Alkohol bleibt gefragt - nur Wein wird weniger getrunken
22. Januar 2026 | The Economist
Ein Grund dafür: Immer mehr Menschen leben allein, gemeinsame Mahlzeiten nehmen ab – und der gesellschaftliche Zerfall lässt dieses Kulturgut sterben
VON THE ECONOMIST
Der Dichter T.S. Eliot irrte sich. Nicht der April ist der grausamste Monat, sondern der Januar. In nördlichen Breiten ist der erste Tag des neuen Jahres von einem starken Anstieg der Selbstmorde überschattet (obwohl diese im Laufe des Monats wieder abklingen). Die langen, dunklen Tage können die Stimmung trüben, insbesondere bei Menschen, die anfällig für saisonale affektive Störungen (Seasonal Affective Disorder, SAD), eine Form der Depression, sind. Ältere Menschen berichten zudem häufig von Einsamkeit in den Wintermonaten. Zu diesem allgemeinen Elend tragen auch die Aufrufe von Gutmenschen bei, auf ein wärmendes Glas Rotwein zu verzichten und stattdessen einen „dry January“ einzuhalten, indem man auf jeglichen Alkohol verzichtet.
Doch nicht nur Gesundheitsbewusste werden im Januar auf Bordeaux verzichten oder den Rest des Jahres Sauvignon Blanc nur ungern trinken. In den meisten Industrieländern wird insgesamt weniger Alkohol konsumiert. Der Alkoholkonsum ist in den meisten OECD-Ländern, einem Zusammenschluss überwiegend reicher Staaten, in den zehn Jahren bis 2023 gesunken. Besonders hart getroffen wurde jedoch der Weinkonsum. Die Gründe dafür offenbaren viel über den gesellschaftlichen Wandel.
Auf dem Weingut Alyan, einem kleinen, familiengeführten Betrieb in Chile, schlendern Touristen an einem Swimmingpool in Form einer Weinflasche vorbei und betreten dann riesige Eichenfässer, die zu einer Bar umgebaut wurden. Nach dem dritten Glas, so der Besitzer Andrés Pérez, öffnen sich Fremde aus aller Welt. Nach dem sechsten sprechen sie alle dieselbe Sprache. Weinproben sind hier eher ein sorgfältig inszeniertes gesellschaftliches Ereignis als eine Lektion in Tanninen. (Dass gut betuchte Besucher sicherlich auch eher dazu neigen, ein paar Kisten Wein zu bestellen, bleibt unerwähnt.)
Während die Besucher den ersten Schluck des 2023er Chardonnays des Weinguts genießen, greift Pérez zum Mikrofon. Er wechselt zwischen Portugiesisch und Spanisch und unterbricht die Höflichkeiten mit einer Warnung: „Die Weinindustrie“, ruft er, „steckt in der Krise.“ Und er hat Recht. Im Jahr 2024 ist die weltweite Weinproduktion aufgrund von Starkregen, Frost und Dürre auf den niedrigsten Stand seit 1961 gefallen.
Doch die Probleme, die durch unbeständige Elemente verursacht werden, sind so alt wie der Weinbau selbst, und die Welt leidet noch lange nicht unter einem Weinmangel. Im Dezember erzielte die Europäische Union, der weltweit größte Produzent, Konsument und Exporteur von Wein, eine vorläufige Einigung, EU-Mittel für die Rodung von Rebstöcken einzusetzen, um den........
