Pekings Shuttle-Diplomatie zwischen den Fronten: Wie China im Iran-Krieg vermittelt
Wer annimmt, China stelle sich im laufenden Nahostkrieg automatisch auf die Seite Irans, übersieht wesentliche Teile des Bildes. Am 24. März empfängt Chinas Sondergesandter für den Nahen Osten, Zhai Jun, in Peking den israelischen Botschafter Eliav Belotsercovsky. Beide tauschen sich über die „angespannte Lage“ aus, wie das chinesische Außenministerium mitteilt.
Vier Tage zuvor saß an derselben Stelle der iranische Botschafter Abdolreza Rahmani Fazli. Einen Tag nach dem Treffen mit dem israelischen Diplomaten empfängt Zhai Jun kollektiv die Botschafter der Golfkooperationsrats-Staaten – jener Länder also, die von iranischen Angriffen direkt betroffen sind und Peking um Unterstützung bitten.
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China gegen iranische Angriffe auf Nachbarstaaten
Diese Abfolge ist kein Zufall, sondern Programm: China positioniert sich in diesem Krieg als Gesprächspartner aller Seiten und vermeidet eine eindeutige Parteinahme. In einer Stimmerklärung zur UN-Sicherheitsratsresolution 2817 vom 11. März formuliert Peking das in ungewöhnlicher Deutlichkeit: China „gehe nicht mit“ iranischen Angriffen auf arabische Golfstaaten und verurteile wahllose Angriffe auf Zivilisten. Gleichzeitig verweigert China der Resolution die Zustimmung, weil sie aus Pekings Sicht die Vorgeschichte ausblende – nämlich den US-israelischen Angriff auf Iran ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats.
Diese Doppelbotschaft zieht sich durch sämtliche diplomatische Aktivitäten der vergangenen Wochen. „Solange der Konflikt andauert, wird China seine diplomatischen Vermittlungsbemühungen nicht einstellen“, erklärte Zhai Jun am 23. März auf einer Pressekonferenz in Peking, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Der Krieg habe bereits mehr als 21.000 Opfer gefordert. Ob Pekings Diplomatie über Gesprächskanäle und Narrative hinaus tatsächlich Wirkung auf das Kriegsgeschehen entfaltet, ist die entscheidende offene Frage.
Shuttle-Diplomatie durch die gesamte Region – und darüber hinaus
Zhai Jun besuchte in den vergangenen Wochen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Kuwait und Ägypten. Er traf dort jeweils die Außenminister sowie die Generalsekretäre des Golfkooperationsrats (GCC) und der Arabischen Liga. Zusätzlich telefonierte er mit dem katarischen Staatsminister im Außenministerium, Mohammed bin Abdulaziz Al-Khulaifi, und führte nach eigenen Angaben eine „gründliche Diskussion mit der iranischen Seite“. Ob dieses Gespräch vor Ort in Iran oder über andere Kanäle stattfand, geht aus den öffentlich zugänglichen chinesischen Zusammenfassungen nicht hervor.
Dass China Israel nicht ausklammert, zeigt sich auch jenseits der aktuellen Krise: Bereits Anfang Januar 2026 besuchte Zhai Jun Israel und traf dort unter anderem Außenminister Gideon Sa’ar. Parallel zur aktuellen Shuttle-Diplomatie telefonierte Chinas Außenminister Wang Yi nach Angaben von Reuters direkt mit dem israelischen Außenminister und forderte ein Ende der Angriffe. Wann genau dieses Telefonat stattfand, geht aus den vorliegenden Quellen nicht hervor.
Kritik an den USA und an Iran zugleich
Die chinesische Regierung sendet in dieser Krise bewusst zwei Botschaften gleichzeitig. Einerseits weist Peking die Verantwortung für die Eskalation den USA und Israel zu. „Die USA und Israel haben Iran ohne Autorisierung des UN-Sicherheitsrats angegriffen. Das ist ein offenkundiger Bruch der Grundsätze der UN-Charta und des Völkerrechts“, sagte Zhai Jun auf seiner Pressekonferenz. Der Krieg hätte „nicht passieren dürfen“, da er laufende diplomatische Gespräche zwischen Iran und den USA zunichtegemacht habe.
Andererseits billigt China iranische Angriffe auf Golfstaaten ausdrücklich nicht. In der bereits erwähnten Stimmerklärung zur Resolution 2817 verurteilt Peking wahllose Angriffe auf Zivilisten und nicht militärische Ziele – eine Formulierung, die sich direkt auf iranisches Vorgehen bezieht. Dennoch enthielt sich China bei der Abstimmung, weil der Resolutionstext aus Pekings Sicht Ursache und Gesamtbild des Konflikts nicht angemessen abbilde.
Golfstaaten fordern Schutz – China transportiert die Botschaft
Die Gesprächspartner in der Region formulierten gegenüber Zhai Jun übereinstimmende Kernforderungen: Iran müsse Angriffe auf Nachbarstaaten einstellen, die Straße von Hormus dürfe nicht gesperrt werden, Energie- und Wirtschaftsinfrastruktur müsse geschützt bleiben. „Alle Seiten lehnen die Schließung der Straße von Hormus ab“, fasste Zhai zusammen. „Ihre fortgesetzte Sperrung wird für alle unerträgliche Konsequenzen haben.“
Durch die Meerenge fließen nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) rund 15 Millionen Barrel Rohöl pro Tag – etwa 34 Prozent des weltweiten Rohölhandels. China und Indien zusammen beziehen demnach 44 Prozent dieser Exporte. Für Peking ist die Sicherung dieser Route also auch ein unmittelbares wirtschaftliches Eigeninteresse.
Die Golfstaaten begrüßten laut Zhai Jun eine iranische Erklärung, Nachbarländer nicht angreifen zu wollen. Außenministeriumssprecher Lin Jian bestätigte am 25. März, dass Teheran angekündigt habe, „nicht-feindliche Ölschiffe“ durch die Meerenge passieren zu lassen. China begrüße „alle Bemühungen, die zur Deeskalation beitragen“, sagte Lin.
Einwirkung auf Iran: Erwartungen formuliert, Ergebnisse offen
In einem Telefonat vom 2. März formulierte Außenminister Wang Yi gegenüber seinem iranischen Amtskollegen Abbas Araghtschi neben politischer Unterstützung auch eine bemerkenswerte Erwartung: Iran solle „die legitimen Sorgen der Nachbarländer ernst nehmen“ und zur Stabilität beitragen. In einem weiteren Telefonat am 24. März, über das Reuters berichtete, drängte Wang Yi auf möglichst baldige Friedensgespräche. Der iranische Außenminister erklärte seinerseits, Iran wünsche, dass China weiterhin „eine positive Rolle bei der Förderung von Waffenruhe und Friedensgesprächen“ spiele, wie Lin Jian auf der Pressekonferenz am 25. März bestätigte.
Ob diese diplomatischen Erwartungen tatsächlich zu konkreten operativen Änderungen auf iranischer Seite geführt haben – etwa zum Stopp bestimmter Angriffstypen –, lässt sich anhand öffentlich zugänglicher Informationen nicht belegen. Die messbaren Ergebnisse der chinesischen Diplomatie sind bislang Kontakte, Botschaften und Foren, kein verifizierter Waffenstillstand.
Parallele Vermittlungskanäle – auch ohne China
Peking agiert nicht im luftleeren Raum. US-Präsident Donald Trump hat laut US-Medienberichten einen eigenen Friedensplan an Iran übermittelt und sich optimistisch gezeigt, den knapp einmonatigen Krieg beenden zu können. Pakistan positioniert sich gemeinsam mit der Türkei und Ägypten als Vermittler und bietet Islamabad als Verhandlungsort an. Auf die Frage nach diesen Initiativen antwortete Sprecher Lin Jian knapp: „China unterstützt alle Bemühungen, die zur Entspannung und Wiederaufnahme des Dialogs beitragen.“
Wie weit reicht Chinas Einfluss?
China erfüllt in dieser Krise eine Reihe formaler Voraussetzungen für Krisendiplomatie: Es spricht mit allen Seiten, einschließlich Israel und Iran, es nutzt multilaterale Formate, es transportiert regionale Sicherheitsbedenken und es formuliert normative Positionen. Mehrere Analysen, darunter von Chatham House, verweisen darauf, dass China als größter Ölkunde Irans über wirtschaftliche Hebel verfügt – Peking diesen Einfluss aber historisch eher zurückhaltend einsetzt und militärische Unterstützung für Iran vermeidet.
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Gleichzeitig laufen zentrale Deeskalationskanäle teilweise auch an China vorbei. Ob Peking über die Rolle eines diplomatischen Infrastrukturbetreibers – der Kanäle offenhält, Narrative setzt und Foren bespielt – hinaus die unmittelbare Kriegsdynamik steuern kann, bleibt offen.
Zhai Jun selbst formuliert den Anspruch klar: „Noch mehr Kämpfe werden keinen Sieger hervorbringen, sondern den Menschen in der Region nur unermessliches Leid zufügen.“ China werde als „verantwortungsbewusstes großes Land und aufrichtiger Freund der Länder der Region“ weiter vermitteln.
