Debatte über den Iran-Krieg: Geschäftsmodell oder Kettenreaktion?
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Debatte über den Iran-Krieg: Geschäftsmodell oder Kettenreaktion?
14. März 2026 | Jörg Nackmayr | Burghard Jepsen
Zwei Geopolitik-Experten, die oft gemeinsam Artikel schreiben, sind uneins über entscheidende Aspekte des Waffengangs Israels und der USA gegen das Mullah-Regime. Ein Protokoll
VON BURGHARD JEPSEN UND JÖRG-DIETRICH NACKMAYR
Heute saßen wir zusammen und diskutierten über den Krieg zwischen den USA, Israel und Iran. Eigentlich begann das Gespräch wie so viele unserer Diskussionen: mit einer einfachen Frage.
Was ist dieser Krieg eigentlich wirklich?
Ist er vor allem ein strategischer Konflikt, der aus sicherheitspolitischen Gründen geführt wird? Oder steckt dahinter möglicherweise auch eine wirtschaftliche Dynamik, in der geopolitische Gegensätze bestimmte Interessen bedienen?
Schon nach wenigen Minuten war klar: Wir blickten aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven auf dieselbe Auseinandersetzung.
Die Ausgangssituation
Burghard Jepsen: Ich begann mit einer These, die in den vergangenen Wochen viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Ich erklärte Jörg, dass meine Analyse sich auf eine Untersuchung der Plattform Democracy Defender stützt.
Dort wird argumentiert, dass bestimmte politische Netzwerke und wirtschaftliche Akteure über Jahre hinweg auf eine Eskalation mit Iran hingearbeitet haben könnten – weil ein solcher Konflikt enorme wirtschaftliche Gewinne erzeugen kann.
Steigende Energiepreise, neue Rüstungsaufträge, geopolitische Spannungen – all das kann für einzelne Akteure wirtschaftlich äußerst lukrativ sein.
Diese These erinnerte mich sofort an eine frühere Debatte. Auch nach dem Irakkrieg Anfang der 2000er-Jahre wurde später diskutiert, ob geopolitische Strategien und wirtschaftliche Interessen enger miteinander verknüpft gewesen sein könnten, als damals öffentlich dargestellt wurde.
Jörg Nackmayr: Ich hörte mir das ruhig an – und widersprach. Aus meiner Sicht begann der Iran-Konflikt nicht mit wirtschaftlichen Interessen, sondern mit einer ganz anderen Realität: der strategischen Lage im Nahen Osten.
Drei strategische Folgen dieses Krieges
Der Iran-Krieg beeinflusst bereits jetzt drei strategische Räume gleichzeitig: den Nahen Osten, Europa und den Indopazifik.
Der Konflikt ist daher nicht nur eine regionale Auseinandersetzung. Wenn die Straße von Hormus gestört wird – eine der wichtigsten Energieadern der Weltwirtschaft – betrifft das rund ein Fünftel des globalen Öl- und Gasverkehrs. Die Folgen eines solchen Konflikts würden deshalb zwangsläufig weit über die Region hinausreichen.
Der Blick zurück: Mossadegh und das Öl
Burghard Jepsen: Ich stimme zu, dass diese geopolitische Dimension existiert. Aber ich frage zurück, ob man deshalb automatisch ausschließen könne, dass wirtschaftliche Interessen ebenfalls eine Rolle spielen.
Um das zu erklären, ein Rückgriff in die Geschichte: Der Konflikt zwischen Iran und dem Westen begann nicht erst mit der heutigen iranischen Führung. 1953 wurde der demokratisch gewählte iranische Premierminister Mohammad Mossadegh gestürzt, nachdem er die iranische Ölindustrie verstaatlicht hatte. Die Kontrolle über das Öl sollte damals aus westlichen Händen gelöst werden. Kurz darauf folgte ein Putsch, der mit Unterstützung der Central Intelligence Agency organisiert wurde und den Schah wieder an die Macht brachte. Für viele Iraner begann genau dort das tiefe Misstrauen gegenüber westlicher Politik.
Jörg Nackmayr: Kein Widerspruch meinerseits zu diesem historischen Punkt. Aber dieser Hintergrund erklärt nicht automatisch, warum der Konflikt heute existiert.
Aus meiner Perspektive steht heute vor allem eine sicherheitspolitische Frage im Mittelpunkt. Iran unterstützt mehrere antiisraelische, militärische Akteure in der Region und hat sein Raketen- und Nuklearprogramm massiv ausgebaut. Israel sieht Iran als existenzielle Bedrohung. Der Iran sieht Israel als Vorposten der USA und als illegitime Ordnungsmacht im Nahen Osten. Rhetorisches Ziel des Iran ist die Auslöschung Israels. Für Israel ist das nicht nur ein politisches Problem, sondern eine reale Sicherheitsbedrohung.
Wenn Iran eines Tages tatsächlich über Atomwaffen verfügen würde, würde sich das strategische Gleichgewicht im Nahen Osten fundamental verändern.
Burghard Jepsen: Hier widerspreche ich erneut. Seit den frühen 1990er-Jahren wird immer wieder behauptet, Iran stehe kurz davor, eine Atombombe zu bauen. Mehrfach wurde prognostiziert, Iran sei nur noch Monate davon entfernt. Doch gleichzeitig hat die Internationale Atomenergiebehörde wiederholt erklärt, dass sie keinen Beweis für den Bau einer Atombombe gefunden hat. Das bedeutet nicht, dass Iran kein Atomprogramm betreibt. Aber es bedeutet, dass eine militärische Bombe bis heute nicht nachgewiesen wurde.
Jörg Nackmayr: Israel sich von mehreren militärischen Akteuren umgeben, die seine Existenz infrage stellen. Aus israelischer Sicht ist militärischer Druck auf Iran daher Teil einer präventiven Sicherheitsstrategie.
Burghard Jepsen: Diese Perspektive wird im Nahen Osten nicht überall geteilt. Die Konflikte im Gazastreifen und im Libanon haben ein Bild Israels geprägt, das von vielen Menschen in der Region als expansiv wahrgenommen wird. Für viele Gesellschaften im Nahen Osten ist der Konflikt daher kein einseitiges Bedrohungsszenario.
Sanktionen und ihre Folgen
Unser Gespräch führte uns dann zu einem weiteren Punkt: den Sanktionen gegen Iran.
Burghard Jepsen: Diese Sanktionen haben über Jahrzehnte hinweg vor allem die Bevölkerung getroffen. Steigende Preise, eingeschränkter Zugang zu internationalen Märkten und wirtschaftliche Isolation belasteten insbesondere das Alltagsleben der Menschen.
Jörg Nackmayr: Sanktionen sind ein wichtiges Instrument internationaler Politik. Sie sollen Staaten beeinflussen, ohne sofort militärische Gewalt einzusetzen.
Dann kamen wir zu einem Punkt, über den wir beide einig waren. Kriege verändern Märkte. Energiepreise reagieren sofort auf geopolitische Spannungen. Finanzmärkte beginnen zu spekulieren. Investoren positionieren sich. Neben Energieunternehmen profitieren häufig auch Kapitalmärkte – etwa durch Rohstoffspekulationen, Öl-Futures oder steigende Rüstungsaktien.
Ein besonders intensiver Teil unseres Gesprächs drehte sich um Europa. Vor dem Ukrainekrieg bezog Europa große Teile seiner Energie aus Russland. Pipeline-Systeme wie Nord Stream 1 und Nord Stream 2 hätten zusammen rund 110 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr transportieren können. Das entspricht ungefähr der Energieproduktion von rund 70 großen Kernkraftwerken. Mit den Sanktionen gegen Russland verlor Europa einen der größten Energiezuflüsse des Kontinents.
Ziel der Sanktionen war es, Russland wirtschaftlich zu schwächen. Doch Moskau lenkte seine Energieexporte zunehmend nach Asien, vor allem nach China – geopolitisch eigentlich nicht im europäischen Interesse. Europa nimmt diesen Preis bewusst in Kauf. Denn aus seiner Sicht entscheidet sich in der Ukraine auch die politische Zukunft des Kontinents: Ein russischer Sieg wäre der Auftakt zur Wiederherstellung eines Einflussraums, der an die Ausdehnung der Sowjetunion am Ende des Kalten Krieges erinnert.
Jörg Nackmayr: Russland könnte von steigenden Energiepreisen sogar profitieren. Zugleich könnte der Iran-Krieg internationale Aufmerksamkeit vom Ukrainekrieg abziehen. Für China wiederum ist die Straße von Hormus ein kritischer Engpass, da ein erheblicher Teil seiner Energieimporte – ebenso wie wichtige Düngemittel für die Landwirtschaft – aus dem Nahen Osten stammt. Umgekehrt erweitert eine durch Waffen- und Munitionsknappheit geschwächte militärische Handlungsfähigkeit der USA Chinas Spielraum, die Taiwanfrage auch militärisch zu seinen Gunsten zu entscheiden.
Am Ende unseres Gesprächs waren wir uns in einem Punkt einig. Der Iran-Krieg lässt sich nicht mit einer einzigen Erklärung verstehen. Jörg Nackmayr sieht darin vor allem einen strategischen geopolitischen Konflikt mit globalen militärischen Folgen.
Burghard Jepsen sieht zusätzlich die Möglichkeit, dass wirtschaftliche Interessen geopolitische Entscheidungen beeinflussen können. Beide Perspektiven schließen sich nicht zwingend aus. Strategische Konflikte können wirtschaftliche Folgen haben – und wirtschaftliche Interessen können politische Entscheidungen beeinflussen.
Vielleicht entsteht die Realität genau dort, wo diese verschiedenen Dynamiken zusammenlaufen. Und genau deshalb lohnt es sich, beide Perspektiven nebeneinander zu betrachten.
