist es offenbar auch, zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen.

Bereits Mitte März wurden über 200 ukrainische Drohnenexperten in die Golfregion entsandt, um Partnerländer bei der Abwehr iranischer Drohnen zu unterstützen. Der Einsatz gilt als Teil eines umfassenderen Drohnen-Abkommens, das die Ukraine auch den USA vorgeschlagen hat und das weiterhin auf dem Tisch liegt.

US-Präsident Donald Trump zeigte sich jedoch ablehnend: „Wir brauchen keine Hilfe“, sagte er laut NBC News. „Der Letzte, von dem wir Hilfe brauchen, ist Selenskyj.“

Öl-Schock wegen Iran-Krieg: Russland verkauft mit Aufschlag – kippen jetzt die Sanktionen?

Sicherheitsleck durch Strava-App: Soldaten verraten Position von Frankreichs Flugzeugträger

Die Ukraine ringt derweil darum, das geopolitische Interesse inmitten globaler Krisen wieder stärker auf sich zu lenken. Dabei spielt die eigene Rüstungsindustrie eine zentrale Rolle. „Unsere Drohnen und Drohnenabwehrsysteme sind im Grunde das Öl der Ukraine“, sagte Außenminister Andrij Sybiha im Interview mit Ukrinform. Es handle sich um eine strategische Ressource, die gezielt in wirtschaftliche und militärische Stärke umgewandelt werden müsse.

„Lego-Drohnen“: Rheinmetall löst Streit mit Kiew aus

Gleichzeitig kam es zu einem „Rüstungsstreit“ mit Deutschland. Armin Papperger, Chef des Rüstungskonzerns Rheinmetall, bezeichnete am Wochenende in einem Interview mit The Atlantic die Entwicklung ukrainischer Drohnentechnologie als „wie mit Lego zu spielen“. In Fabriken arbeiteten demnach „ukrainische Hausfrauen“ mit 3D-Druckern. Dies sei keine echte Innovation, sagte der Geschäftsführer des Düsseldorfer Rüstungsriesen.

Die Reaktion aus Kiew ließ nicht lange auf sich warten. Präsidentenberater Oleksandr Kamyschin konterte, diese „Lego-Drohnen“ hätten bereits mehr als 11.000 russische Panzer zerstört. Rheinmetall betonte daraufhin in einem Statement auf X seinen Respekt für die Leistungen der Ukraine.

Selenskyjs Reise durch die Golfstaaten wirkt damit weniger wie klassische Diplomatie als vielmehr wie ein strategischer Balanceakt. Die Ukraine sucht gleichzeitig militärische Partner, politische Unterstützung und Finanzen. Denn je länger der Krieg dauert, desto deutlicher wird: Nicht nur an der Front entscheidet sich die Zukunft des Landes – sondern auch auf den internationalen Märkten.


© Berliner Zeitung