Trennung, neue Liebe, der Tod des Vaters und eine Weltreise: Bei Johannes Oerding war einiges los
Johannes, du hattest dir 2024 größtenteils freigenommen, um zu reisen. Standen Länder und Route vorher fest?
Oerding: Nur zum Teil. Dass es so viel Amerika wurde, war nicht geplant, ich habe mich dort echt in der Musik verloren. Minneapolis, die Stadt von Prince, dann Chicago, Memphis, Nashville, New Orleans, das alles hat mich so in den Bann gezogen, dass ich gleich noch ein paar Instrumente wie Paddle Steel Gitarre und Fiddle mitgenommen habe. Ich habe auf dem Roadtrip viel Gospel gehört, viel Elvis, R.E.M., Sheryl Crow, Fleetwood Mac – alles ist dann eingeflossen in meine neuen Songs.
War es Teil deines Plans, unterwegs Lieder zu schreiben?
Oerding: Überhaupt nicht, ich hatte noch nicht mal eine Gitarre dabei. Ich musste mir die Auszeit nehmen, weil ich das Gefühl hatte, bei mir wird alles zu konstruiert, zu formatiert, zu gemütlich. Ich stand 2023 auf der Bühne und dachte nicht an den Song, nicht ans Publikum, sondern an die Einkaufsliste für den Supermarkt. Und dann kamen in dieser Zeit noch Schicksalsschläge hinzu, und ich entschied: Ich mache diese Reise. Ich wollte komplett abschalten und leer werden. Ohne Instrument, ohne Intention, irgendwas zu schreiben. Das ging zweieinhalb Monate gut (lacht).
Oerding: War ich in Chicago, und musste mir einfach eine Gitarre besorgen. Tatsächlich fand ich es sogar beruhigend, dass das Musikmachen und Songschreiben so sehr zu meinem Leben dazugehören, dass ich es nicht lange ohne aushalte. Und so fing ich, ganz natürlich und ohne Druck, wieder an zu schreiben.
Wie kann man sich deine Reise vorstellen? Im Greyhoundbus, dem Wohnmobil, im Auto?
Oerding: Da war an Verkehrsmitteln alles dabei. Zwischen Bruce-Springsteen-Konzert und Los-Angeles-Lakers-Spiel war es auch mal das Flugzeug, ansonsten war ich in den USA meist mit einem SUV unterwegs. Später in Japan dann mit dem Shinkansen-Zug, auf dem Mekong in Laos mit dem Boot, in Australien waren wir sechs Wochen im Camper unterwegs. In den Großstädten wie Tokio habe ich es geliebt, einfach zu Fuß unterwegs zu sein und mich treiben zu lassen.
Wie fandest du Tokio?
Oerding: Tokio war mir fast zu viel, zu bunt, zu laut. Schöner fand ich es in Kyoto. Das war das Japan, wie ich es mir vorgestellt hatte. Von Japan sind wir weitergereist nach Südkorea, Laos, Vietnam, Thailand, dann nach Australien und Neuseeland, wo wir Weihnachten, Silvester und den großen Reiseabschluss gefeiert haben. Ach, und im Sommer 2024 war ich noch viel in Europa unterwegs, Skandinavien, Italien, Portugal, Spanien, Österreich, Schweiz, Tschechien, guckte mir ein paar Fußball-EM-Spiele an und stand ein paar Mal mit Peter Maffay auf der Bühne.
Im Lied „Mehr Glück als Verstand“ singst du: „Man hat mir nie gesagt, was es heißt, einmal erwachsen zu sein“. War das Weltreise- und Trauerverarbeitungsjahr 2024 das Jahr, in dem du erwachsen geworden bist?
Oerding: Ja, in vielerlei Hinsicht. Natürlich hatte ich mich vorher schon von Menschen verabschieden müssen, aber der Tod meines Vaters vor etwas mehr als zwei Jahren hat einen größeren Einschlag verursacht, als ich gedacht hätte. Dazu kam noch die Trennung von Ina (Müller) nach 13 eigentlich schönen Jahren, und dann auch eine neue Liebe. Auch Überarbeitung war ein Thema, oder überhaupt zu erkennen, dass man überarbeitet ist. Teil des Erwachsenwerdens war auch das Erkennen, dringend eine Pause zu benötigen.
Viele Künstlerinnen und Künstler haben große Angst davor, in Vergessenheit zu geraten, wenn sie sich für eine Weile zurückziehen. Wie war das bei dir?
Oerding: Bei allem Ehrgeiz weiß ich, so wichtig bin ich nicht. Man kann ruhig mal zwei, drei Jahre abhauen, und es interessiert keinen. Die Fans, die mich mögen, werden auch später wieder da sein und sich freuen. Alle anderen bekommen gar nicht mit, dass ich weg bin.
Der erste Song auf „Hotel“ heißt „Hier gehör ich hin“. Weißt du das jetzt?
Oerding: „Hier gehör ich hin“ war auch der erste Song, den ich nach der Pause geschrieben habe. In den Strophen verarbeite ich die Schläge, die positiven wie die negativen. Die Summe der Schicksalsschläge hat mir klar gemacht, dass die eine Konstante in meinem Leben tatsächlich das Musikmachen für mich und für andere Menschen ist. Ich bin glücklich, dass ich diese Ausdrucksform habe.
Ist „Wolken“, das Duett mit Michael Patrick Kelly, ein Lied über deinen Vater?
Oerding: Ja. Wenn der Himmel lila leuchtete und bunt wurde, haben meine Eltern früher immer zu uns Kindern gesagt: „Die Engel backen Plätzchen“. An dem Tag, an dem mein Vater starb, war die ganze Familie beisammen, und dann gab es abends genau diesen Himmel. Ich habe mir in dem Moment geschworen, jedes Mal, wenn ich solche Wolken sehen werde, an meinen Vater zu denken. Gleichzeitig wollte ich das Bild mit meiner eigenen Unwissenheit, sogar Angst, vor dem, was da kommt und was danach ist, verknüpfen. Paddy erschien mir genau der Richtigen für diesen Song, weil er ein sehr spiritueller und sehr gläubiger Mensch ist.
Johannes Oerding, 44, Sänger und Songwriter, ist in Münster geboren. Bekannt wurde er 2009 als Vorprogramm-Sänger. 2013 wurde er Zweitplatzierter beim Bundesvision Song Contest. Seine bisher erfolgreichste Veröffentlichung ist die Single „An guten Tagen“. Von 2011 bis 2023 war Oerding mit der Sängerin und Musikkabarettistin Ina Müller liiert.[Sein Markenzeichen ist sein Hut. Sein Album „Hotel“ ist soeben erschienen. Tourstart ist am 10. April in Oberhausen. (sk)
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