Der doppelte Missbrauch
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Der doppelte Missbrauch
15. März 2026 | Helmut Ortner
Eine Studie deckt jahrzehntelange sexuelle Verbrechen im Erzbistum Paderborn auf. Kirchenobere haben den Missbrauch gezielt vertuscht und die Täter geschützt. Und der Rechtsstaat schweigt
Ein Blick in den Abgrund: Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Paderborn ist nach einer unabhängigen Studie deutlich höher als bislang bekannt. Für die Jahre 1941 bis 2002 gibt es demnach Hinweise auf 210 Beschuldigte und 489 Betroffene – fast doppelt so viele wie bisher angenommen. Ein Wissenschaftlerteam der Universität Paderborn war seit 2020 mit der historischen Studie befasst. Für die unabhängige Untersuchung wurden den Angaben zufolge personenbezogene Akten von beschuldigten Priestern, das Erzbischöfliche Geheimarchiv, private Nachlässe, Gerichts- und Strafakten, Protokolle sowie Briefwechsel untersucht. Zudem wurden rund 80 Interviews mit Zeitzeugen und Betroffenen geführt.
Bisher hatte die Deutsche Bischofskonferenz für die Jahre 1946 bis 2014 lediglich 111 Priester im Erzbistum Paderborn identifiziert, die 197 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben sollen. „Diese Zahlen sind stark zu korrigieren”, sagt die Mitautorin und Historikerin Prof. Nicole Priesching. Es müsse von einem Dunkelfeld ausgegangen werden, „über dessen Ausmaß man nur spekulieren kann”. Die Studie spricht von »Vertuschungsspiralen« in der katholischen Kirche. Und: die Aufarbeitung stehe erst am Anfang.
Was die Untersuchung zeigt: Beschuldigte Kleriker, Bistumsmitglieder und Erzbischöfe haben demnach Einfluss auf Betroffene und ihre Angehörigen genommen, damit diese auf Anzeigen verzichteten. Unter anderem seien Pfarrer davon ausgegangen, dass „stillschweigend von ihnen erwartet wurde, ebenfalls Druck auf Betroffene auszuüben”, heißt es in der Studie. Die Erwartungshaltung habe sich häufig mit dem sozialen Umfeld in der Gemeinde gedeckt. „Diese Vertuschungsspirale sorgte wiederum dafür, dass Betroffene den beschuldigten Priestern weiterhin ausgeliefert blieben“, resümierte Priesching. Die Namen der Täter wurden in der Studie anonymisiert.
Der Kardinal als Mitwisser, Vertuscher oder Mit-Täter?
Missbrauchsbetroffene reagierten mit Bestürzung. Reinhold Harnisch, Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, spricht von einem „doppelten Missbrauch” – einmal durch die Täter, ein zweites Mal durch das Versagen und Vertuschen der Institutionen. „Dieser doppelte Missbrauch, der dauert an.”
Gegenstand der aktuellen Studie sind die Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1941–1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974–2002). Nach Angaben der Universität sind allein aus der Amtszeit Jaegers Namen von 144 Beschuldigten und 316 Betroffenen bekannt. In die Amtszeit Degenhardts fallen demnach 98........
