Beim Singener Wirtschaftsforum wird an der Uhr gedreht: Zeit ist ein wertvolles Gut geworden
Herr Geissler, wie würden Sie, als Zeitforscher, den Begriff „Zeit“ mit wenigen Worten definieren?
JONAS GEISSLER: Zeit ist der Grund dafür, dass nicht alles auf einmal passiert.
Und sie gilt als knapp werdender Rohstoff.
JONAS GEISSLER: Richtig, seit wir in unserem Kulturkreis begonnen haben, Zeit in Geld zu berechnen, haben wir die Zeit zu einem wertvollen Gut gemacht. Folglich sind wir bestrebt, Vorgänge zu verdichten, die Aktivitäten innerhalb eines Zeitrahmens zu beschleunigen, Zeit zu sparen, weil sie wertvoll ist – obwohl wir das real gar nicht tun können. Wir haben nicht wie bei „Momo“ ein Zeitkonto. Und wir können auch nicht zweimal jährlich die Zeit umstellen – lediglich die Uhren. Das Einzige, was wir mit der Zeit tun können, ist, sie zu leben und dabei Aufgaben oder uns selbst zu managen und zu organisieren.
Viele empfinden permanent Zeitdruck. Leben wir tatsächlich schneller – oder nehmen wir Zeit nur anders wahr?
JONAS GEISSLER: Was sich beschleunigt hat, sind die Interaktionsepisoden pro Zeiteinheit. Wir tun – aufgrund der vorhandenen Möglichkeiten – immer mehr Dinge in der gleichen Zeit. Was aber nicht mitgewachsen ist, ist unsere Verarbeitungskapazität, denn diese ist biologisch determiniert und lässt sich nur geringfügig steigern.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
JONAS GEISSLER: Die Zeit kommt uns kürzer vor, weil wir immer mehr Dinge tun müssen – oder können – deren Wahrnehmung jedoch oberflächlicher ist, die nicht in die Tiefe gehen,........
