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Zeitenwende: Warum Deutschland trotzdem verwundbar bleibt

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20.02.2026

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Zeitenwende: Warum Deutschland trotzdem verwundbar bleibt

19. Februar 2026 | Birgit Jennen

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde eine neue Verteidigungs- und Sicherheitspolitik beschworen. Gab es auch eine Kurskorrektur in der Wirtschaftspolitik?

Deutschland rüstet auf – und bleibt dennoch verwundbar. Die sicherheitspolitische Zeitenwende wird hierzulande vor allem in Milliarden für Waffen, Sondervermögen und an der Frage gemessen, ob die Bundeswehr „kriegstüchtig“ ist. Was dabei erstaunlich oft ausgeblendet bleibt: Sicherheit endet mit dem Militär. Sie beginnt vielleicht zuerst in der Wirtschaft.

In der Debatte über Deutschlands Russlandpolitik taucht Wirtschaftspolitik bislang meist nur als Randnotiz auf, reduziert auf das Pipeline-Kürzel „Nord Stream“. Doch diese Fixierung greift zu kurz. In einer globalisierten Welt sind wirtschaftliche Verflechtungen längst zu sicherheitspolitischen Instrumenten geworden. Sie schaffen Abhängigkeiten, eröffnen Einflusskanäle und verschieben politische Prioritäten. Wer diesen Zusammenhang ignoriert, gefährdet nicht nur die eigene, sondern auch die europäische Sicherheit.

Sicherheit als Geschäftsmodell

Spätestens mit der Präsidentschaft von Donald Trump ist offen zutagegetreten, was sich zuvor bereits abzeichnete: Militärische Präsenz, Allianzen und Abschreckung werden in Washington primär danach bewertet, welchen unmittelbaren Nutzen sie für die eigene Volkswirtschaft bringen. Bündnisse werden nach ihrem Return on Investment beurteilt. Sicherheit ist zur Premium-Dienstleistung mit Preisschild geworden.

Für Europa hat diese Entwicklung existenzielle Konsequenzen. Die USA begreifen den Schutz des Kontinents nicht länger als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Bündnispolitik, sondern zunehmend als Kostenfaktor. In Washington verbreitet sich die Sichtweise, dass die transatlantische Sicherheitsarchitektur für die Vereinigten Staaten zu teuer geworden sei – und die Allianz zur Friedenssicherung in Europa letztlich gescheitert ist. Klar ist: Deutschland und Europa müssen daraus den Schluss ziehen, mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen.

Doch wer bei der Ursachenanalyse ausschließlich auf die USA zeigt, verkennt die eigene Rolle. Deutschland trägt für diese Entwicklung und für die schleichende Erosion der transatlantischen Sicherheitspartnerschaft eine Mitverantwortung. Es war selbst mit seiner Russlandpolitik ein Vorreiter der Ökonomisierung von Sicherheit – wenn auch in anderer Ausprägung.

Wie Deutschland zur Erosion des Paktes mit den USA beitrug

Über Jahrzehnte verließ sich die Bundesregierung auf den amerikanischen Schutzschirm und nutzte diese sicherheitspolitische Bequemlichkeit, um eigene wirtschaftliche Interessen zu verfolgen. Forderungen der USA nach einer fairen Lastenteilung, etwa beim Erreichen des Zwei-Prozent-Ziels der Nato, ließ Deutschland weitgehend ins Leere laufen. Warnungen vor Wladimir Putins Gefahr für Europa wurden beiseite geschoben, um wirtschaftliche Beziehungen zu Russland weiter auszubauen.

Von Gerhard Schröder über Angela Merkel bis in die ersten Regierungsjahre Olaf Scholz’ folgte Berlin dem Leitmotiv des „Wandels durch Handel“. Hinweise von Bündnispartnern auf eine strategische Abhängigkeit von Moskau wurden ignoriert, um Russland als Wirtschaftspartner für die deutsche Industrie zu sichern. Während Washington vor den sicherheitspolitischen Risiken wirtschaftlicher Verflechtungen warnte, wurden Wirtschafts- und Sicherheitspolitik hierzulande strikt voneinander getrennt – obwohl sie für Russland stets Teil seiner geopolitischen Strategie waren. Diese Trennung trug dazu bei, dass Deutschland die Bedrohung aus dem Osten unterschätzte – und in Washington die Bereitschaft sank, dauerhaft für Europas Sicherheit einzustehen. Deutschland hat Russland nicht unterschätzt, weil es naiv war, sondern weil es profitabel erschien, naiv zu sein. Der Konflikt mit den USA über Nord Stream war der sichtbarste Ausdruck dieser Politik. Doch er war weder der einzige noch der gravierendste Fehler.

Finanzströme als sicherheitspolitische Schwachstelle

Die eigentliche Verwundbarkeit liegt tiefer: im Geflecht der Finanzströme, das bis heute weitgehend unter dem Radar bleibt. Über Jahre hinweg konnten Milliarden an russischem Kapital nahezu ungehindert nach Deutschland fließen. Geldwäsche, Briefkastenfirmen und intransparente Strukturen entwickelten sich ungestört. Mit dem freien Fluss des Geldes wuchsen politische Einflussnetzwerke, die die Annäherung an Moskau auch dann forcierten, als Wladimir Putin bereits 2014 begann, die Grenzen in Europa gewaltsam zu verschieben.

Einen zentralen Knotenpunkt dieser Finanzströme bildete über Jahre hinweg die Deutsche Bank. US- und britische Aufsichtsbehörden belegten das Institut 2017 mit hohen Strafzahlungen wegen der sogenannten „Mirror Trades“. Nach Einschätzung der Ermittler ermöglichten diese Geschäfte russischen Kunden, über ein komplexes Konstrukt aus Aktienkäufen und -verkäufen Milliardenbeträge aus Russland herauszuschleusen. Interne Kontrollmechanismen der Bank versagten dabei wiederholt; Hinweise auf mögliche Geldwäsche wurden laut den Behörden nicht ausreichend verfolgt. So gelangte über Jahre hinweg russisches Kapital in den streng regulierten westlichen Finanzmarkt – während deutsche Aufsichtsbehörden nur begrenzt eingriffen.

Die Deutsche Bank war kein Einzelfall eines systemischen Versagens der Finanzkontrolle. Der größte europäische Finanzskandal der jüngeren Geschichte – der Fall Wirecard – zeigt exemplarisch, wie eng kriminelle Strukturen, politische Netzwerke und sicherheitsrelevante Risiken auch in Deutschland miteinander verwoben sein können. Das mutmaßliche Abtauchen des langjährigen Wirecard-Managers Jan Marsalek nach Russland steht sinnbildlich für die Tiefe dieser Verflechtungen – und für das jahrelange Wegsehen deutscher Aufsichts- und Sicherheitsbehörden.

Wo Finanzströme, politische Netzwerke und staatliches Wegsehen ineinandergreifen, entsteht Einfluss – und damit Verwundbarkeit. Diese Verwundbarkeit ist bis heute nicht systematisch aufgearbeitet. Sie bleibt ein offenes sicherheitspolitisches Risiko im Herzen Europas.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat diese Realität schonungslos offengelegt. Energieversorgung, Kapitalflüsse und vermeintliche Partnerschaften erhielten über Jahre hinweg Vorrang vor sicherheitspolitischen Warnungen – mit fatalen Folgen.

Eine Zeitenwende, die diesen Namen verdient

Die Konsequenz daraus kann nicht allein in höheren Verteidigungsausgaben liegen. Deutschland braucht eine grundlegende Neubestimmung des Verhältnisses von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik. Das bedeutet ein Primat der Sicherheit vor kurzfristigen ökonomischen Interessen. Die Politik muss dort klare Grenzen ziehen, wo wirtschaftliche Aktivitäten strategische Sicherheitsinteressen berühren – sei es bei Energie, Finanzmärkten, Investitionen oder Schlüsselindustrien.

In einer Welt wachsender geopolitischer Spannungen instrumentalisieren autoritäre Staaten gezielt wirtschaftliche Abhängigkeiten. Lieferketten, Finanzmärkte und industrielle Kernkompetenzen sind längst Teil geopolitischer Auseinandersetzungen. Wer hier nicht gegensteuert, macht wirtschaftliche Offenheit zur sicherheitspolitischen Schwachstelle.

Wenn Deutschland seine Verantwortung in Europa ernst nehmen will, muss es endlich auch die wirtschaftspolitischen Stellhebel konsequent in den Dienst der europäischen Sicherheit stellen – und den Preis dafür nicht länger in die Zukunft verschieben.

Birgit Jennen: Putins Marionetten. Wie geheime Netze in der deutschen Wirtschaft und Sicherheitsdienste uns an Russland ausliefern. Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag, 336 Seiten, 25 EUR


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