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„Der macht doch nix“: Wie Berlin im Hundehaufen-Slalom lebt

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23.02.2026

Es ist 6.43 Uhr am Lietzensee in Charlottenburg. Der Februar-Nebel hängt wie ein schlecht gelaunter Berliner über der Wiese, die Krähen führen Grundsatzdebatten, und ich stehe da mit biologisch abbaubarem Beutel in der einen und moralischer Überlegenheit in der anderen Hand. Neben mir: mein Cavalier King Charles, geschniegelt wie ein britischer Botschafter auf Staatsbesuch.

Nur dass dieser Botschafter klein ist, schwarz-weiß-braun, an den Ohren länger als an der Aufmerksamkeitsspanne und in seiner Vorstellung ein Lord. In der Realität: ein tapsiger Puschel, der beim Versuch, würdevoll zu wirken, regelmäßig über sein eigenes Selbstbild stolpert.

Die Faust geballt, der Beutel knisternd

Und dann passiert es. Nicht bei uns, sondern drei Meter weiter. Ein Königspudel setzt ein Statement ins Gras. Mitten auf dem Rasen, auf dem im Sommer Dreijährige Purzelbäume schlagen und Yogamatten ausgerollt werden. Frauchen starrt fasziniert in die Baumkrone, als habe sie dort gerade die Erleuchtung gefunden. Herrchen prüft intensiv die Wolkenformationen. Niemand hat etwas gesehen. Außer mir. Ich balle eine Faust, mein Hundekot-Beutel knistert.

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Berlin, du Hauptstadt der selektiven Verantwortung. Hier wird stundenlang über Tempolimits für Lastenräder diskutiert, aber Hundekot gilt als kulturelle Begleiterscheinung. „Das ist Natur!“, höre ich dann. Ja, Inge, aber wir leben nicht in der Serengeti, sondern zwischen Späti und Biomarkt. Natur ist auch Regen – trotzdem lässt du dein Sofa nicht draußen stehen.

BSR spricht von einer regelrechten „braunen Lawine“

Vielleicht liegt das Problem ja an der schieren Masse. In Berlin sind mehr als 131.000 Hunde registriert. Diese pelzige Armee produziert nach wissenschaftlichen Berechnungen täglich etwa 252.000 Hundehaufen. 252.000. Das ist nicht „Ups“, das ist Industrie. Und am Ende fallen täglich zwischen 55 und 60 Tonnen Hundekot auf Berlins Straßen und Grünflächen an. Die Berliner Stadtreinigung spricht von einer „braunen Lawine“, flächendeckend.

Angesichts dieser Naturgewalt verstärken die Ordnungsämter die Kontrollen. Man könnte sagen: Der Staat greift zum Beutel. Bußgelder für nicht beseitigten Hundekot betragen aktuell 35 Euro, sollen jedoch auf 100 bis 350 Euro steigen. Aus „Kaffee und Kuchen weniger“ wird „Kurzurlaub gestrichen“. Und wer besonders kreativ ignoriert, was da dampft, dem können in schweren Fällen sogar Bußgelder bis zu 10.000 Euro drohen. Das ist dann kein Ausrutscher mehr, das ist eine finanzielle Vollbremsung direkt ins Portemonnaie.

„Eine hats schon erwischt.“ Weinende Emojis.

Und was macht Berlin? Berlin gründet WhatsApp-Gruppen mit Namen wie „Freedom for Dogs“, in denen sich gegenseitig gewarnt wird.

„Achtung, Ordnungsamt am Parkeingang Süd!!!“ „Zwei Zivile, einer mit strengem Blick!“ „Leinen dran, Beutel raus!!! Eine hats schon erwischt. 35 Euro.“ Weinende Emojis.

Es ist wie eine Mischung aus Untergrundbewegung und Kita-Elternchat. 48 Profilbilder mit Hundenamen wie „Bruno“, „Luna“ oder „Ragnar“ geraten kollektiv in Alarmbereitschaft. Binnen Sekunden entsteht eine Dynamik wie bei einer überraschenden Steuerprüfung im Schrebergarten. Hunde, die eben noch freiheitsliebend über die Wiese pflügten, werden eingefangen, als hätte jemand „Razzia!“ gerufen. Flexileinen surren ein, Beutel tauchen auf wie weiße Fahnen.

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Der Leinenzwang in Parks neben Hundehaufen-Philosophien: Auch ein Reizthema! „Mein Hugo braucht seinen Freiraum“, heißt es dann. Als würde der Hund gleich eine Autobiografie schreiben. „Der macht doch nix!“ ist ja ohnehin das inoffizielle Motto dieser Stadt. Der tut nix – außer quer über die Picknickdecke, quer durch das Blumenbeet und im Zweifel mitten auf den Radweg. Und wenn er doch was tut, dann war es „ganz plötzlich“ und „man konnte ja nicht ahnen“.

Mein Hund und seine spezielle Form von Schwerhörigkeit

Mein Cavalier King Charles – nennen wir ihn King Louis, weil er auch so guckt – bleibt selbstverständlich an der Leine. Nicht nur, weil 350 Euro ein sehr teures Freiheitsgefühl wären. Sondern weil Zivilisation nicht erst beim Bußgeldbescheid beginnt. Außerdem hat Louis eine sehr spezielle Form von Schwerhörigkeit: „Keks?“ hört er auf dreißig Meter, „Hier!“ hingegen versickert in einer akustischen Parallelwelt. Ein Lord kommt schließlich nicht auf Zuruf – er erscheint, wenn es ihm genehm ist. Ohne Leine wäre dieser kleine Botschafter binnen 30 Sekunden im diplomatischen Sonderauftrag Richtung Gebüsch verschwunden.

Links ein Häufchen, vorne eine Tretmine mit Tarnkappe

Und weil Berlin eben Berlin ist, ist unser Spaziergang weniger Flanieren, mehr Slalom. Links ein Häufchen, rechts ein verdächtiger Schatten, vorne eine Tretmine mit Tarnkappe. Ich bewege mich wie eine olympische Skirennläuferin, Louis dagegen wackelt optimistisch auf alles zu, was „interessant“ riecht. Manchmal fühle ich mich wie Minensucher und Reiseleiter zugleich: „Hier entlang, Hoheit. Nein, das ist kein spannendes Naturphänomen. Das ist nur Nachlässigkeit in Reinform.“

Dann diese Beutel-Performance! Man bückt sich demonstrativ, sammelt betont sorgfältig ein – Applaus, bitte! – und legt den gefüllten Beutel anschließend dekorativ an den Wegesrand. Als sei es eine temporäre Skulptur. „Den hol ich später!“ Ja klar. Und ich werde später Königin von Marzahn-Hellersdorf. Besonders gewieft sind jene, die das Häufchen mit einem halben Schuhabdruck tarnen. Als würde es dadurch in eine andere Dimension rutschen. Spoiler: Tut es nicht. Es ist nur platter. Und irgendwann findet es jemand – meistens mit dem eigenen Schuh.

Es ist der unsichtbare Teil der Hundehaltung

Wir dagegen entfernen vorbildlich. Nicht aus Heldenmut, sondern aus schlichter Einsicht: Slalom gibt es in dieser Stadt schon genug – auf Radwegen, in der Politik, im Straßenverkehr.

Es ist der unsichtbare Teil der Hundehaltung. Nicht das Instagram-Foto im Sonnenuntergang, nicht das flauschige Köpfchen auf dem Sofa. Sondern das Ballett des Bückens. Aufgeführt im Morgengrauen, ohne Publikum, ohne Applaus, aber mit sehr viel Geruch und einem erstaunlich klaren moralischen Kompass.

Natürlich gibt es auch die stillen Heldinnen und Helden mit Rollenclip am Gürtel, die im Zweifel sogar fremde Hinterlassenschaften einsammeln. Sie verdienen einen Orden in Form eines goldenen Kotbeutels am Bande. Denn während 55 bis 60 Tonnen täglich theoretisch möglich sind, verhindern sie zumindest ein paar Kilo davon. Berlin braucht mehr von diesen Menschen – und weniger von denen, die bei „Beutel?“ so gucken, als hätte man ihnen gerade eine Steuer-ID abverlangt.

Hundehaltung ist kein philosophisches Experiment

Am Ende ist es doch absurd: Wir reden über Klimawandel, Nachhaltigkeit und urbane Resilienz – und scheitern kollektiv an etwas, das in eine Hand passt. Hundehaltung ist kein philosophisches Experiment. Sie ist ein Vertrag: Du darfst flauschig sein, ich bücke mich. Und du, Mitmensch, darfst deinen Hund lieben, musst aber nicht die gesamte Stadt an seiner Verdauung teilhaben lassen.

Ich träume von einem Berlin, in dem man durch Parks schlendert, ohne den Boden zu scannen wie ein Minensucher. In dem WhatsApp-Gruppen wieder die beste Eisdiele diskutieren – nicht die aktuelle Position des Ordnungsamts. In dem „Der tut nix!“ oder „Der macht doch nix“ endlich ersetzt wird durch „Ich mach’s weg“. Bis dahin bleibe ich standhaft. Mit Leine. Mit Beutel. Mit King Louis an meiner Seite, der mich ansieht, als wolle er sagen: „Wir beide sind zivilisiert.“

Und wenn ich wieder einmal jemanden sehe, der so tut, als habe sein Hund gerade ein literarisches Werk ins Gras gesetzt, dann halte ich meinen Beutel hoch wie eine Fahne der Vernunft. Berlin, wir schaffen das. Häufchen für Häufchen.


© Berliner Zeitung