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Angriff oder Präventivschlag?

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01.03.2026

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Angriff oder Präventivschlag?

01. März 2026 | Burghard Jepsen

Zur Eskalation gegen Iran, zur Rolle Israels, zur Macht der Worte – und zu den strategischen Hintergründen. Ein Meinungsbeitrag

Wer den Artikel „Am Rand des Krieges: Warum der US-Aufmarsch gegen Iran mehr ist als reine Abschreckung“ gelesen hat, den ich zusammen mit Jörg Nackmayr an dieser Stelle veröffentlicht habe, weiß: Der damalige amerikanische Militäraufmarsch im Nahen Osten war kein gewöhnliches Manöver, keine symbolische Truppenverlegung.

Es handelte sich um den größten militärischen Aufbau der Vereinigten Staaten in der Region seit dem Irak-Krieg 2003 – ausgestattet mit einsatzfähigen Kampfflugzeugen, strategischen Bombern, Aufklärungsflugzeugen, AWACS-Systemen und Flugzeugträgerverbänden, die nicht nur Abschreckung signalisieren, sondern operativ für ernsthafte Kriegshandlungen geeignet sind.

Bereits damals haben wir darauf hingewiesen, dass die Struktur dieses Aufmarsches nicht dem Muster einer reinen Machtdemonstration entsprach. Für Beobachter mit militärstrategischem Hintergrund war erkennbar, dass hier Systeme verlegt wurden, die nicht nur symbolisch Präsenz zeigen, sondern konkrete Angriffsfähigkeiten bereitstellen.

Wir haben die Wahrscheinlichkeit eines tatsächlichen militärischen Eingreifens daher höher eingeschätzt als die eines bloßen politischen Signals zur Verbesserung von Verhandlungspositionen. Die aktuellen Angriffe stehen somit nicht isoliert im Raum – sie sind die logische Fortsetzung eines Aufmarsches, der von Beginn an mehr nach Vorbereitung als nach Diplomatie aussah.

Die Eskalation war keine Überraschung

Bereits im Juni 2025 führte Israel einen militärischen Angriff gegen iranische Ziele durch. Schon damals stellte sich die Frage, ob dieser Schritt notwendig war oder ob er eine bewusste Eskalation darstellte.bAuch damals wurde argumentiert, es handle sich um eine sicherheitspolitisch zwingende Maßnahme. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt war umstritten, ob eine unmittelbar bevorstehende, nicht anders abwendbare Bedrohung vorlag. Diese Debatte wurde nie abschließend geklärt – stattdessen folgte nun die nächste militärische Eskalationsstufe.

Die aktuellen Angriffe vom 28. Februar 2026 stehen somit in einer Linie mit vorherigen militärischen Aktionen.

Die Macht der Begriffe

Gerade in öffentlichen Sendern und in vielen deutschen Zeitungen sowie in der breiten Medienlandschaft wird nahezu einheitlich von einem „Präventivschlag“ gesprochen. Diese Vokabel wird wiederholt verwendet und prägt die öffentliche Wahrnehmung. Doch Sprache ist nicht neutral. Ein „Präventivschlag“ suggeriert:

eine unmittelbar bevorstehende Gefahr

defensive Notwendigkeit

moralische Rechtfertigung

Ein „Angriff“ hingegen beschreibt:

die aktive Anwendung militärischer Gewalt

eine bewusste Eskalationsentscheidung

strategische Interessenpolitik

Die wiederholte Verwendung des Begriffs „Präventivschlag“ verschiebt die Bewertung bereits vor jeder tieferen Analyse. Statt nüchtern von einem Angriff der USA und Israels auf den Iran zu sprechen, wird implizit eine Legitimation mitgeliefert.

Trumps Begründung und ihre Tragfähigkeit

In einer Rede nach den Angriffen erklärte Präsident Donald Trump, man müsse „Amerika vor dem Iran schützen“. Diese Formulierung wurde in der anschließenden Berichterstattung vielfach aufgegriffen.Doch auch unter Berücksichtigung dieser politischen Argumentation stellen sich grundlegende Fragen:

Es gab keinen dokumentierten iranischen Angriff auf das US-Festland.

Es existieren keine öffentlich belegten Hinweise auf eine unmittelbar bevorstehende Großoffensive Irans gegen die Vereinigten Staaten.

Auch hinsichtlich Israels ist eine akute, zeitlich klar definierte Angriffsvorbereitung Irans nicht öffentlich belegt worden.

Zwar reagierte der Iran im vergangenen Jahr nach amerikanischem Eingreifen mit Angriffen auf US-Stützpunkte in der Region. Diese Angriffe wurden jedoch nach übereinstimmenden Berichten im Vorfeld signalisiert beziehungsweise so durchgeführt, dass keine amerikanischen Soldaten ums Leben kamen. Sie wirkten weniger wie der Versuch, maximale Verluste zu verursachen, sondern eher wie eine kontrollierte Vergeltungsmaßnahme innerhalb einer kalkulierten Eskalationslogik.

Die Behauptung, die Vereinigten Staaten selbst müssten unmittelbar vor einer iranischen Attacke geschützt werden, wirkt vor diesem Hintergrund strategisch überdehnt. Die USA verfügen über das stärkste Militär der Welt, globale Militärbasen, Flugzeugträgerverbände und Raketenabwehrsysteme. Eine direkte militärische Gefährdung des amerikanischen Territoriums durch Iran ist nicht ersichtlich.

Dauerwarnung seit den 1990er-Jahren

Seit den frühen 1990er-Jahren wird regelmäßig erklärt, der Iran stehe „kurz vor der Atombombe“. Diese Warnung wurde über Jahrzehnte hinweg erneuert. Zwar gab es immer wieder Streit um Transparenz, über Urananreicherung und über internationale Kontrollmechanismen. Doch eine nachweislich einsatzfähige iranische Nuklearwaffe wurde nicht belegt.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Noch im vergangenen Jahr wurde öffentlich erklärt, zentrale iranische Anlagen zur Urananreicherung seien massiv beschädigt oder zerstört worden. Wenn diese Aussagen zutrafen, stellt sich die Frage, worin nun die angeblich unmittelbare Bedrohung bestand, die einen erneuten militärischen Schlag erforderlich machte.

Was die IAEO tatsächlich festgestellt hat

In der gesamten Debatte um angeblich notwendige „Präventivschläge“ wird ein zentraler Punkt häufig verkürzt oder gar nicht erwähnt: die Einschätzung der zuständigen internationalen Überwachungsbehörde. Die für die Kontrolle nuklearer Programme zuständige Organisation ist die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit dem klaren Mandat, die Einhaltung des Nichtverbreitungsvertrags (NPT) zu überwachen.

In ihren offiziellen Berichten hat die IAEO wiederholt festgehalten:

Es gibt keinen verifizierten Nachweis, dass der Iran eine Atomwaffe besitzt.

Es wurde keine einsatzfähige Nuklearwaffe festgestellt.

Es existiert kein bestätigter Beleg für ein aktuell laufendes, erfolgreich abgeschlossenes militärisches Atomwaffenprogramm.

Die IAEO unterscheidet dabei klar zwischen der technischen Fähigkeit zur Urananreicherung und dem tatsächlichen Bau einer Nuklearwaffe. Diese Differenzierung ist entscheidend – denn Urananreicherung allein ist noch kein Beweis für eine militärische Bewaffnung.

Trotz politischer Spannungen, trotz Streit über Inspektionszugänge und trotz Verstößen gegen Transparenzauflagen ist eines festzuhalten: Die internationale Kontrollbehörde hat keinen Besitz iranischer Atomwaffen bestätigt.

Die Position der iranischen Führung

Hinzu kommt, dass die iranische Staatsführung selbst wiederholt erklärt hat, kein Atomwaffenprogramm zu verfolgen. Vertreter Teherans haben mehrfach betont, das iranische Nuklearprogramm diene ausschließlich zivilen Zwecken – insbesondere der Energiegewinnung.

Unabhängig davon, wie glaubwürdig man diese Aussagen politisch bewertet, gehört auch dieser Aspekt zur vollständigen Betrachtung der Lage: Die militärische Eskalation erfolgt gegen einen Staat, dem von der zuständigen internationalen Kontrollinstanz keine einsatzfähige Atomwaffe nachgewiesen wurde und dessen Führung offiziell erklärt, keine solche zu besitzen oder anzustreben.

Verzahnung zwischen den USA und Israel

Ein weiterer Punkt, der in der öffentlichen Debatte kaum beleuchtet wird, betrifft die enge militärtechnologische Kooperation zwischen den Vereinigten Staaten und Israel. Die USA unterhalten mit keinem anderen Staat eine vergleichbar intensive strategische und technologische Zusammenarbeit. Israel erhält nicht nur modernste amerikanische Waffensysteme, sondern besitzt bei bestimmten Plattformen Integrations- und Modifikationsrechte, die anderen Staaten nicht eingeräumt werden.

Bei sensiblen militärischen Systemen – einschließlich komplexer softwarebasierter Einsatz- und Steuerungssysteme – sind Anpassungsrechte und Systemintegration für Israel weitergehend als für viele andere Partnerstaaten. Diese Tiefe der Kooperation ist außergewöhnlich. Vor diesem Hintergrund erscheint es äußerst unwahrscheinlich, dass ein größerer israelischer Angriff im vergangenen Jahr ohne Wissen Washingtons erfolgt sein könnte.

Warum griffen die USA voriges Jahr ein?

Im vergangenen Jahr erfolgte zunächst ein israelischer Angriff. Die Vereinigten Staaten beteiligten sich nicht unmittelbar zu Beginn. Erst im weiteren Verlauf traten sie aktiv in Erscheinung.

Hier stellt sich eine zentrale geopolitische Frage: Warum entschieden sich die USA, sich an einer ursprünglich israelischen Operation zu beteiligen? Ein militärischer Faktor ist die Fähigkeit zur Bekämpfung tief verbunkerter Ziele. Die Vereinigten Staaten verfügen über spezialisierte bunkerbrechende Waffensysteme, die mehrere Stockwerke tief in unterirdische Anlagen eindringen können – Fähigkeiten, die in dieser Form nur sehr wenige Staaten besitzen. Sollten iranische Einrichtungen tief unterirdisch angelegt sein, wäre deren effektive Zerstörung ohne amerikanische Beteiligung erheblich erschwert.

Eskalationskontrolle als strategisches Motiv

In sicherheitspolitischen und nachrichtendienstnahen Analysekreisen wird seit längerem diskutiert, dass in Szenarien existenzieller Bedrohungswahrnehmung die Eskalationsschwelle erheblich sinken kann. Einige Beobachter vertreten die Auffassung, dass ein amerikanisches Eingreifen weniger aus unmittelbarer Selbstverteidigungsnotwendigkeit erfolgte, sondern um die Eskalationshöhe kontrollierbar zu halten und konventionelle Mittel einzusetzen, bevor andere Optionen in Betracht gezogen würden.

Diese Sichtweise ist eine analytische Einordnung – keine offiziell bestätigte Darstellung. Doch sie folgt einer strategischen Logik: Wer über die entscheidenden militärischen Fähigkeiten verfügt, bestimmt auch die Eskalationshöhe.

Israelische Interessen – amerikanische Machtprojektion

Israel betrachtet den Iran seit Jahrzehnten als seinen strategischen Hauptgegner im Nahen Osten. Teheran unterstützt antiisraelische Kräfte in der Region und stellt Israels sicherheitspolitische Position offen infrage. Aus israelischer Perspektive ergibt sich daraus eine klar formulierte Sicherheitsdoktrin.

Die Vereinigten Staaten wiederum sehen in Israel ihren wichtigsten strategischen Partner im Nahen Osten – faktisch einen geopolitischen Vorposten in einer sicherheitspolitisch und energiepolitisch zentralen Region.

Doch zwischen strategischer Allianz und unmittelbarer Selbstverteidigung besteht ein Unterschied. Die These, die USA selbst seien akut existenziell vom Iran bedroht gewesen, erscheint – bei nüchterner Analyse – nicht durch öffentlich überprüfbare Fakten gedeckt.

"Befreiung" durch Luftschläge?

Ein weiteres Argument, das in der Debatte immer wieder auftaucht, ist das der „Befreiung“ des iranischen Volkes. Es ist unbestritten, dass es im Iran seit Jahren massive innenpolitische Spannungen gibt. Teile der Bevölkerung wenden sich offen gegen das Mullah-Regime und gegen die Machtstrukturen der sogenannten Revolutionsgarden – offiziell die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), eine eigenständige militärische Macht innerhalb des Staates.

Gerade diese Revolutionsgarden sind nicht nur militärisches Instrument, sondern auch politischer und wirtschaftlicher Machtapparat. Für viele ihrer Funktionsträger steht im Falle eines Regimewechsels nicht nur politische Macht, sondern womöglich persönliche strafrechtliche Verfolgung auf dem Spiel. Ein solches Machtgefüge kämpft erfahrungsgemäß nicht halbherzig, sondern bis zur letzten Konsequenz.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die entscheidende strategische Frage: Kann ein Volk durch Luftschläge „befreit“ werden? Die militärische Erfahrung der letzten Jahrzehnte legt nahe, dass Luftangriffe zwar Infrastruktur zerstören, Kommandozentren schwächen und militärische Fähigkeiten einschränken können – sie ersetzen jedoch keinen politischen Umsturz. Ein Regimewechsel gegen eine ideologisch gefestigte und bewaffnete Machtstruktur ist ohne Bodentruppen historisch kaum gelungen.

Selbst wenn Teile der Bevölkerung einen Machtwechsel wünschen, bedeutet das nicht automatisch, dass ein externer militärischer Eingriff diesen Prozess erfolgreich steuern kann. Ohne physische Kontrolle des Territoriums bleibt jede Intervention aus der Luft strategisch begrenzt.

Wer heute über „Befreiung“ und „Schutz vor dem Iran“ spricht, darf die historische Vorgeschichte nicht ausblenden. Seit Jahrzehnten unterliegt der Iran weitreichenden wirtschaftlichen Sanktionen, die maßgeblich von den Vereinigten Staaten initiiert und durchgesetzt wurden. Diese Sanktionen betreffen Energieexporte, Finanzsysteme, Technologiezugang und internationale Handelsbeziehungen. Sie haben nicht nur die politische Führung getroffen, sondern vor allem die iranische Bevölkerung.

Gleichzeitig ist die Geschichte der Region von Stellvertreterkonflikten geprägt. Während des Iran-Irak-Krieges in den 1980er-Jahren unterstützten westliche Staaten – darunter auch die USA – den Irak unter Saddam Hussein indirekt oder direkt in unterschiedlicher Form. Noch früher führte die Verstaatlichung iranischer Ölinteressen zu massiven Spannungen mit westlichen Konzernen und Regierungen. Der anschließende Umsturz und die Wiedereinsetzung des Schahs unter westlicher Mitwirkung prägen bis heute das iranische Staatsverständnis und das tief verwurzelte Misstrauen gegenüber dem Westen.

Die Sanktionsfrage – und ihre Folgen

Die gegenwärtige Unzufriedenheit vieler Iranerinnen und Iraner mit ihrer Führung ist real. Doch sie existiert nicht im politischen Vakuum. Wirtschaftliche Isolation über Jahrzehnte, eingeschränkter Zugang zu globalen Märkten und strukturelle Blockaden im Finanzsystem haben das Land erheblich belastet. Sanktionen können politische Eliten schwächen – sie können aber auch nationale Abschottung und ideologische Verhärtung fördern.

Die Frage stellt sich daher: Wie sähe der Iran heute aus, wenn er über Jahrzehnte hinweg wirtschaftlich normalisiert worden wäre? Wie würde sich ein Land entwickeln, das seine Ressourcen frei exportieren, internationale Partnerschaften ohne Blockaden aufbauen und wirtschaftliche Prosperität entfalten könnte? Würde ein wirtschaftlich integrierter Iran zwangsläufig aggressiver auftreten – oder möglicherweise berechenbarer werden?

Am Ende bleibt eine unbequeme Überlegung: Wie viel der heutigen Konfrontation ist Ergebnis aktueller Entscheidungen – und wie viel ist das Resultat einer jahrzehntelangen Kette aus Intervention, Sanktionen, Misstrauen und Eskalation? Wer die Gegenwart beurteilt, ohne die Vorgeschichte zu berücksichtigen, analysiert nur die Hälfte des Problems.

Die Eskalation ist real. Die Wortwahl ist politisch. Und die strategischen Hintergründe sind komplexer, als das Wort „Präventivschlag“ vermuten lässt.


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