Österreichs Volksschulen: Besser in Mathe, schwach im Lesen
84 Prozent der Volksschulkinder erreichen die Mathematik-Standards, aber nur 59 Prozent schaffen dies im Lesen.
In Mathematik gab es seit 2010 deutliche Verbesserungen, während die Leseleistungen stagnieren.
Soziale Herkunft und Schulstandort beeinflussen die Leistungen stark, besonders beim Lesen gibt es große Unterschiede.
84 % der Viertklässler:innen erreichen die Mathe-Standards, 59 % im Lesen
42 % verlassen die Volksschule ohne ausreichende Lesekompetenz
Anteil der Kinder mit anderer Alltagssprache stieg von 23 % (2009/10) auf 32 % (2022/23)
In Wien erreichen nur 48 % die Lese-Standards, österreichweit sind es 59 %
84 Prozent der Volksschulkinder erreichen die Mathematik-Standards, aber nur 59 Prozent schaffen dies im Lesen.
In Mathematik gab es seit 2010 deutliche Verbesserungen, während die Leseleistungen stagnieren.
Soziale Herkunft und Schulstandort beeinflussen die Leistungen stark, besonders beim Lesen gibt es große Unterschiede.
84 % der Viertklässler:innen erreichen die Mathe-Standards, 59 % im Lesen
42 % verlassen die Volksschule ohne ausreichende Lesekompetenz
Anteil der Kinder mit anderer Alltagssprache stieg von 23 % (2009/10) auf 32 % (2022/23)
In Wien erreichen nur 48 % die Lese-Standards, österreichweit sind es 59 %
Ich mag es, wenn mir Daten unterkommen, die meine Vorurteile über unsere österreichische Realität herausfordern – oder mich, anders gesagt, überraschen. Diese Woche ist genau das passiert: Am Dienstag hat Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) den ersten Bundesergebnisbericht der individuellen Kompetenzmessung Plus („IKM Plus“) präsentiert.
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Klingt sperrig, aber bear with me. Erstmals seit Einführung der neuen Kompetenzmessungen liegen flächendeckende Daten darüber vor, was Österreichs Volksschüler:innen in Deutsch und Mathematik am Ende der vierten Klasse können – aggregiert über drei Schuljahre und rund 244.000 Kinder; und: vergleichbar mit früheren, ähnlich standardisierten Untersuchungen, die seit 2010 stattgefunden haben.
Ich hätte ja gewettet, dass – früher war alles besser, das ist ja wohl klar – die Volksschüler:innen von heute weit schlechter abschneiden als jene von 2010. Erstens der generellen Entropietendenz der Welt wegen, zweitens weil sich die demographische Zusammensetzung in Österreich seither durch massive Zuwanderung verändert hat und Nichtuttersprachler:innen es eben generell schwer haben, sich anzupassen, nicht zuletzt auch im Bildungssystem.
Nun: Ich hätte mich getäuscht. Tatsächlich haben Kinder in Österreich heute weniger Defizite als vor 15 Jahren, besonders in Mathematik haben sie aufgeholt.
Aber fangen wir mit dem Gesamtbild an. In Mathematik erreichen oder übertreffen 84 Prozent der Viertklassler:innen die Bildungsstandards – den Ziellevel, den sie am Ende der Volksschule haben sollten. Nur acht Prozent erreichen sie gar nicht. Fast jedes fünfte Kind (18 Prozent) übertrifft die Standards sogar – schneidet also deutlich besser ab, als man es am Ende der Volksschule erwarten würde. Mathematik ist eindeutig die stärkste Domäne der österreichischen Volksschulkinder.
Deutsch ist ein Problem
Jetzt die weniger gute Nachricht: In Deutsch (Lesen) schaffen nur 59 Prozent die Bildungsstandards. 15 Prozent erreichen sie gar nicht, weitere 27 Prozent nur teilweise. Zusammengerechnet verlassen also 42 Prozent der Kinder die Volksschule, ohne ordentlich lesen zu können – jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das der Lehrplan vorsieht. Der Bericht formuliert das schön akademisch: Diese Kinder schaffen den Sprung von „learning to read“ zu „reading to learn“ nicht. Übersetzt heißt das: Sie werden auch in allen anderen Fächern Probleme haben, weil sie Texte nicht ausreichend verstehen.
Wir sehen: Noch dramatischer schaut es beim Schreiben aus: Nur 43 Prozent der Kinder erreichen die Bildungsstandards beim Verfassen von Texten. Und in der Teildimension „Sprachliche Richtigkeit“ – also Rechtschreibung und Grammatik – scheitern 73 Prozent ganz oder teilweise. Nimmt man beide Kernbereiche zusammen, erreichen 58 Prozent der Kinder die Bildungsstandards in Mathe und Lesen. 15 Prozent schaffen es in keinem von beiden.
Jetzt wird es spannend: Seit 2010 gibt es vergleichbare Messungen. Und in Mathematik zeigt sich seitdem ein kontinuierlicher Aufwärtstrend. Der Anteil der Kinder, die die Standards nicht oder nur teilweise erreichen, hat sich von 34 Prozent im Jahr 2010 auf 16 Prozent in der aktuellen Messung halbiert. Die Spitzengruppe – jene, die die Standards übertreffen – hat sich verdreifacht, von sechs auf 18 Prozent. Der Mittelwert ist um 60 Punkte gestiegen, das entspricht mehr als drei Vierteln eines Lernjahres.
Warum das bemerkenswert ist? Weil sich in derselben Zeitspanne die Zusammensetzung der Schüler:innenschaft massiv verändert hat. Der Anteil der Kinder mit anderer Alltagssprache als Deutsch ist von 23 Prozent (Schuljahr 2009/10) auf 32 Prozent (2022/23) gestiegen. Der Anteil jener mit Migrationshintergrund von 24 auf 29 Prozent. Gleichzeitig stieg allerdings auch der Anteil der Eltern mit Uni-Abschluss von 16 auf 21 Prozent – und höhere Elternbildung korreliert eben auch mit besseren Schulleistungen der Kinder.
Der Bericht hat diese gegenläufigen Trends in einer sogenannten populationsadjustierten Analyse durchgerechnet: Auf Systemebene heben sie sich ungefähr auf. Dass trotzdem gerade in Mathe so eine deutliche Verbesserung eingetreten ist, ist also eine echte Leistung des Schulsystems – und keine bloße Folge veränderter Demografie.
In Deutsch (Lesen) allerdings: Stagnation. Nach einem Anstieg zwischen 2010 und 2015 hat sich seither nichts mehr getan. Der Mittelwert 2015: 502 Punkte. Jetzt: 500. Das ist das große Sorgenkind. (Wobei man fairerweise sagen muss, dass in diesen Zeitraum auch die COVID-Pandemie fällt, die ja bekanntlich international zu Rückgängen bei den Leseleistungen geführt hat. Dass Österreich hier nicht schlechter geworden ist, kann man also auch als Teilerfolg lesen.)
Ich will dir jetzt aber nicht die Freude verderben: Die Gesamtzahlen verdecken nämlich enorme Unterschiede. Und die verlaufen nicht etwa zwischen Bundesländern (die Unterschiede zwischen den meisten Bundesländern sind erstaunlich gering), sondern zwischen Schulen mit unterschiedlichem sozialen Umfeld. Der Bericht teilt Schulen nach ihrer „sozialen Ausgangslage“ (SÖL) in sechs Kategorien ein – basierend auf Elternbildung, Einkommen und Migrationshintergrund. Und die Unterschiede sind drastisch:
In Schulen der obersten SÖL-Kategorien (also mit sozioökonomisch günstigen Bedingungen) erreichen 91 Prozent der Kinder die Mathe-Standards und 70 Prozent die Lese-Standards. In Schulen der untersten Kategorie schaffen das nur 61 Prozent in Mathe und 26 Prozent im Lesen. 40 Prozent der Kinder an diesen Schulen erreichen die Lesestandards nicht einmal ansatzweise. Die Differenz im Lesen zwischen der untersten und der obersten Kategorie entspricht fast zwei Lernjahren. (Das ist so ein Satz, den man schnell überlesen kann, aber lass Dir das noch einmal durch den Kopf gehen: ZWEI JAHRE in einem vierjährigen Schulsystem.)
Und weil Schulen mit niedriger sozialer Ausgangslage überproportional in größeren Städten liegen, schlägt sich das auch in einem massiven Stadt-Land-Gap nieder: Am Land erreichen 67 Prozent der Kinder die Lesestandards, in dicht besiedelten Gebieten nur 50 Prozent. In Mathe: 88 vs. 78 Prozent. Ganz platt formuliert: Wo du als Kind in Österreich in die Volksschule gehst, hat einen enormen Einfluss darauf, was du dort lernst.
Und damit zum Bundesländervergleich, bei dem Wien naturgemäß im Mittelpunkt steht. Die absoluten Zahlen sind ernüchternd: Wien liegt in allen Kompetenzbereichen am letzten Platz. Nur 48 Prozent der Wiener Kinder erreichen die Lese-Standards (vs. 59 Prozent österreichweit), in Mathe sind es 77 vs. 84 Prozent. Der Abstand zum Österreich-Schnitt beträgt im Lesen fast ein halbes Lernjahr.
Bevor jetzt aber der Reflex greift, auf Wien zu schimpfen: Schau dir an, unter welchen Bedingungen die Wiener Schulen arbeiten. 58 Prozent der Wiener Schüler:innen besuchen Schulen der untersten beiden SÖL-Kategorien. Im Schnitt aller anderen Bundesländer sind es nur 16 Prozent. 57 Prozent der Wiener Kinder haben nicht Deutsch als Erstsprache. Die Schulen sind doppelt so groß wie im Österreich-Schnitt (183 vs. 86 Kinder), die Klassen voller (19 vs. 16 Kinder).
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Populationsadjustiert – also wenn man berücksichtigt, welche Kinder die Wiener Schulen unterrichten – liegen Wiens Ergebnisse sogar besser als erwartet. Die Lehrer:innen dort machen also tatsächlich einen signifikanten Unterschied und erreichen bessere Ergebnisse als erwartet. Insgesamt ist das Ergebnis angesichts der Ausgangslage natürlich noch immer desaströs, aber trotzdem besser als erwartet.
Wir sehen: Vergleicht man Schulen innerhalb derselben SÖL-Kategorie, schneiden Wiens Schulen in Mathematik in jeder Kategorie besser ab als der Rest Österreichs – ab der mittleren Kategorie sogar statistisch signifikant. Und auch bei den Schulen mit den besten Ausgangsbedingungen (SÖL-Kategorien 5 und 6) liegen die Wiener Ergebnisse in allen Bereichen über denen der anderen Bundesländer. Ich sage das nicht, um irgendetwas schönzufärben – an Wiener Schulen gibt es massive Probleme –, sondern um zu zeigen, dass Lehrer:innen und ihre Arbeit einen Unterschied machen können und Statistik nicht Bestimmung ist.
Zum Schluss ein Caveat, bevor wir diese Ergebnisse zu sehr abfiern: Diese IKM hat ausschließlich Volksschulkinder getestet, also Neun- bis Zehnjährige. Das ist die Altersgruppe, bevor die Digitalisierung mit eigenen Geräten in der Regel voll durchschlägt: Laptops und Tablets bekommen Schüler:innen in Österreich seit der Geräteinitiative erst in der 1. Klasse Mittelschule bzw. AHS-Unterstufe, also ab der 5. Schulstufe.
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Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Was die Sekundarstufen-Ergebnisse zeigen werden – also wie es bei den Elf- bis Vierzehnjährigen aussieht, die bereits täglich mit Screens arbeiten –, steht noch aus. Die internationalen Befunde legen nahe, dass dort die Bilanz weniger rosig aussehen dürfte.
In der Volksschule bleibt das Lesen das große Sorgenkind. 42 Prozent der Kinder, die die Volksschule verlassen, ohne die Lesestandards zu erreichen – das ist eine Hypothek, die sich durch die gesamte weitere Bildungskarriere zieht. Der Mathe-Trend zeigt aber immerhin: Verbesserungen sind möglich, wenn man sie konsequent angeht. Die Frage ist, ob Österreich denselben Willen auch fürs Lesen aufbringt.
Den gesamten Bericht findest du hier auf der Website des IQS.
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Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
iqs.gv.at: Bundesergebnisbericht der iKMPLUS Primarstufe 2023-2025
