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Helium-Engpass wegen Iran-Krieg: Existenz der deutschen Chip- und Autoindustrie bedroht

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25.03.2026

Die Eskalation im Iran-Krieg rund um die Straße von Hormus trifft die deutsche Industrie beim Helium. Seit die Schifffahrt nahezu zum Erliegen gekommen ist, gerät der Schlüsselrohstoff für Chipfabriken, Medizintechnik und Industrieautomation unter Druck – mit gravierenden Folgen.

Laut Reuters haben sich die Spotpreise für Helium seit Beginn der Krise bereits verdoppelt. Sollte die Störung länger als 60 bis 90 Tage anhalten, seien weitere Aufschläge von 25 bis 50 Prozent auf die gelieferten Preise möglich.

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Helium wird überwiegend als Nebenprodukt bei der Verarbeitung von Erdgas und verflüssigtem Erdgas (LNG) gewonnen. Fällt die LNG-Produktion aus, fällt auch das Helium weg. Genau das geschieht derzeit in Katar, dem weltweit größten Einzelproduzenten des Edelgases.

Ein Drittel der globalen Produktion weg

Reuters zufolge hat der staatliche Energiekonzern des Landes die Produktion an einer Anlage mit 77 Millionen Tonnen Jahreskapazität gestoppt und höhere Gewalt – sogenannte Force Majeure – auf LNG-Lieferungen erklärt. Associated Press berichtet ergänzend, dass die katarische Heliumproduktion in Ras Laffan konzentriert ist und durch den die iranischen Raketenangriffe sowie deren Folgeschäden beeinträchtigt wurde.

Nach Daten der US-Geologiebehörde USGS, die Reuters zitiert, produzierte Katar 2025 rund 63 Millionen Kubikmeter Helium – von weltweit etwa 190 Millionen Kubikmetern. Damit entfällt rund ein Drittel der globalen Produktion auf ein einziges Land, dessen Exportroute nun blockiert ist.

Helium kann nicht einfach ersetzt oder gelagert werden

Anders als bei Öl oder Industriemetallen gibt es für Helium kaum strategische Reserven, die kurzfristig angezapft werden könnten. Das Gas wird verflüssigt in speziell isolierten Containern transportiert, die laut AP nur 35 bis 48 Tage „halten“, bevor Erwärmung und Entlastungsventile zu Verlusten führen. Ein von Reuters zitierter Branchenmanager spricht von „nominell 45 Tagen“ bis zum Endkunden. Hunderte dieser Spezialcontainer seien derzeit in der Region gebunden und stünden anderswo nicht zur Verfügung.

Auch die Vorstellung, andere Produzenten könnten den Ausfall kompensieren, führt in die Irre. Zwar weist der USGS-Kapazitätsausblick den USA mit 54,2 Prozent den größten Anteil an der weltweiten Raffineriekapazität zu, Katar kommt auf 19,1 Prozent. Doch Kapazität ist nicht gleichbedeutend mit sofort verfügbarer Produktion: Raffinerien, Spezialcontainer und die langen Rücklaufzeiten begrenzen die tatsächliche Lieferfähigkeit erheblich.

Hinzu kommt die Marktstruktur. Helium wird überwiegend über langfristige Verträge gehandelt. Der Spotmarkt ist winzig. Engpässe werden deshalb oft erst verzögert sichtbar – schlagen dann aber umso heftiger durch.

Chipfabriken ohne Helium: Kein Ersatzgas in Sicht

Für die Halbleiterindustrie ist Helium kein Luxusgut, sondern ein Prozessgas, das in mehreren Fertigungsschritten zum Einsatz kommt. Helium dient laut Angaben der Semiconductor Industry Association (SIA) als Trägergas, wird für den Energie- und Wärmetransfer genutzt, kühlt die Rückseite von Siliziumscheiben (sogenannten Wafern) sowie die Ladekammern der Produktionsanlagen, kommt in der Photolithographie zum Einsatz und wird in Vakuumkammern sowie bei Reinigungsprozessen benötigt.

Laut Halbleiterausrüster Lam Research sei ein ein Austausch schwierig. Nur Wasserstoff erreiche eine annähernd vergleichbare Wärmeleitfähigkeit – sei aber reaktiv und damit ein Sicherheitsrisiko. Alle anderen Alternativen würden die Kühlzeiten verlängern und damit den Durchsatz der Fabriken senken.

Für viele Helium-Anwendungen in der Chipfertigung gebe es „keine Substitute“, und das Gas lasse sich „nicht ohne Weiteres“ bevorraten, so die SIA. Selbst in Druckzylindern gingen täglich rund ein Prozent des Inhalts verloren.

In Expertenkreisen rechnet derzeit kaum jemand mit einem sofortigen Produktionsstopp bei den großen Chipherstellern. Die Konzerne verfügen meist über Lagerbestände für mehrere Monate, und selbst deutlich höhere Heliumpreise wären verkraftbar, weil der Rohstoff nur einen Bruchteil der Produktionskosten ausmacht.

Im Krisenfall entscheidet ohnehin nicht der Preis, sondern die Priorität in der Belieferung: Halbleiterhersteller dürften bevorzugt werden, andere Abnehmer dagegen zuerst zurückstehen. Der eigentliche Risikofaktor ist damit die Dauer der Störung — und die Frage, wie stark die Logistik aus dem Takt gerät.

Deutschland: Ein Drittel aller europäischen Chips, 81.000 Jobs in Sachsen bedroht

Für Deutschland sind die Folgen potenziell gravierend, weil das Land ein zentraler Halbleiterstandort in Europa ist. Germany Trade & Invest (GTAI) beziffert den Branchenumsatz auf zwölf Milliarden Euro (2023) und ordnet ein, dass etwa ein Drittel aller europäischen Chips in Ostdeutschland gefertigt wird. Die Stärke liege vor allem bei Automotive-Halbleitern und Industrieautomation – Felder, in denen Unternehmen wie Infineon und Bosch global führend sind.

Im Cluster Silicon Saxony rund um Dresden hängen laut dem Branchenverband bereits 81.000 Arbeitsplätze in Mikroelektronik und Informationstechnologie an der Halbleiterproduktion, mit einer Prognose von über 100.000 Beschäftigten bis 2030. Parallel laufen milliardenschwere Ausbauprogramme. GlobalFoundries investiert 1,1 Milliarden Euro in den Standort Dresden mit dem Ziel, die Kapazität bis Ende 2028 auf über eine Million Wafer pro Jahr zu steigern.

Zusätzlich plant die European Semiconductor Manufacturing Company – ein Joint Venture von TSMC, Robert Bosch, Infineon und NXP Semiconductors – eine neue Fabrik für 300-Millimeter-Wafer mit einer Monatskapazität von 40.000 Stück und einem geplanten Produktionsstart Ende 2027. Rund 2.000 direkte High-Tech-Arbeitsplätze sollen entstehen.

All diese Investitionen basieren auf der Annahme, dass hochreine Prozessgase wie Helium planbar verfügbar bleiben. Ein anhaltender Versorgungsengpass wirkt an solchen Standorten nicht zwingend als sofortiger Stillstand, aber als Kosten-, Risiko- und Zeitfaktor, der Investitionskalküle und Lieferzusagen unter Druck setzt.

Autoindustrie besonders verwundbar

In der Automobilbranche sind die Übertragungswege besonders direkt: Moderne Fahrzeuge enthalten Hunderte von Halbleitern – in Steuergeräten, Sensoren und Leistungselektronik. Wie verwundbar die Branche bei Chip-Engpässen ist, hat die jüngste Vergangenheit gezeigt.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) beschrieb rückblickend, dass die Halbleiterknappheit 2022 „das dominierende Thema“ war und die Produktion spürbar begrenzte – trotz voller Auftragsbücher. Das ifo Institut hatte bereits im Herbst 2021 festgestellt, dass die Autobranche „am stärksten“ von Engpässen bei Vorprodukten betroffen war.

Für die Chemieindustrie schlägt der Effekt doppelt durch: zum einen über steigende Energiepreise und Gaskosten, zum anderen über die Abhängigkeit von Industrieautomation, deren elektronische Bauteile ebenfalls auf Halbleiter angewiesen sind.

GTAI betont, dass Deutschlands Halbleiterkompetenzen eng an industrielle Automation gekoppelt sind. Zudem ist Helium selbst jenseits der Chipfertigung ein wichtiges Industriegas – die USGS weist große Verbrauchsanteile in analytischen und Laboranwendungen aus.

MRT-Geräte und Kliniken unter Druck

Im Bereich der Medizintechnik, in der Deutschland im Exportgeschäft immer noch zu den Spitzenreitern zählt, ist Helium vor allem für den Betrieb von Magnetresonanztomographen relevant. MRT ist einer der großen Endanwendungsblöcke ein. Standard-MRT-Geräte benötigen laut Branchenberichten rund 1.500 Liter flüssiges Helium, um die supraleitenden Magneten auf extrem niedrige Temperaturen zu kühlen.

Zwar arbeiten Hersteller seit Jahren an heliumarmen oder heliumfreien Systemen – Brancheninsider verweisen im Gespräch mit der Berliner Zeitung darauf, dass Supraleiter entwickelt werden, die bei höheren Betriebstemperaturen mit Stickstoff statt Helium gekühlt werden können.

Doch die installierte Basis in Kliniken lässt sich nicht kurzfristig umrüsten. Für Deutschland bedeutet das vor allem steigende Service- und Betriebskosten sowie logistische Engpässe bei der Nachfüllung – besonders wenn Helium global zugeteilt und priorisiert wird.

Was kurzfristig hilft – und wo die Grenzen liegen

Es gibt vier realistische Puffer, die den Schock abfedern könnten – aber jeder hat Grenzen.

Erstens setzen große Industriegaseanbieter auf Diversifikation und Speicherinfrastruktur. Linde hat 2025 eine großskalige Helium-Salzkaverne mit einer Kapazität von über drei Milliarden Kubikfuß in Betrieb genommen, um Lieferzyklen zu glätten. Air Liquide investiert in Europa in Anlagen für hochreine Prozessgase der Halbleiterindustrie. Diese Maßnahmen helfen gegen mittlere Versorgungsschocks, nicht aber gegen eine längerfristige geopolitische Abschneidung.

Zweitens versuchen Halbleiterunternehmen laut SIA seit früheren Störungen, ihren Heliumverbrauch zu senken und das Gas zu recyceln. Weil Edelgase im Prozess nicht chemisch verbraucht werden, sind sie prinzipiell rückgewinnbar. Praktisch lohnt sich das aber erst bei großen Volumina und erfordert zusätzliche Anlagen – eine strukturelle Verbesserung, keine Sofortlösung.

Drittens ist Substitution in kritischen Kühlanwendungen technisch kaum möglich, wie Lam Research und AP übereinstimmend darlegen.

Viertens senken neue MRT-Generationen die Heliumabhängigkeit langfristig, ersetzen aber nicht den Bestand.

Die nächsten 90 Tage entscheiden

In Expertenkreisen gilt vor allem die Dauer der Störung als entscheidend. Bei 30 Tagen Ausfall wären Preisaufschläge von zehn bis 20 Prozent denkbar, bei 60 bis 90 Tagen sogar 25 bis 50 Prozent. Selbst wenn der Konflikt rasch endet, dürfte es noch Wochen bis Monate dauern, bis die Lieferketten wieder halbwegs normal laufen. Hinzu kommt, dass hunderte Spezialcontainer regional festhängen und den Wiederanlauf zusätzlich verzögern.

Für Deutschland wäre eine kurze Störung von wenigen Wochen zunächst vor allem ein Kosten- und Risikoschock. Bei einer Unterbrechung von ein bis drei Monaten steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass die Halbleiterproduktion messbar gebremst wird und die Effekte in die industriellen Lieferketten durchschlagen.

Hält die Störung noch länger an, droht eine neue Chipknappheit mit den bekannten Mustern. Die Autoindustrie müsste ihre Produktion drosseln, Maschinen und Industrieausrüstung kämen später an und auf energieintensive Branchen würde zusätzlicher Kostendruck lasten. Damit wüchsen auch die Risiken für Beschäftigung und Investitionen.

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In den kommenden Wochen kommt es deshalb auf operative Signale an. Entscheidend ist, ob die Straße von Hormus tatsächlich passierbar bleibt, ob große LNG- und Helium-Hubs Force Majeure ausrufen, ob genügend Spezialcontainer verfügbar sind, wie die Gaseanbieter ihre Kunden priorisieren und ob sich erste Störungen in der Halbleiterfertigung zeigen.

Der Helium-Engpass wäre damit das stille Gegenstück zur Ölkrise. Er ist unscheinbar, könnte aber enorme Wirkung auf Deutschlands industrielle Basis entfalten.


© Berliner Zeitung