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Physiker Wiesendanger hält Laborursprung von Sars-CoV-2 für wahrscheinlich

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19.02.2026

Corona gilt als überwunden. Die Pandemie habe man gut überstanden – so lautet Jahre nach dem Ausbruch von Covid-19 das verbreitete Narrativ in Deutschland. Doch viele Fragen sind offen. Eine der zentralen Fragen: Woher stammt das Virus eigentlich?

„Wer sich diese Frage nicht stellt, kann das Gesamtbild nicht verstehen“, sagt der Physiker Roland Wiesendanger. Er steht im Raum A203 im Gebäude Jungiusstraße 11 A, einem Standort des Fachbereichs Physik der Universität Hamburg. Vor ihm sitzen Pressevertreter, in den Händen eine blaue Mappe.

Debatte um den Virusursprung

Darin: Materialien, Hinweise und Argumente zum Ursprung der Corona-Pandemie, die Wiesendanger über Jahre zusammengetragen hat. Bereits im Jahr 2021 hatte er öffentlich die These eines möglichen künstlichen Ursprungs vertreten, als erster im deutschsprachigen Raum. In diesem Zusammenhang veröffentlichte die Universität Hamburg eine Studie.

Schon damals warnte Wiesendanger vor der sogenannten Gain-of-Function-Forschung – einem Ansatz der Virologie, bei dem Viren im Labor gezielt verändert werden, um etwa ihre Übertragbarkeit und Tödlichkeit zu steigern. Nach seiner Einschätzung hätte diese Forschung zur Entstehung von Sars-CoV-2 beigetragen. „Damals wurde die Theorie schnell als Verschwörungstheorie abgetan“, sagt Wiesendanger.

In sozialen Netzwerken wie Twitter (heute X) und Facebook sei die Debatte zeitweise eingeschränkt worden. Die später veröffentlichten „Twitter Files“ würden diese Entwicklung untermauern, so Wiesendanger. Doch auch in Öffentlichkeit und Wissenschaft sei die Diskussion unterdrückt worden. „Die Grundlage dafür war ein Statement von 27 Virologen in der Medizinzeitschrift The Lancet vom Februar 2020“, erklärt der Physiker. Heute halte er die Wahrscheinlichkeit eines natürlichen Ursprungs für extrem gering – „weit unterhalb von eins zu einer Milliarde“.

Die Kenntnislage gebe mittlerweile seiner frühen Einschätzung zunehmend recht, sagt Wiesendanger, und verweist auf Berichte internationaler Geheimdienste. Ein Laborleck wird inzwischen zum Beispiel von Geheimdiensten aus den USA und dem Vereinigten Königreich als wahrscheinlichstes Szenario eingestuft. Im Mai 2025 wurde zudem bekannt, dass der Bundesnachrichtendienst (BND) bereits Anfang 2020 mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 95 Prozent zu einem künstlichen Ursprung tendiert haben soll.

Umso mehr wundert sich Wiesendanger über frühe politische Aussagen, unter anderem von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hatte die Pandemie im März 2020 als „größte Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“ bezeichnet. „Diese Einschätzung wurde durch das damalige Infektionsgeschehen in Deutschland nicht gestützt“, sagt Wiesendanger. Dies lasse sich den Protokollen des Robert-Koch-Instituts (RKI) aus dem Zeitraum vom 24. März bis 1. April 2020 entnehmen. Im November desselben Jahres sprach Merkel von einer „Naturkatastrophe“.

Während der BND-Bericht unter Verschluss im Kanzleramt liege und Klagen auf Offenlegung mit Verweis auf das Staatswohl abgewiesen würden, gewährten andere Dokumente Einblicke, so Wiesendanger. Dazu zählt ein Bericht der amerikanischen Defense Intelligence Agency (DIA) aus dem Juni 2020.

Der Bericht wurde im April 2025 nach einer Informationsfreiheitsanfrage der Recherchegruppe U.S. Right to Know (USRTK) veröffentlicht. Er legt nahe, dass ein Laborursprung von Sars-CoV-2 bereits damals als realistische Möglichkeit bewertet wurde. Besonders auffällig sei demnach eine sogenannte Furin-Spaltstelle im Spike-Protein – ein genetisches Merkmal, das die Infektiosität deutlich erhöht.

Virenexperimente mitten in Berlin – Wie gefährlich ist Gain-of-Function-Forschung?

Corona: Geheimes US-Dokument bestätigt Labortheorie eines deutschen Forschers

Der Bericht beschreibt zudem eine Methode, mit der eine solche Struktur künstlich erzeugt werden könnte: die sogenannte Golden-Gate-Assembly, ein molekularbiologisches Verfahren zur gezielten Zusammensetzung von DNA-Fragmenten. Sars-CoV-2 enthalte charakteristische Schnittstellen, die für dieses Verfahren typisch seien. Im Dokument heißt es, ein solches Muster sei bei natürlichen Coronaviren „extrem unwahrscheinlich“, bei synthetischen hingegen „nahezu universell“.

Wiesendanger verweist in diesem Zusammenhang auf eine Preprint-Studie des Würzburger Molekularbiologen Valentin Bruttel aus dem Jahr 2022, die zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen sei. „Es ist unfassbar, was die Autoren dieser Studie öffentlich hinnehmen mussten“, sagt Wiesendanger.

Bruttel berichtete damals gegenüber der Berliner Zeitung von Anfeindungen und persönlicher Diffamierung. Kritik und Spott seien von Medien aufgegriffen worden, während die Hypothese eines natürlichen Ursprungs weiterhin dominiert habe. Doch warum erscheine eine Zoonose aus Wiesendangers Sicht unplausibel?

Warum ein natürlicher Ursprung fraglich erscheint

Bis Anfang 2021 seien weltweit rund 80.000 Tierproben untersucht worden – „ohne Befund“, sagt Wiesendanger. Zudem hätten frühe epidemiologische Analysen den Huanan-Fischmarkt in Wuhan als Ausbruchsort genannt. Auch dies hält Wiesendanger für fraglich. Ein Teil der ersten Patienten habe unter anderem keinen Bezug zum Markt gehabt.

Weiter verweist Wiesendanger auf eine nach seiner Darstellung auffällige Übereinstimmung: Eine 19-Nukleotid-Sequenz im Sars-CoV-2-Virus entspreche einem US-Patent aus dem Jahr 2016 (Patentnummer 9587003). Eine derartige Übereinstimmung sei aus seiner Sicht äußerst unwahrscheinlich. „Man kann nichts patentieren, was bereits in der Natur existiert“, sagt Wiesendanger.

Hinweise deuteten stattdessen auf das Wuhan Institute of Virology (WIV), argumentiert der Physiker. Er verweist auf den Forschungsantrag „Project Defuse“, der 2018 von EcoHealth Alliance bei der US-Behörde DARPA eingereicht wurde. Dieser habe unter anderem die Einführung einer Furin-Spaltstelle in chimäre Fledermaus-Coronaviren vorgesehen.

Die Forschergruppe um die Virologin Zheng-Li Shi habe über Jahre Coronaviren untersucht und biotechnologisch verändert. Entsprechende Arbeiten seien in Fachzeitschriften dokumentiert. „Allein der Vorschlag, solche Experimente durchzuführen, sollte die Öffentlichkeit besorgen“, sagt Wiesendanger. Gain-of-Function-Forschung habe aus seiner Sicht keinen zivilen Nutzen. Zudem warnen Wissenschaftler vor Risiken solcher Experimente, insbesondere bei unzureichenden Sicherheitsstandards.

Im Jahr 2022 initiierte Wiesendanger die sogenannte Hamburger Erklärung – einen internationalen Appell für ein weltweites Verbot der Gain-of-Function-Forschung an Krankheitserregern mit pandemischem Potenzial, der von über 50 Wissenschaftlern unterzeichnet wurde.

Hamburger Erklärung zur Gain-of-Function-Forschung

Die Unterzeichner warnen eindringlich vor den Risiken solcher Experimente, bei denen Viren gezielt gefährlicher oder ansteckender gemacht werden – selbst unter Hochsicherheitsbedingungen. Sie fordern ein generelles Verbot, das auch die Durchführung solcher Forschungen in Hochsicherheitslaboren einschließt.

Die Debatte über den Ursprung des Virus ist auch Jahre nach Beginn der Pandemie nicht abgeschlossen. Für Wiesendanger bleibt sie zentral für die Bewertung politischer Entscheidungen und wissenschaftlicher Verantwortung. „Wer Pandemieprävention ernst nimmt, kommt an dieser Frage nicht vorbei“, sagt der Physiker. „Es geht um nichts weniger als die Gesundheit aller Menschen.“


© Berliner Zeitung