Die Oscars und die Kunst der guten Abendgarderobe: Ist es denn wirklich so schwer?
Ob Bundespresseball, Berlinale oder Ball der Berliner Wirtschaft – so gut wie jede namhafte Veranstaltung in der deutschen Hauptstadt, bei der Smoking statt Anzug, Fliege statt Krawatte und Lackschuhe statt Budapester gefragt sind, offenbart das augenscheinlich mangelnde Stilbewusstsein deutscher Politiker und Prominenter.
Insbesondere die Herrenwelt scheint bei der Wahl ihrer Outfits „nur mal eben kurz“ bei Peek und Klamottenburg vorbeigeschaut zu haben: Hier Manschetten, die unter hoffnungslos überlangen Jackettärmeln kein Stück zu sehen sind, dort eine Fliege, die so locker sitzt, dass sie kurz davor ist wegzufliegen. Und irgendwo auf den roten Teppichen dieses Landes treibt sich auch immer diese eine verlorene Seele herum, die besser gleich zwei Konfektionsgrößen kleiner hätte kaufen sollen.
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Dabei ist es doch eigentlich so einfach. Selbst mit einem vergleichsweise geringen Budget ließen sich viele der typischen Fehler vermeiden. Ein Glück, dass es Abendveranstaltungen in den USA gibt, die unseren deutschen Stars zeigen, wie es rein theoretisch richtig geht. So auch wieder bei den diesjährigen Oscars am Sonntagabend. Unsere Highlights zeigen, wovon sich Berliner Männer in Zukunft auch gerne eine Scheibe abschneiden dürfen:
Weiße Smokings? Bitte mehr davon!
Sie sind eine regelrechte Rarität auf roten Teppichen in Deutschland: weiße Smokingjacketts. Warum nur? Zugegeben, gerade Politikern, die von Termin zu Termin huschen und daher nur selten Tageslicht sehen, schmeichelt die Farbe nicht immer. Aber dennoch: Wer nicht ganz kreidebleich wirkt, darf hier ruhig etwas mutiger sein.
Bei den Oscars tauchten gleich mehrere Promis im feinen weißen Zwirn auf. Der Schauspieler und Sänger Jeremy Pope etwa zeigte, wie es geht: Das Oberteil sitzt an Schultern, Taille und Manschetten genau so, wie es sitzen sollte, und der Zweireiher allein ist ein echter Hingucker. Gerade die Kombination aus schwarzem Revers, schwarzer Fliege und Hemd in gleicher Farbe sieht man hierzulande selten – schade eigentlich! Auch Usher demonstrierte, wie ein weißes Smokingoberteil getragen werden kann. Der Sänger erschien in einer Hose mit einem sogenannten Kummerbund, der die Bundkante bis über den Bauchnabel steigen lässt. Dazu ein schlichtes Smokinghemd, eine schwarze Fliege – und als Blickfang eine rote Rose am überbreiten Revers.
Fliege oder Krawatte – oder einfach gar nichts
Eigentlich verrät es der Dresscode Black Tie schon selbst: Zum Smoking gehört zumindest eine Krawatte, noch klassischer jedoch eine schwarze Fliege. Vorausgesetzt, alles sitzt dort, wo es sitzen soll, macht man damit nur wenig falsch. Doch die Zeiten, in denen man sich den verstaubten Knigge-Regeln bedingungslos unterwirft, sind vorbei.
Zwar sollte der Kragen weiterhin bis zum obersten Knopf geschlossen bleiben, doch muss eine Fliege nicht zwingend dazugehören. Das bewies etwa Rami Malek bei der Vanity Fair Oscar Party. Der Schauspieler trug einen schwarzen Smoking mit einem so breiten, steigenden Revers, dass es gar nichts anderes braucht. Wenn der Hemdkragen dann wie bei ihm die richtige Größe hat, ist weniger tatsächlich mehr.
Classic Old School: Dann aber richtig!
Wer sich bei der Herrenabendgarderobe lieber zurückhält und nicht unbedingt im Spotlight auf dem roten Teppich stehen möchte, kann auch einfach den klassischen Black-Tie-Regeln folgen: Smokinghemd, Smokingschuhe, Smokinghose – und so weiter und so fort. Doch was zunächst so banal klingt, scheint hierzulande für viele Männer eine unbezwingbare Herausforderung zu sein. Kaum ein deutscher Galaabend vergeht, ohne dass bei den Herren zwar alles irgendwie passt – und doch nichts richtig sitzt.
Bei den Oscars gab es wieder einmal zahlreiche Beispiele dafür, wie ein klassischer Smoking aussehen sollte. Etwa bei Will Arnett und Ewan McGregor. Die beiden Schauspieler zeigen, wie es geht: Schultern schließen bündig ab, die Manschetten sind einen Finger breit zu sehen, und um den Bauch schlägt nichts ungewollte Falten. Wenn schon einfach, dann aber bitte so.
Ja, auch Männer dürfen Rüschen tragen
Nein, es ist nicht „unmännlich“, statt eines schlichten Smokinghemds ein Modell mit Rüschen zu wählen. Gleich mehrere Stars trugen bei den Academy Awards Hemden mit dem gewissen Etwas. Zwar dürfte so mancher deutsche Promi noch mit dem Gedanken fremdeln, sich wie im Rokoko zu kleiden. Doch sind wir mal ehrlich: Immer wieder muss sich die Herrenwelt den Vorwurf gefallen lassen, mit den spektakulären Ballkleidern der Damen nicht mithalten zu können. Rüschen wären zumindest ein Anfang.
Ein Paradebeispiel dafür, wie man Rüschen trägt und nicht gleich wie Ludwig XIV. aussieht, lieferte der Rapper Babyface, der gemeinsam mit dem deutschen Model Rika Tischendorf erschien. In einem pechschwarzen Smoking und gleichfarbigem Hemd stiegen ihm die Rüschen wortwörtlich zu Kopf. Kombiniert mit einer XXL-Sonnenbrille sorgte er damit zweifellos für eines der auffälligsten Outfits unter den männlichen Gästen der Oscars.
Hier erkennt man eindeutig ein Muster
Es ist so naheliegend – und doch traut sich kaum jemand auf den roten Teppichen der Hauptstadt daran: Muster. Zugegebenermaßen muss man diese auch tragen können. Doch auch dafür gab es bei den Oscars einige Beispiele.
Der Sänger Shaboozey etwa erschien bei der Vanity Fair Oscar Party in einem besonders kurzen Smokingoberteil, das zunächst an einen Frack erinnerte, jedoch ohne die typisch längere Rückenpartie auskam. Als wäre das nicht schon gewagt genug, kombinierte der Musiker dazu ein gepunktetes Smokinghemd mit Weste und Tuch. Eine mutige Wahl, die er problemlos tragen konnte – die man sich allerdings nur schwer und ungern bei so manchem deutschen Politiker vorstellen mag.
