Wachstum auf Reisen: Wie Berlin und Ostdeutschland zum touristischen Erfolgsmodell werden
Deutschland wirkt auf Reisende oft wie ein vertrautes Versprechen: Romantik, Fachwerk, Biergärten, Metropolen mit Geschichte. Doch wer genauer hinsieht, erkennt eine Schieflage. Während München und Hamburg ihre Gästezahlen längst wieder auf Vorkrisenniveau gebracht haben, kämpft die Hauptstadt – und mit ihr der gesamte Osten – um Anschluss. Das Problem ist größer als ein paar fehlende Übernachtungen.
Es geht um Infrastruktur, internationale Sichtbarkeit, den Flughafen Berlin Brandenburg und die Frage, ob Deutschland seinen östlichen Teil touristisch wirklich ernst nimmt. Berlin ist politische Zentrale Europas größter Volkswirtschaft – aber beim Luftverkehr Provinz. Der BER verfügt über moderne Infrastruktur, zwei Startbahnen, Ausbaureserven. Was fehlt, ist strategische Priorität.
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Dabei ist der Osten eine Region mit gewaltigem Potenzial: Sie ist landschaftlich spektakulär und kulturell dicht. In Mecklenburg-Vorpommern liegen die Ostseeinseln, in Brandenburg erstreckt sich der Spreewald, in Sachsen erhebt sich die Sächsische Schweiz, Thüringen wirbt mit dem Rennsteig und seinen Schlössern, Sachsen-Anhalt mit Bauhaus und Welterbestätten. Dresden, Leipzig, Weimar – kulturelle Schwergewichte. Natur, Geschichte, Unesco-Titel, Goethe und Schiller: alles vorhanden.
Und doch bleibt die internationale Wahrnehmung schwach. Wer in New York oder Tokio an Deutschland denkt, denkt an Bayern, vielleicht an Berlin – aber selten an Dessau oder Eisenach. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis jahrzehntelanger touristischer Schwerpunktsetzung. Der Süden exportiert Bilder, der Osten liefert Substanz – aber kaum Reichweite.
Berlins Ringen um die internationale Spitze
Berlin ist dabei Dreh- und Angelpunkt. Die Hauptstadt bleibt mit Abstand Deutschlands meistbesuchte Stadt. „Berlin verzeichnete 2025 insgesamt rund 29,4 Millionen Übernachtungen von rund 12,4 Millionen Gästen in Berlins Hotels“, teilt die Tourismusbehörde visitBerlin auf Anfrage der Berliner Zeitung mit. „Damit hat die Hauptstadt ihre Position unter den führenden europäischen Städtedestinationen bestätigt.“
Fatal nur: Die symbolträchtige Marke von 30 Millionen wurde verpasst. 2024 waren es noch 30,6 Millionen, im Rekordjahr 2019 sogar über 34 Millionen. Im Vergleich zu München und Hamburg zeigt sich dabei ein strukturelles Problem: Beide Städte haben ihr Vor-Corona-Niveau wieder erreicht oder übertroffen. Berlin nicht. Wer das mit globalen Unsicherheiten erklärt, greift zu kurz. Andere Metropolen wachsen trotz derselben Weltlage.
International misst sich Berlin mit London und Paris. Dort sind Besucherströme längst zurückgekehrt. Berlin rangiert dahinter, immerhin noch vor Rom – aber der Abstand wächst. Besonders schmerzhaft: Bei Soloreisenden liegt die irische Hauptstadt Dublin vorn. Eine Stadt mit nicht einmal einem Drittel der Einwohnerzahl.
Gegenüber der Berliner Zeitung ordnet visitBerlin dies so ein: „Zwar liegt das Übernachtungsniveau noch unter dem Rekordwert von über 34 Millionen aus dem Jahr 2019, entscheidend ist jedoch die qualitative Entwicklung des Berlin-Tourismus, unter anderem mit steigender Wertschöpfung. Die Nachfrage ist deutlich international geprägt. Der Anteil der internationalen Gäste liegt in Berlin bei 41 Prozent.“
Wer kommt – und wer bleibt weg?
„Berlin vermisst vor allem Gäste aus Großbritannien, Italien und den Niederlanden“, heißt es von visitBerlin. „Gründe sind unter anderem die eingeschränkten Flugkapazitäten, wirtschaftliche Unsicherheiten sowie veränderte Reisegewohnheiten. Berlin ist stärker von internationalen Verbindungen abhängig als viele andere deutsche Städte. Die eingeschränkte Anbindung wirkt sich daher unmittelbar auf die Nachfrage aus.“
Gleichzeitig gewinnen neue Märkte an Bedeutung. Die Behörde betont: „Besonders positiv entwickelten sich 2025 die Gästezahlen aus der Türkei mit 8,5 Prozent Plus bei den Übernachtungen und Übersee aus China mit 14,4 Prozent, Indien mit 10 Prozent und Israel mit 9,5 Prozent.“
Messen, Kultur und die Frage der emotionalen Bindung
Berlin setzt stark auf Messen und Kongresse: ILA, Innotrans, ITB. Großveranstaltungen bringen Geschäftsreisende, hohe Hotelpreise, internationale Netzwerke. Der Bereich gewinnt weiter an Dynamik. Wie visitBerlin vorrechnet: „2025 stieg die Zahl der Veranstaltungen um 5,6 Prozent, die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sogar um 26,8 Prozent.“ Zudem zeigten sich Kultur und Events als „besonders stabile Magnete“ der Hauptstadt.
Doch sie sind zyklisch. Zwischen den Eventjahren entstehen Lücken. Hinzu kommt: Kongresstourismus ist planbar, aber nicht identitätsstiftend. Er generiert Umsätze, aber kaum emotionale Bindung. Wer wegen einer Bahnmesse anreist, kommt selten wegen der Seenplatte zurück. Eine mögliche Weltausstellung oder das Jubiläum „800 Jahre Berlin“ im Jahr 2037 könnten Impulse setzen. Doch Großprojekte allein ersetzen keine strukturelle Anbindung.
Touristisch zeigt sich eine alte deutsche Linie neu: Die wirtschaftliche Dominanz des Westens spiegelt sich in der Verkehrsinfrastruktur. Während Bayern vom starken Export und internationalen Wirtschaftsbeziehungen profitiert, kämpft der Osten um Sichtbarkeit.
Das Nadelöhr am Himmel über Brandenburg
Und dann ist da noch das eigentliche Nadelöhr: der Himmel über Brandenburg, der Flughafen Berlin Brandenburg. Der BER sollte Symbol eines neuen Selbstbewusstseins sein – stattdessen ist er zum Gradmesser struktureller Schwäche geworden.
Der BER bleibt ein Hauptstadtflughafen im Sinkflug: 26 Millionen Passagiere im Jahr 2025. Doch die Zahl klingt größer, als sie ist. 2019 kamen Tegel und Schönefeld zusammen auf mehr als 35 Millionen Fluggäste. Berlin liegt also noch immer fast zehn Millionen unter Vorkrisenniveau. Sechs Jahre nach Eröffnung.
Das eigentliche Drama spielt sich jedoch nicht in der Gesamtzahl ab – sondern auf der Langstrecke. Aus Westdeutschland starten täglich rund 200 Interkontinentalflüge. Aus Ostdeutschland: vier bis fünf. Alle vom BER. Während der Flughafen Frankfurt am Main als globales Drehkreuz mit dutzenden Fernzielen operiert und auch der Flughafen München Nordamerika, Asien und den Nahen Osten engmaschig bedient, bleibt Berlin Kurzstrecken-Airport mit Hauptstadtanschluss.
Rund 130 Ziele in 50 Ländern listet der BER – doch der Großteil davon liegt in Europa oder im Mittelmeerraum. Billigflieger dominieren, Urlaubsrouten prägen das Bild. Ein globales Drehkreuz sieht anders aus. Die Lufthansa konzentriert ihre Langstrecken konsequent auf Frankfurt und München. Von Berlin aus geht es im Wesentlichen nur zu diesen Hubs – wer weiter weg will, steigt um. Für Geschäftsreisende und Fernmärkte ist das ein Standortnachteil. Nonstop schlägt Umstieg.
Besonders pikant: Die Golf-Airline Emirates würde seit Jahren gern nach Berlin fliegen. Eine Direktverbindung nach Dubai würde den BER mit einem der wichtigsten globalen Drehkreuze verbinden – mit Anschluss nach Asien, Australien und Afrika. Doch die Verhandlungen stocken. Verkehrsrechte, politische Rücksichtnahmen, Marktinteressen: Während Emirates in Frankfurt, München, Düsseldorf und Hamburg landet, bleibt die Hauptstadt außen vor.
Das Ergebnis ist eine Schieflage mit Ansage: Die Stadt ist international schlechter angebunden als andere europäische Metropolen. London, Paris, selbst kleinere Hubs bieten deutlich mehr Interkontinentalverbindungen. Der Osten hängt am Tropf westdeutscher Hubs. Das schwächt nicht nur Berlin, sondern eine ganze Region. Ein Flughafen entscheidet nicht allein über den Erfolg einer Stadt. Aber er entscheidet darüber, ob sie global erreichbar ist. Und derzeit gilt: Wer aus New York, Shanghai oder Sydney direkt fliegen will, landet nicht in Berlin – sondern im Westen.
Fazit: Ohne bessere Direktverbindungen droht Berlin im Wettbewerb um transatlantische Gäste zurückzufallen. Touristen entscheiden pragmatisch, auch für sie gilt: Nonstop schlägt Umstieg. Natürlich könnte man nun nach einer Imagekampagne rufen. Mehr Social Media, mehr Influencer, mehr Hochglanz. Doch Marketing ersetzt keine Slots auf dem Rollfeld.
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Gelassenheit? Die Perspektive aus Thüringen
Die Thüringer Tourismusgesellschaft (TTG) bewertet diese Situation gänzlich anders. „Die in der Frage angesprochene ‚Abhängigkeit von westdeutschen Drehkreuzen‘ bewerten wir nicht als strukturellen Nachteil“, teilt die Behörde mit. „In Verbindung mit der zentralen Lage Thüringens innerhalb Deutschlands ergibt sich vielmehr ein Standortvorteil: Mehrere internationale Flughäfen wie Frankfurt, München oder Berlin sind in gut erreichbarer Distanz. Von dort gelangen Gäste in etwa zwei bis drei Stunden per Fernverkehr nach Thüringen.“ Für die Touristiker steht fest: „Zusätzliche Langstreckenverbindungen am BER sind für das touristische Wachstum Thüringens kein ausschlaggebender Faktor.“
Diese Strategie spiegelt sich in den Zahlen wider: „Nach der pandemiebedingten Zäsur konnten wir uns überdurchschnittlich schnell erholen und haben die 10-Millionen-Marke 2024 erneut erreicht und gehalten“, so die TTG. Spitzenreiter bei den Besuchermagneten sei laut der Behörde die Landeshauptstadt Erfurt „mit rund 10,5 Millionen Tagesgästen jährlich“, gefolgt von Weimar mit rund 4 Millionen. Die Wartburg in Eisenach begrüßt demnach rund 480.000 Besucher.
Das Paradoxe: Der Osten ist in vielen Segmenten moderner positioniert. Nachhaltiger Tourismus, Radwege, Naturparks, geringere Überlastung – all das entspricht globalen Trends. Thüringen bündelt diese Kombination laut eigenen Angaben aktuell unter der Leitidee, das Land als „Grünes Herz Deutschlands“ zu positionieren. Doch Trends nützen wenig ohne Zugang.
„Coolcation“ in Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern weiß man um diese Trends und setzt die natürlichen Vorzüge gezielt als Magnet ein. Ein Drittel der Landesfläche steht unter Naturschutz, mit drei Nationalparks hält man den Bundesrekord. Die MV Tourismus GmbH reagiert damit auf ein verändertes Reiseverhalten: „Nicht zuletzt setzen wir auch auf Gäste, die bisher in wärmere Gefilde gefahren sind“, teilt die Landesgesellschaft auf Anfrage mit. Mit einer neuen Kampagne wolle man für eine „Coolcation“ begeistern – einem Urlaubsziel, in dem man „zwischen Ostsee und Badeseen, Wäldern und Welterbe noch immer einen kühlen Kopf bewahren kann.“
Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismusgebiets, in dem sich Welterbestädte wie Wismar und Stralsund mit der historischen Bäderarchitektur abwechseln, ist enorm. Die Branche erwirtschaftet im Land laut MV Tourismus GmbH einen Bruttoumsatz von etwa sieben Milliarden Euro pro Jahr. Um dieses Niveau zu halten, investiert das Land massiv in die Infrastruktur: Seebrücken, Promenaden und Radwege werden gefördert. „Jüngste Investitionen wie etwa in den Skywalk auf der Insel Rügen oder in die Seebrücke mit Hafen in Prerow auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst haben sich längst bezahlt gemacht“, erklärt die Landesgesellschaft. Allein die Seebrücke in Prerow zählte im ersten Jahr mehr als eine halbe Million Besucher. Zudem investiere der Bund in die Peene-Querung bei Wolgast und setze damit ein „deutliches Zeichen für eine bessere Erreichbarkeit der Insel Usedom“.
Doch auch im hohen Norden bleibt diese internationale Erreichbarkeit ein Nadelöhr. Die MV Tourismus GmbH betont gegenüber der Berliner Zeitung, dass die Anbindung des Reiselandes „von immenser Bedeutung“ sei, „vor allem dann, wenn wir die Potenziale im internationalen Tourismus ausschöpfen wollen“. Nur in strategischer Zusammenarbeit ließen sich die aktuellen Herausforderungen meistern, um Mecklenburg-Vorpommern „national und international ins Schaufenster der Welt“ zu stellen.
Der Umstieg als Wettbewerbsnachteil
Darin sind sich alle einig: Im internationalen Wettbewerb zählt vor allem eines: Tempo. „Städte wie London oder Paris profitieren von globalen Netzwerken. Wer dort landet, ist sofort im Zentrum der Weltwirtschaft“, sagt ein Branchenkenner. Berlin dagegen bleibe trotz politischer Bedeutung infrastrukturell zweite Reihe. Deutschland insgesamt verlasse sich zu sehr auf seine traditionellen Magneten – und unterschätze, dass internationaler Tourismus ein Milliardenmarkt und ein Machtfaktor ist. Wer Besucherströme lenkt, stärkt Soft Power, Kultur und Wirtschaft zugleich.
Das Kernproblem ist banal und brutal zugleich: fehlende Direktverbindungen. „Direktverbindungen sind psychologisch und praktisch ein entscheidender Buchungsfaktor“, sagt Tourismusexperte Martin Lohmann. „Jeder Umstieg reduziert die Attraktivität einer Destination.“ Was für Urlauber gilt, gilt erst recht für Geschäftsreisende.
Luftverkehrsökonom Andreas Wittmer formuliert es noch nüchterner: „Internationale Direktverbindungen sind ein harter ökonomischer Standortfaktor. Wer nicht nonstop erreichbar ist, verliert im globalen Wettbewerb.“ Genau hier liegt die Schwachstelle des Ostens. Während westdeutsche Drehkreuze wachsen, bleibt Berlin abhängig vom Umstieg.
Politische Weichen für mehr Sichtbarkeit
Doch Flugrouten allein genügen nicht. Berlin vermarktet sich noch zu selten als Tor in eine Region. Spreewald, Rügen, Sächsische Schweiz – sie müssten selbstverständlicher Teil der Hauptstadt-Erzählung sein. Dazu kommt die digitale Sichtbarkeit: Der Osten ist touristisch konkurrenzfähig, aber online oft weniger präsent als Alpenpanoramen und Oktoberfest.
Entscheidend bleibt politischer Wille. Verkehrspolitik ist Wirtschaftspolitik – und Tourismuspolitik. Der Osten ist kein Sanierungsfall, sondern eine stille Reserve: weniger überlaufen, nachhaltiger, preislich attraktiv. Eigenschaften, die im Zeitalter von Overtourism zu Wettbewerbsvorteilen werden können.
Berlin steht exemplarisch für diese Ambivalenz: kreativ, historisch, politisch bedeutend – aber luftverkehrlich abhängig von westdeutschen Hubs. Der BER könnte zum Hebel werden. Wenn er nicht Regionalflughafen mit Hauptstadtanschluss bleibt, sondern internationales Tor.
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Deutschland versteht sich als führende Wirtschaftsnation Europas. Doch im Tourismus zeigt sich ein struktureller Flickenteppich. Der Osten besitzt Attraktionen von Weltrang – aber keine gleichwertige Infrastruktur. Wer langfristig konkurrenzfähig bleiben will, muss die Ost-West-Asymmetrie auch am Himmel überwinden.
Nicht aus Solidarität, sondern aus ökonomischer Vernunft. Denn am Ende entscheidet die Direktverbindung darüber, ob ein Tourist nach Berlin fliegt – oder eben nach Paris.
