Buh-Rufe und Pfiffe: Wolfram Weimer bei der Buchmessen-Eröffnung in Leipzig
Der Kulturstaatsminister wirkt beleidigt. Beim Festakt zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Mittwochabend schlägt ihm ein Chor des Unmuts entgegen. Nach dem Medienecho auf sein Taktieren der vergangenen Wochen wird er damit gerechnet haben. Seine für Donnerstag angesetzten öffentlichen Messe-Auftritte hat Wolfram Weimer abgesagt. Doch dass nicht nur das Publikum vor dem und im Gewandhaus buht, sondern auch seine Vorredner ihn scharf kritisieren, hat ihn mindestens irritiert.
Dem Oberbürgermeister Burkhard Jung hält Weimer entgegen: „Wir kennen uns lang, normalerweise begrüßen Sie mich: Da kommt der Leipzig-Freund. Das habe ich heute nicht gehört.“ Dafür bekam er sogar Pfiffe, auch der Ruf „Rücktritt, Rücktritt“ ist vielfach zu hören.
„Ich war selber Verleger“
Unangenehm wirkte seine Begrüßung der Direktorin der Leipziger Buchmesse Astrid Böhmisch, indem er ihr nicht nur Erfolg und viel Publikum, sondern auch „große Debatten“ wünschte und witzelnd hinterherschob: „Meinen Teil dazu habe ich schon beigetragen.“ Er wendet sich an den Saal: „Liebe Verlegerinnen und Verleger, ich war ja selber einer. Liebe Autorinnen und Autoren, ich war selber einer“, da wird gelacht. Es ist kein herzliches Lachen.
Wolfram Weimer würdigt den kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas. „Er war nicht weniger als der Philosoph unserer Republik, und er hat das Gehäuse unseres demokratischen Diskurses definiert wie kein anderer“, sagt er. Ein guter Satz, wer mag ihm da widersprechen? Aber es wirkte befremdlich, dass dieser Redner anschließend so viel von Vernunft und Verständigung sprach. Denn gerade eben hatte er mit seinem intransparenten Vorgehen beim Buchhandlungspreis sich gegen eine Verständigung entschieden. Und mit der Absage an den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig hatte er dem Konzept von „Austausch und Konsens“, das er nun lobte, zuwidergehandelt. Immerhin ruderte er in diesem Punkt inzwischen ein Stück zurück.
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Bizarr wirkte es, als Wolfram Weimer sagte, er plädiere „mit aller Überzeugung für das Habermas-Verfahren“. Was für ein unangemessener Wortwitz auf Kosten des toten Denkers, wo er doch mit dem Haber-Verfahren der verfassungsschutzmäßigen Überprüfung den Buchhandlungspreis-Skandal ausgelöst hatte!
Gegen Ende schlug er vor, den Preis mit verschiedenen Partnern neu zu beleben „und vielleicht um einen Kinder- und Jugendbuchhandelspreis zu ergänzen“. Womit er leider noch ein weiteres Mal zeigte, wie wenig er sich mit der Materie beschäftigt hat. Ausgewiesene Kinder- und Jugendbuchhandlungen wie die beiden Berliner Läden Prior und Mumpitz sowie Krumulus sind bereits mehrfach ausgezeichnet worden.
Wirtschaftliche Sorgen und spezifische Probleme
Tatsächlich hatte sich Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung als erster Redner des Abends sehr deutlich für die Deutsche Nationalbibliothek und das Bewahren von Büchern ausgesprochen. Und auch die Rolle der unabhängigen Buchhandlungen für die Demokratie hob er hervor. Detaillierter und ausgefeilter redete Sebastian Guggolz als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, also oberster Sprecher der Branche. Die allgemeinen wirtschaftlichen Sorgen, die sich durch den neuesten Krieg nicht verringern, treffen die im Literaturbetrieb Beschäftigten nicht minder als andere. Aber an spezifischen Problemen herrscht kein Mangel.
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Guggolz benannte die große Erleichterung, als Leipzig „seinem Titel Buchstadt alle Ehre machte“ und noch vor der Buchmesse beschloss, dem Literaturhaus Leipzig eine Zukunft zu versprechen. Freie gesellschaftliche Räume für Austausch, für Information und Begegnung seien enorm wichtig, sagte er und leitete zum nächsten Problem über: „Auch Bibliotheken sind übrigens solche Orte, gar Nationalbibliotheken mit ihren Lesesälen, in denen es nicht nur Dateien zum Download, sondern für alle zugängliche gedruckte Bücher gibt und die der Ort unseres kulturellen Erbes sind, eine Grundlage nicht nur unserer schriftlichen Kultur.“ Sebastian Guggolz, der in Berlin einen kleinen literarischen Verlag betreibt, zeigte sich stolz. Die Buchbranche und die Buchöffentlichkeit haben bewiesen, wie stark, wie aufrecht, wie laut, wie widerständig sie sein können. „Wir lassen uns eben nicht einschüchtern durch politische Interventionen, die unsere Freiheit und Unabhängigkeit infrage stellen wollen.“
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Wie Sebastian Guggolz über den drohenden Einsatz des Verfassungsschutzes sprach, passte zum Auftritt des früheren Bürgerrechtlers Frank Richter 20 Minuten vor Beginn des Festakts draußen auf dem Augustusplatz. Bei der Solidaritäts-Demonstration für die Buchhandlungen erinnerte er daran, wie Leuten in der DDR Angst eingejagt wurde, indem man ihnen bedeutete, sie müssten vorsichtig sein, es könnte eventuell etwas vorliegen. Dieses Geraune vor wichtigen Entscheidungen, bei ihm war es das Abitur, habe eine Lähmung bewirkt. Über die drei vom Preis ausgeschlossenen Buchhandlungen wurde zwar bekannt, dass der Verfassungsschutz etwas gefunden haben könnte, aber nichts Konkretes.
Zum Glück: Musik und Laudatio
Vor zwei Jahren lagen am Eröffnungsabend im Gewandhaus auf allen Plätzen Schilder in Grün, Pink, Rot und Gelb, auf denen stand „Demokratie wählen. Jetzt“. Die gutgemeinte Initiative des Börsenvereins und der Buchmesse wollte, dass alle Leute im Publikum diese Schilder hochhalten, als „starkes Zeichen für Demokratie und Freiheit“. Das Zeichen war eher billig als stark. Am Abend des 18. März 2026 wurden am Eingang rote Papiere im Din-A5-Format verteilt mit der Aufschrift „Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei!“. Die waren dann aber kaum im Saal zu sehen. Die Stimmung gegen das Vorgehen des Kulturstaatsministers brauchte kein Symbol, sie wurde auch so deutlich.
Apropos Stimmung: Zum Glück fand das alles im Gewandhaus statt, wo nach den Reden das Orchester des Hauses unter der Dirigentin Johanna Malangré so mitreißend das Concert Românesc von György Ligeti spielte, dass Ohren und Herzen und Seelen wieder frei wurden. Und zum Glück galt es noch, jemanden zu ehren. Miljenko Jergović bekam den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, vor allem für sein bewegendes, kluges Buch „Das verrückte Herz – Sarajevo Marlboro Remastered“. Er hielt eine schöne Dankesrede, die hintersinnig Europa pries und zugleich wegen seiner Abgrenzungsbestrebungen kritisierte. Den Höhepunkt an Witz und Charme, an Gedankenspiel und stilistischer Brillanz lieferte die Autorin Barbi Marković. Sie hielt die Laudatio auf den Kollegen. Jede Geschichte von Jergović sei „ein Plädoyer für die unschubladisierbare mäandrierende Menschlichkeit“.
„Wo Geschichten uns verbinden“ ist das Motto der kommenden Tage. Schwerpunkt ist diesmal kein Land, sondern eine ganze Region, die Donau. Der Börsenvereinsvorsteher sprach davon, dass man sich nun „neugierig auf die Literatur stürzen“ werde, die die Donauanrainer mitgebracht haben. Die Messe-Direktorin schickte das Publikum in den Abend mit dem Versprechen, es sei der Kern der Leipziger Buchmesse, dass Literatur Gesellschaften offener macht, nicht gefährlicher. Der Andrang auf die Tickets jedenfalls ist groß.
