Über das Leben in einem nicht mehr so fremden Land
Viele Ukrainer:innen in Österreich erleben Integration als langwierigen Prozess, geprägt von Heimweh und dem Wunsch nach Sicherheit.
Sprachbarrieren und berufliche Herausforderungen erschweren die Eingliederung, trotz vorhandener Qualifikationen und Unterstützung.
Die Verbindung zur Ukraine bleibt stark, doch für viele überwiegt das Bedürfnis nach Stabilität und einer neuen Perspektive in Österreich.
Krieg in der Ukraine dauert seit vier Jahren an, kein Frieden in Sicht
Viele Ukrainer:innen leben seit 2022 in Österreich
Integration und Jobsuche oft schwierig trotz Deutschkenntnissen
Unterstützung durch Caritas, Familien und lokale Netzwerke
Viele Ukrainer:innen in Österreich erleben Integration als langwierigen Prozess, geprägt von Heimweh und dem Wunsch nach Sicherheit.
Sprachbarrieren und berufliche Herausforderungen erschweren die Eingliederung, trotz vorhandener Qualifikationen und Unterstützung.
Die Verbindung zur Ukraine bleibt stark, doch für viele überwiegt das Bedürfnis nach Stabilität und einer neuen Perspektive in Österreich.
Krieg in der Ukraine dauert seit vier Jahren an, kein Frieden in Sicht
Viele Ukrainer:innen leben seit 2022 in Österreich
Integration und Jobsuche oft schwierig trotz Deutschkenntnissen
Unterstützung durch Caritas, Familien und lokale Netzwerke
Der Krieg in der Ukraine geht ins fünfte Jahr und zermürbt zunehmend die ukrainische Bevölkerung. Auch in der medialen Berichterstattung verliert der Krieg an Präsenz. Gleichzeitig wächst in der österreichischen Politik die Erwartung, bestehende Gesetze an neue Rahmenbedingungen anzupassen. Menschen, die seit vier Jahren Unterstützung erhalten, sollen weitgehend auf eigenen Füßen stehen.
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Aber wie fühlen sich die Menschen aus der Ukraine, die hier leben? Sind sie inzwischen angekommen? Und was wiegt stärker: Das Heimweh oder das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität? Ukrainer:innen in Österreich erzählen ihre Geschichten – vom unternehmerischen Erfolg bis zum täglichen Bangen um die Existenz.
„Ich bin im Dezember 2024, kurz vor Weihnachten, nach Österreich gekommen. Die Entscheidung war impulsiv, aber sie war aus heutiger Sicht die beste meines Lebens. Einen Monat vor dem Umzug war ich beruflich in Wien – am Maria-Theresien-Platz wusste ich plötzlich, dass ich hier leben möchte.
Vorher lebte ich in Kyjiw. Die Zeit seit Kriegsbeginn war geprägt von Angst, Nächten in Tiefgaragen und Schutzräumen – besonders schwer waren die Momente, in denen ich meine schläfrige Tochter morgens nach einer Nacht im Schutzraum für die Schule fertig machen musste, während die Stadt noch im Rauch stand. Gleichzeitig ging es trotz Krieg auch beruflich weiter: Ich habe meine Marketing-Agentur weiterentwickelt, Bildungsprogramme zu KI und Finanzkompetenz umgesetzt und mit meinem Buch ‚Divorced from Myself‘ begonnen.
Heute fühle ich mich in Wien am richtigen Platz. Die Stadt gibt mir Sicherheit, Lebensqualität und Perspektiven für meine Tochter, die inzwischen fließend Deutsch spricht. Die Integration ist ein Prozess, aber ich sehe ihn als Chance.
Meine Freunde und Familie sind weiterhin in der Ukraine, wir stehen in engem Kontakt. Ein Teil meines Herzens bleibt dort. Ich glaube aber, dass mein Erfolg und meine Integration hier auch meinem Land helfen – indem ich neue Partnerschaften aufbaue und ein positives Bild der Ukrainer:innen vermittle. Heimweh ist da, doch mein Wunsch, in Wien neu durchzustarten und Verantwortung für die Zukunft meiner Tochter zu übernehmen, ist stärker.“
„Ich lebe seit vier Jahren in Wien. Mit Beginn des Krieges bin ich mit meiner Familie aus Odessa nach Österreich geflohen. Ohne Deutschkenntnisse war der Start schwierig. Die Caritas bot uns eine Wohnung an, die aber für mich und meine Geschwister, mit denen ich gern zusammenleben wollte, zu klein gewesen wäre. Uns hat jedoch geholfen, dass meine Schwester seit 20 Jahren in Wien lebt und uns unterstützt hat. Zudem gab es eine Familie, die uns eine passende Wohnung vermittelt und bei Behördenwegen geholfen hat – so konnten wir uns rasch einleben.
In der Ukraine habe ich an der Technischen Universität studiert. In Österreich habe ich zunächst als Immobilienmakler und Softwareentwickler gearbeitet und schließlich einen Job bei einer Versicherung gefunden. Wäre ich zuhause geblieben, wäre ich heute vermutlich Soldat – deshalb ist Sicherheit für mich das Wichtigste.
In Wien fühle ich mich sicher, auch wenn es sich nicht zu hundert Prozent wie zuhause anfühlt, weil ich viele Jahre in meiner Heimat gelebt habe. Ich schätze Österreich und die Hilfsbereitschaft der Menschen sehr. Früher war ich professioneller Karate-Sportler, heute bleibt dafür keine Zeit mehr, dafür habe ich Skifahren gelernt.
Ein Teil meiner Familie ist noch in der Ukraine; meine Großmutter lebt seit eineinhalb Jahren ebenfalls in Österreich, weil die Situation dort zu unsicher war. Nach dem Krieg möchte ich zumindest schauen, wie es sich anfühlt, zurückzugehen – vielleicht kann ich mein Wissen nutzen, um beim Wiederaufbau zu helfen, zum Beispiel im Versicherungsbereich.“
„Ich bin im Februar 2022 mit meinem Sohn aus der Ukraine geflohen. Es ging alles sehr schnell. Über Nacht habe ich nur funktioniert, die wichtigsten Dinge gepackt und bin losgefahren. Zum Glück war das Auto vollgetankt, sonst hätten wir es nicht so schnell bis zur ungarischen Grenze geschafft. Dort wurden wir von Bekannten aus Wien abgeholt. Österreich habe ich mir nicht bewusst ausgesucht – es hat sich einfach ergeben. Meine Eltern wollten in der Ukraine bleiben und sind bis heute dort. Mein Plan war immer, zurückzukehren. Doch schon an Tag sieben in Österreich habe ich Duolingo heruntergeladen und begonnen, Deutsch zu lernen, weil ich merkte, dass es länger dauern könnte.
In der ersten Zeit bekamen wir viel Unterstützung. Doch es dauerte trotz guter Deutschkenntnisse auf B1-Niveau 1,5 Jahre und hunderte Bewerbungen, bis ich die richtigen Kontakte geknüpft habe. Parallel zum späteren C1-Fortgeschrittenen-Kurs meldete ich meinen Sohn und mich bei Casting-Agenturen für Werbejobs an. Bei einem Dreh ergab sich ein Kontakt – seit 1,5 Jahren arbeite ich nun als Agency Producer in Wien – ein Beruf, den ich auch in der Ukraine ausgeübt habe.
Zurückzugehen ist nicht mehr mein Plan A. Für mich ist es sprachlich und kulturell oft noch schwer – zuhause würde ich auf meiner Muttersprache Nietzsche zitieren, hier fühle ich mich manchmal hilflos. Aber mein Sohn ist acht, spricht besser Deutsch als Ukrainisch, und sein Zuhause ist inzwischen hier.
Gleichzeitig fehlt mir aus der Ukraine mein eigenes Haus und die Familie. In Wien weiß ich oft nicht, wer da wäre, wenn ich krank werde oder mir etwas zustößt. Wenn man mich eine starke Frau nennt, denke ich: Das stimmt nicht, ich bin eher wie ein Hase, der nachts schlecht schläft – aber irgendwie muss man trotzdem alles schaffen.“
Die Sprachniveaustufen
Das System des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER) beschreibt Sprachkenntnisse auf einer Skala von A1 bis C2:
A1–A2: Elementare Sprachverwendung (Anfänger bis grundlegende Kenntnisse)
B1–B2: Selbstständige Sprachverwendung (fortgeschritten, alltagstauglich bis sicher argumentierend)
C1–C2: Kompetente Sprachverwendung (nahezu fließend bis annähernd muttersprachlich)
Die sechs Stufen zeigen, wie gut jemand eine Sprache verstehen, sprechen, lesen und schreiben kann – von ersten einfachen Sätzen bis zu komplexer, nuancierter Kommunikation.
„Am 24. Februar 2022 bin ich in der Nacht mit meinem damals 20-jährigen Sohn bei Nachbarn im Auto von Kyjiw über die Slowakei nach Wien geflohen. Zuerst habe ich zwei Jahre in einem Ort bei Wien gelebt, dann bin ich in die Stadt gezogen. Mein Sohn studiert hier und arbeitet bereits – ich hingegen finde keinen Job.
Ich habe einen Masterabschluss und war in der Ukraine als Designerin und freiberufliche Innenarchitektin tätig. Obwohl meine Abschlüsse anerkannt sind, ich B2-Deutsch spreche und Zusatzqualifikationen habe, klappt es in meiner Branche nicht. Ich habe sogar Lebensläufe in Einrichtungs- und Tapetengeschäften abgegeben, doch immer heißt es, mein Deutsch sei nicht gut genug. Die Sprache ist die größte Herausforderung – aber wenn man die Kultur verstehen will, muss man sie sprechen. Ich lebe hier ein ganz anderes Leben als früher und frage mich manchmal: ‚Bin das ich?‘
Unser Haus in Irpin wurde schon im März 2022 beschädigt. Panzer standen im Ort, Bomben schlugen in meinen Garten ein. Seit der Flucht war ich nicht mehr dort und möchte auch nicht zurück. Ich habe Angst, denn ich habe nur meinen Sohn und er nur mich. Am Anfang habe ich noch täglich Nachrichten über den Krieg gelesen, aber man kann sich nicht nur darauf konzentrieren, man muss weiterleben. In Wien habe ich Freundinnen und ein neues Leben gefunden – was kommt, weiß niemand, aber jetzt möchte ich bleiben.“
* Der Name wurde aus Anonymitätsgründen geändert.
„2022 blieben wir zunächst noch in unserer Wohnung in Kyjiw. Mein Mann, Österreicher und Vorsitzender der Ukrainian-Austrian Association, wurde aus Wien immer wieder ged rängt zu gehen – doch die verstopften Straßen vor der Tür hielten uns zurück. Am Ende war es unser zwölfjähriger Sohn, der sagte: ‚Fahren wir!‘ Wir nahmen nur einen Koffer mit, aus Angst, unterwegs ausgeraubt zu werden.
Eine Freundin blieb in der Wohnung. Als sie später fragte, was sie mir schicken solle, merkte ich, wie unwichtig Besitz geworden war. Ich ließ mir nur zwei Konzertkleider und meine Noten nachschicken – das, was ich für meinen Beruf als Opernsängerin wirklich brauchte.
Die erste Zeit fühlte sich an wie im Nebel. Zwar reiste ich nach sechs Monaten noch einmal für Vorstellungen zurück, doch als im Dezember 2022 Weihnachtsauftritte unter Raketenalarm anstanden, wusste ich: Allein, ohne Familie, halte ich das nicht aus. Schweren Herzens kündigte ich meine Festanstellung an der Oper. Heute mache ich Konzerte und unterrichte Gesang.
Der Krieg zerstört nicht nur ein Land, sondern auch die Psyche der Menschen. Ich habe meine Eltern, Karriere, Anerkennung und mein Publikum zurücklassen müssen. Als Halb-Armenierin spüre ich historische Traumata besonders stark. Und doch schlafe ich in Kyjiw bei Sirenen manchmal ruhiger als in der Stille des Wienerwalds. Den Mut dürfen wir trotzdem nicht verlieren.“
„Ich bin vor etwa vier Jahren mit meiner Tochter und meinen zwei kleinen Enkelkindern nach Österreich gekommen. Am Anfang hatten wir nicht genug Geld für den ganzen Monat, wir haben Lebensmittel von der Caritas bekommen. Sie haben uns auch bei der Registrierung, bei Bankkonten und mit Übersetzungen geholfen und Deutschkurse organisiert. Eine Mitarbeiterin hat meinen Lebenslauf weitergeleitet – so bekam ich 2023 ein Interview bei PwC.
In der Ukraine habe ich mein ganzes Leben im Bankensektor im Zahlungsverkehr gearbeitet. Bei PwC war ich zwei Jahre als Beraterin tätig, inzwischen arbeite ich wieder im Zahlungsverkehr bei der Ersten Bank. Meine Arbeit mache ich meist auf Englisch, einige Meetings sind auf Deutsch. Die Sprache ist auch nach wie vor am schwierigsten für mich – ich kann immer nur abends ein bisschen lernen.
Ich mag Wien sehr und wohne noch immer in der Wohnung im 23. Bezirk, die mir damals vermittelt wurde. Gleichzeitig unterstütze ich meine Freunde in der Ukraine und schicke Geld oder Dinge wie Decken oder einen Teelichtofen, weil sie im Winter keinen Strom und keine Heizung haben. Ich möchte in Wien bleiben, so bin ich näher bei meiner Tochter, die inzwischen in Frankfurt lebt.“
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Laut Angaben der Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen (BBU) wurden seit Kriegsbeginn insgesamt 141.000 Personen aus der Ukraine als Vertriebene erfasst. Im ZMR sind davon noch 85.000 gemeldet. Es befinden sich derzeit noch 29.500 von ihnen in Grundversorgung, wissen also die wichtigsten Grundbedürfnisse wie Unterbringung, Verpflegung und medizinische Versorgung gedeckt. Davon sind ca. 14.000 im erwerbsfähigen Alter, ca. 7.000 Pensionist:innen und ca. 9.000 Kinder. Derzeit sind 30.300 Ukrainer:innen unselbständig beschäftigt, davon etwa 26.300 im Rahmen einer vollversicherten und 4.000 in einer geringfügigen Tätigkeit.
Im Rahmen der Grundversorgung erhalten hilfs- und schutzbedürftige Fremde in erster Linie Leistungen, welche auf die Deckung der täglichen Grundbedürfnisse ausgerichtet sind, wie angemessene Verpflegung, Unterkunft, medizinische Versorgung, Bekleidungshilfe, Schulbedarf sowie Information und Beratung.
Der Vertriebenenstatus für ankommende Geflüchtete gilt immer von März bis März. Dieser Status ist laut dem Chef der Ukraine-Geflüchtetenkoordination, Andreas Achrainer, aber nur ein Provisorium. Für viele sei es eine Herausforderung, weil man nicht wisse, wie es danach weitergeht: „Nach vier Jahren ist einiges, was der Staat gemacht hat, in die Jahre gekommen, wo wir draufschauen müssen“, so Achrainer. Um den Anteil zu erhöhen, soll zum Beispiel die Anerkennung ausländischer Qualifikationen verbessert werden. Laut Achrainer würden voll ausgebildete Pflegekräfte bei uns oft zu Pflegeassistent:innen degradiert.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine begleitet der ÖIF die Situation der hier registrierten Vertriebenen mit regelmäßigen Erhebungen. Aktuell (Stand Jänner 2026) ist knapp die Hälfte von ihnen berufstätig. Besonders stark hat sich die Erwerbsbeteiligung von Frauen entwickelt: Während 2022 erst rund jede Zehnte arbeitete, liegt der Anteil inzwischen bei 48 Prozent. Auch bei Männern ist ein Zuwachs sichtbar, ihre Erwerbsquote beträgt 51 Prozent (2024: 47 Prozent). Im Jahr 2025 waren durchschnittlich rund 5.800 ukrainische Staatsangehörige arbeitslos gemeldet; die Arbeitslosenquote lag bei 19 Prozent und damit deutlich über jener der österreichischen Staatsangehörigen (7 Prozent).
Sprachlich sehen sich viele gut gerüstet: 30 Prozent stufen ihre Deutschkenntnisse als fortgeschritten ein, weitere 38 Prozent als grundlegend. Die Ergebnisse zeigen zudem einen klaren Zusammenhang zwischen besseren Deutschkenntnissen und höherer Zufriedenheit mit dem Leben in Österreich. Bei den Zukunftsaussichten hat sich die Stimmung ebenfalls gewandelt: Nur noch etwa 2 Prozent planen eine baldige Rückkehr in die Ukraine. Eine Mehrheit von über 60 Prozent rechnet langfristig nicht mit einer Rückkehr, während rund 30 Prozent noch unentschlossen sind. Ausschlaggebend für eine mögliche Heimkehr bleibt vor allem die Sicherheitslage im Herkunftsland.
Asylstatistik des Innenministeriums
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