Zwei Leben, ein Geheimnis
Link in die Zwischenablage kopieren
Zwei Leben, ein Geheimnis
12. Juni 2026 | Helmut Ortner | Lesezeit: 6 Min.
Das Buch von Angelina Pils erzählt von Schuld, Schweigen und einer Karriere, die ohne kollektives Wegsehen im Nachkriegsdeutschland kaum möglich gewesen wäre.
Ein neues Buch zeigt die Metamorphose des SS-Hauptsturmführers Hans Ernst Schneider, der als Hans Schwerte zum Uni-Rektor und Vorzeigedemokraten konvertierte. Es schildert, wie Karrieren belasteter Nationalsozialisten in der Bundesrepublik verlaufen konnten.
Spätestens Mitte 1945 beginnen die Funktions-Eliten des Naziregimes, ihre Fühler auszustrecken. Niemand will mehr Täter sein. Ein Volk müht sich, das zu vergessen, was es verschweigt: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei. Geschichts-Verleugnung und Geschichts-Umdeutung haben Hochkonjunktur. Hitler allein soll es gewesen sein, verantwortlich für das Verderben der Deutschen und ihre Verbrechen. Wenn nicht allein, dann allenfalls eine kleine verbrecherische Nazi-Elite und ihre fanatischen Getreuen. Zur Bereinigung des kollektiven Scham- und Schuldenkontos, dient ein Bild: »der Führer« in der Rolle als solitärer Verführer, Verursacher und Verbrecher. Ein Volk auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit – unter der Sündenbock-Schirmherrschaft Hitlers.
Und so gelingt in Westdeutschland einer großen Zahl der früheren NS-Eliten der erfolgreiche Übergang in das neue System. Justiz, Polizei, Geheimdienst, Armee, Ministerien, Schule, Universität, Kultur und Medien sind in der Bundesrepublik sind von alten Nazis durchsetzt. Sie kehren auf ihre alten Plätze zurück, setzen ihre Karrieren fort, gliedern sich nahtlos in die deutsche Nachkriegs-Welt ein. Bundeskanzler Adenauer ermöglicht nach einigen Jahren der Strafverfolgung und Entnazifizierung durch die Alliierten erste Amnestien: Gefälschte Identitäten können unter Zusicherung von Straffreiheit abgelegt werden. Bis zum ersten Stichtag im Frühling 1950 wollen nur 241 Personen reinen Tisch machen.
Das Verschwinden der Vergangenheit
Der ehemalige SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider gehört nicht dazu. Er nennt sich jetzt Hans Schwerte. Der Namenswechsel ist seine Überlebensstrategie. Falsche Papiere als Gefreiter der Wehrmacht samt einer Bescheinigung über eine angebliche britische Kriegsgefangenschaft helfen dabei. Eine unter seinem Oberarm tätowierte SS-Nummer diagnostiziert ein nationalgesinnter Arzt als «Schusswunde». Seine Frau hilft ihm bei seinem eigenen Verschwinden und lässt ihn von einem Notar für tot erklären, um sie später – jetzt als eine verwitwete Frau - ein zweites Mal zu heiraten. In einer Zeit, in der viele amtliche Dokumente »durch Kriegswirren« verlorengegangen sind, beschafft er sich notwendige Ersatzbescheinigungen, beginnt bald ein Germanistikstudium, wird danach Assistent an der Universität Erlangen, erlangt seinen Doktortitel- und macht eine akademische Karriere.........
