Denkst Du noch, oder hasst Du schon?
Die aggressive Rhetorik von der US-Regierung fördert Angst, Unsicherheit und die Legitimation sicherheitspolitischer Ausnahmezustände.
Junge Menschen lehnen kriegerische Politik und aggressive Kommunikation zunehmend ab.
Die Demokratisierung der Öffentlichkeit durch soziale Medien führt zu emotionalisierender Sprache, Fragmentierung und einer neuen kommunikativen Unübersichtlichkeit.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth prahlte 5 Tage nach Kriegsbeginn mit Zerstörung.
Viele Menschen unter 30 lehnen Kriegspolitik ab und wenden sich von Trump ab.
Aggressionsrhetorik fördert Normalisierung sicherheitspolitischer Ausnahmezustände.
Die aggressive Rhetorik von der US-Regierung fördert Angst, Unsicherheit und die Legitimation sicherheitspolitischer Ausnahmezustände.
Junge Menschen lehnen kriegerische Politik und aggressive Kommunikation zunehmend ab.
Die Demokratisierung der Öffentlichkeit durch soziale Medien führt zu emotionalisierender Sprache, Fragmentierung und einer neuen kommunikativen Unübersichtlichkeit.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth prahlte 5 Tage nach Kriegsbeginn mit Zerstörung.
Viele Menschen unter 30 lehnen Kriegspolitik ab und wenden sich von Trump ab.
Aggressionsrhetorik fördert Normalisierung sicherheitspolitischer Ausnahmezustände.
Schon fünf Tage nach Kriegsbeginn im Mittleren Osten prahlte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth über US-Medienkanäle mit „der schieren Zerstörung“, die die amerikanischen und israelischen Streitkräfte ihren „radikalislamistischen iranischen Gegnern“ zugefügt hätten. „Sie sind am Ende und sie wissen es“, sagte Hegseth. Wenig später setzte er noch eins drauf: „Und wir haben gerade erst angefangen, sie zu jagen. Wir schlagen auf sie ein, wenn sie am Boden liegen, und genau so sollte es auch sein.“
Kennst du schon?: Heiliger Krieg à la Pete Hegseth
Die sprachlichen Bilder erinnern an 4000 Jahre alte ägyptische Reliefs, in Stein gemeißelte, oft bemalte Bilder, in denen der überdimensional dargestellte Pharao mit einer riesigen Keule seine Gegner erschlägt - es hat sich seither wenig geändert. Im Zentrum von Präsident Donald Trumps Krieg gegen den Iran steht eine aggressive Kommunikationsstrategie des Weißen Hauses nach altem Vorbild. Zu dieser gehört auch eine Flut von Social-Media-Clips über die Militäroperationen, die die Schlagkraft der USA demonstrieren sollen.
Auswirkungen auf die Gen Z
Die Aggressionsrhetorik erzeugt Angst und Unsicherheit. „Politische Kommunikation, die stark auf Bedrohungsnarrative und Feindbilder setzt, verstärkt die Wahrnehmung eines permanenten Konflikts. Dadurch wird die politische Identität stärker entlang von Loyalität und Gegnerschaft organisiert“, sagt Astrid Seville, Politikwissenschafterin an der Leuphana Universität in Lüneburg, im Gespräch mit der WZ am Rande des diesjährigen Balls der Wissenschaften in Wien: „Solche Rhetorik fördert eine Normalisierung sicherheitspolitischer Ausnahmezustände. Wenn Konflikt und militärische Stärke als zentrale politische Kategorien erscheinen, können Maßnahmen wie erhöhte Militärausgaben, außenpolitische Konfrontation oder Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten leichter legitimiert werden.“
Zahlreiche Menschen unter 30 kehren dieser Form der Politik den Rücken zu. In der Washington Post räumen junge Trump-Wähler:innen ein, ihre Entscheidung an der Wahlurne bereits zu bereuen. „Die Generation Z will wirklich keinen Krieg. Junge Wähler wenden sich von Trump ab. Drohungen gegen den Iran, Venezuela und Grönland sind dabei nicht gerade hilfreich“, berichtet dazu auch der US-Kanal Vox unter dem Titel ,,Gen Z really doesn’t want to gopt to war”. Und in einer Umfrage der Tageszeitung Independent geben auch britische Vertreter:innen der Gen Z an, auf keinen Fall für den Bündnispartner USA in einen Krieg ziehen zu wollen, dessen moralische Grundlage nicht zu erkennen sei und der nichts mit ihnen zu tun habe.
Aggression macht aggressiver
Die wissenschaftliche Studienlage belegt, dass Aggression mehr Aggression hervorruft. „Es wird davon ausgegangen, dass Defizite wie gewalttätiges Verhalten durch soziale Lernprozesse erworben werden. Dafür sprechen viele empirische Daten“, betonte schon der deutsche Psychologe Peter Wellhöfer (1941-2012) in seinem Fachlehrbuch „Gruppendynamik und soziales Lernen“. Da bekanntermaßen Lernen im Wesentlichen auf Nachahmung beruht, kann das permanente Vorleben von öffentlichen Personen in diese Richtung das Verhalten von Jugendlichen stärker in Richtung Aggression prägen, die sich noch dazu selbst verstärkt: Hasskommentare werden stärker wahrgenommen als Likes.
Man nimmt sich kein Blatt mehr vor den Mund.
Parallel dazu geht in Teilen der öffentlichen Kommunikation der Anstand verloren. „Man nimmt sich kein Blatt mehr vor den Mund. Trump erzählt keine Geschichten mehr von den USA, die für die Freiheit unterdrückter Völker kämpfen und deswegen Kriege führen. Sondern er kommt direkt zum Punkt: Er habe die größte Armee der Welt und könne damit machen, was er wolle“, sagt der Philosoph Tim Crane von der Central European University in Wien zur WZ.
Was können wir selbst für uns tun, um uns vor den Auswirkungen von Hasstiraden, gewaltsam-aggressiver Rhetorik, Lügen und einem Mangel an Anstand zu schützen? Wie können wir die Fakten auslesen, uns orientieren und mit verbaler Aggression so umgehen, dass sie uns emotional möglichst wenig betrifft?
Einen magischen Umgang, der gegen alles wirkt, den gibt es nicht. Doch grundsätzlich hilft Bewusstmachung.
Was wiederholt wird, wird behalten
Öffentliche Diskussionen emotionalisieren und polarisieren, was zu einer feindseligen Atmosphäre führt. „Einerseits radikalisiert sich sehr viel in der Sprache. Andererseits werden wir auch von Bildern und unterschiedlich geäußerten Positionen überflutet“, sagt der Psychiater Christoph Pieh von der Universität für Weiterbildung in Krems zur WZ. Was machen wir im Kopf damit? Alles, was wir wahrnehmen, kommt zunächst ins Kurzzeitgedächtnis. Infos, die uns dann tatsächlich wichtig sind, speichern wir im Schlaf im Langzeit-Gedächtnis ab. Durch den modernen Medienkonsum bekommt das Gehirn mehr Input, als es verarbeiten kann.
Was löschen wir also, und was bleibt? Insbesondere emotionalisierende Inhalte haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, im Kopf zu bleiben. „Auch die Wiederholung erhöht – wie bei Lateinvokabeln – die Wahrscheinlichkeit einer Merkleistung“, sagt Pieh.
Somit kommen wir wohl nicht umhin, unseren Medienkonsum zu reflektieren, um möglichst selektiv speichern zu können. „Man muss schon darüber nachdenken, was Doomscrolling mit einem macht. Wenn wir abends vor dem Schlafengehen uns nochmal die ganze katastrophale Weltlage vor Augen führen, dann fühlen wir uns hilflos bis in den Schlaf“, sagt Astrid Seville.
Doch nicht nur die ganze katastrophale Weltlage kann belastend sein, sondern auch die Kommentare tausender Menschen, die wir noch nie in echt gesehen haben, können uns zusetzen.
Alle können politisch mitreden …
Der am 14. März 97-jährig verstorbene Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas, der zu den wichtigsten Denkern der Gegenwart zählte, befasst sich in einer Neuauflage seines Buches „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ mit der Frage, was soziale Medien mit unserem Verständnis, unserem Umgang und unserer Vorstellung von Öffentlichkeit machen. Habermas postuliert, dass es nach der Erfindung des Buchdrucks im Jahr 1450 durch Johannes Gutenbergs Druckerpresse ziemlich lange gedauert habe, bis die Leute zu lesen gelernt hätten. Heute gebe es das Phänomen, dass alle erst zu schreiben lernen müssen, denn wir alle haben heute die Möglichkeit, politische Botschaften zu formulieren.
Es herrscht eine neue kommunikative Unübersichtlichkeit.
„Ich kann mich am Abend hinsetzen und einen Blog schreiben, meine eigene Website kreieren, TikTok-Videos aufnehmen und ins Netz stellen oder Postings auf Instagram machen und mich auf all diesen Kanälen politisch äußern“, erklärt die Polit-Theoretikerin Astrid Seville. „Es gibt Posts oder Blogs darüber, wie die Leute Verzicht auf Plastik sehen, oder warum ihre Form der polyamorösen Beziehungsarbeit ein politisches Statement ist. Alle können sich permanent artikulieren, aber kaum jemand hat so etwas wie ein Seminar zu ,Politische Kommunikation Bottom Up‘ besucht.“
Nicht nur Politiker:innen, sondern jeder Mensch kann heute zum politischen Sender oder zur politischen Senderin werden, ohne auf diese Rolle vorbereitet zu sein. Seville bezeichnet diese Situation als „neue kommunikative Unübersichtlichkeit“. Auch Schauspieler:innen, Publizist:innen, Journalist:innen und alle möglichen öffentlich agierenden Personen nehmen zu Bereichen, in denen sie keine Expert:innen sind, Stellung. Die Entwicklung führt so weit, dass politische Statements sogar gefordert werden: So sah sich die US-Influencerin Elyse Myers, die mehr als sieben Millionen Follower auf TikTok hat, gezwungen, sich vorübergehend aus der App auszuklinken, da sie dem Begehren, sich zum Israel-Palästina-Konflikt zu äußern, nicht nachkommen wollte – was ihre Follower mit Bullying and Harassment quittierten. Etwas Ähnliches passierte dem US-Schauspieler Channing Tatum bei einer Pressekonferenz des Filmfestivals Berlinale, bei der er die Missgunst des Publikums erntete, weil auch er zu Israel-Palästina keine Stellung beziehen wollte.
… und viele reden ,,Quatsch”
Freilich kann auch von einem Demokratisierungseffekt gesprochen werden. Denn während es bis in die 1990er-Jahre viele Stimmen, Positionen und Perspektiven gab, die schlicht nicht vorkamen – zumal nur wenige Menschen für öffentliche Medien schrieben – können jetzt alle mitreden. „Zugleich aber stellen wir fest, dass die Leute auch viel Quatsch erzählen, weil sie den Umgang mit Öffentlichkeit nicht beherrschen“, sagt Seville.
Ein Ergebnis davon sei unter anderem jede Menge emotionalisierende Sprache, „sei es durch Aggressivität oder durch das Zeigen von Betroffenheit darüber“, sagt sie: „Wir sind gefangen im Gefühl und damit leichter für Manipulation erreichbar.“
„Orientiert euch an Qualitätsmedien“, wäre früher die bürgerlich-konservative Antwort gewesen, „schaut ORF statt Insta-Reels“. Gute Idee – sie interessiert nur nicht mehr alle. „Wir konsumieren nicht alle die gleichen Medien und verstehen nicht das Gleiche. Sondern es gibt eine Pluralisierung von Öffentlichkeit und damit fragmentierte, zerstückelte Öffentlichkeiten. Die eine Öffentlichkeit gibt es nicht mehr“, sagt Astrid Seville. Wir alle sind nicht bloß Leser:innen und Empfänger:innen, sondern auch Sender:innen und Autor:innen.
Im Trubel tausender Stimmen können schon Ohnmachtsgefühle aufkommen. Wie lässt sich die Unübersichtlichkeit ordnen?
Psychologische Studien zeigen, dass die Erfahrung von Selbstwirksamkeit besonders wichtig ist. Zu merken, dass wir nicht immer ausgeliefert und ohnmächtig sind, sondern unser Lebensumfeld selbst gestalten können, ist dabei eine hilfreiche, wichtige Erfahrung: Durch die Wahl unserer Freund:innen, durch das Leben unserer sozialen und moralischen Werte und durch ein bewusstes Abwenden von Hass und Spaltung. „Wir müssen Möglichkeiten finden, uns solche Inseln der Selbstwirksamkeit zu schaffen“, betont Seville. Selbst wenn wir mitunter meinen, das rhetorische Säbelrasseln und die politischen Machtdemonstrationen nicht mehr auszuhalten.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Gesprächspartner:innen
Astrid Seville, Professorin für Politikwissenschaft und politische Theorie und Leiterin des Zentrums für Demokratieforschung der Leuphana Universität Lüneburg. Astrid Seville durchforstet Reden, Social-Media-Posts, Podcasts, Videos und Reels, Wahl- und Grundsatzprogramme von Parteien sowie Pressemitteilungen und analysiert die darin enthaltene politische Kommunikation aller politischen Lager. Im Jänner besuchte sie Wien, um die Ballvorlesung im Vorfeld des 11. Balls der Wissenschaften an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu halten.
Christoph Pieh, Professor für Psychosomatische Medizin und Gesundheitsforschung am Department für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität für Weiterbildung Krems mit Forschungsprojekten zu Selbsthilfeprogrammen bei psychischen Problemen für Jugendliche oder den Auswirkungen von langen Bildschirmzeiten auf die Psyche.
Tim Crane, Pro-Rector und Professor für Philosophie an der Central European University in Wien und Wissenschaftlicher Direktor des Exzellenzclusters „Knowledge in Crisis“ des Wissenschaftsfonds FWF.
Nie zuvor hätten Politiker:innen ihre Rhetorik so stark auf persönlicher Überzeugung und subjektiver Interpretation aufgebaut wie heute – und noch nie so wenig auf Fakten: Das berichtet ein Forschungsteam des deutschen Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. Die Wissenschaftler:innen haben die politische Rhetorik in insgesamt acht Millionen Politiker:innen-Reden aus den Jahren 1879 bis 2022 untersucht. Für sie kristallisiert sich ein Abfall von evidenzbasierten Aussagen seit den 1970er-Jahren heraus, wobei in der Gegenwart ein historischer Tiefstand erreicht sei, der auch mit weniger neuen Gesetzen, politischer Polarisierung aller Lager und wachsender ökonomischer Ungleichheit einhergehe.
Wider die Verrohung: Über die gezielte Zerstörung öffentlicher Debatten, von Ingrid Brodnig, Brandstätter Verlag, 2024
Gruppendynamik und soziales Lernen, von Peter R. Wellhöfer, Lucius und Lucius, Stuttgart, Neuauflage, 2018
BMFWF: „Mehr Wissen allein garantiert keine demokratische Stabilität“
BMI: Tipps gegen hate Speech
Vox.com: “Gen Z really doesn’t want to go to war”
Blast: Why Viral Content Creator Elyse Myers Took Down Her TikTok Videos
Social-Media-Verbot: Mögliches Gesetz, viele Meinungen
Mindestalter auf Social Media: Not bad, oder?
Alte Kinderfotos gegen Doomscrolling: Was steckt dahinter?
Junge Menschen wollen Fakten statt Verschwörung
Wisst ihr noch oder verblödet ihr schon?
Das Thema in anderen Medien
Salzburger Nachrichten: Ingrid Brodnig: Schutz vor Hass im Netz - Expertin gibt Tipps und Tricks
SWR: Fake News, Hass, Antisemitismus - was macht das mit unserer Gesellschaft?
The Atlantic: Trump’s Folly
The Independent: ‘Iran is someone else’s war’: Readers on why Gen Z are reluctant to fight
Die Zeit: Die Offenbarung des Pete
Quarks: Hatespeech – wie werden wir das wieder los?
