menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Wie alt sind wir wirklich? Konstanzer Forscher entwickeln Messmethode für biologisches Alter

11 0
02.04.2026

Wir alle wissen, wie alt wir sind – zumindest juristisch betrachtet. Wir zählen die Lebensjahre von unserer Geburt an. Die Zahl, die sich daraus ergibt, nennt sich chronologisches Alter und ist für viele Lebensbereiche maßgeblich. Sie entscheidet, ob man Alkohol trinken, den Führerschein machen oder in Rente gehen kann.

Teilweise bestimmt das chronologische Alter auch über medizinische Leistungen, erzählt der Konstanzer Toxikologe Alexander Bürkle. Bei einigen Transplantationen spielen Altersgrenzen eine Rolle, und auch viele Vorsorgeuntersuchungen sind an bestimmte Lebensjahre gekoppelt.

Zum Problem werde das, wenn das tatsächliche Alter des Körpers nicht dem chronologischen Alter entspricht. Der Alterungsprozess verläuft von Mensch zu Mensch unterschiedlich, so Bürkle. Direkt erkennbar werde das an den Menschen, die bis zu 120 Jahre alt werden.

Tests an 3500 Personen in acht Ländern

Für den Wissenschaftler ist klar: Es muss einen Weg geben, um das tatsächliche Alter eines Körpers – das biologische Alter – zu bestimmen. Bisher war das nur über die Untersuchung von Telomeren, den Endstücken der Chromosomen, die unser Erbgut tragen, möglich. Doch das Verfahren ist aufwendig und nur in begrenztem Rahmen aussagekräftig.

Deshalb arbeitete seit 2008 ein internationales Forscherteam unter Konstanzer Leitung durch Maria Moreno-Villanueva und Alexander Bürkle an einer neuen Methode. Sie führten bei rund 3500 Personen in acht Ländern Tests für über 300 verschiedene Marker wie Hormone, Proteine oder Genregulation durch und versuchten zu ermitteln, welche Werte dieser Parameter für welche Altersgruppe typisch sind.

Die lange Zeit der Forschung

Von 2008 bis 2013 lief das mit EU-Geldern finanzierte Mark-Age-Projekt. In dieser Phase entstand ein wahnsinniger Datensatz, der statistisch ausgewertet werden musste. Nur stand nach dem Auslaufen des geförderten Projekts kein Personal mehr zur Verfügung. Maria Moreno-Villanueva trieb neben ihrer normalen Tätigkeit an verschiedenen Universitäten die Auswertung mit einigen studentischen Hilfskräften voran, sodass die Ergebnisse samt der mithilfe eines Mathematikers entwickelten Formel zur Berechnung des Alters vor wenigen Wochen veröffentlicht werden konnten.

So konnten für jedes Alter spezifische Kennzahlen festgelegt werden. Die Forscher ermittelten jeweils für Männer und Frauen die zehn aussagekräftigsten Parameter und stellten mit diesen eine Formel zur Berechnung des biologischen Alters zusammen. Nach einem Test dieser Merkmale kann sich beispielsweise herausstellen, dass die Körperfunktionen einer 50 Jahre alten Person denen eines Sechzigjährigen entsprechen.

Eine solche Abweichung um zehn Jahre ist nicht unüblich. Sogar bis zu 20 Jahre Differenz treten in der Studie immer wieder auf. „Es geht um den biologischen Zustand des Menschen. Von diesem wollen wir ein bio-chemisches Foto schießen“, erklärt Alexander Bürkle. 

Die Kosten für ein solches Foto liegen bei 200 Euro. Wer sich selbst einer Messung der zehn Parameter unterziehen möchte, um herauszufinden, wie alt er oder sie wirklich ist, muss feststellen, dass das nicht möglich ist. Es gibt kein Unternehmen, das den Test anbietet.

Forscher sind enttäuscht: Keine Firma will das Patent kaufen

Für Bürkle ist das eine große Enttäuschung: „Mein Traum war, dass eine Firma das patentgeschützte Verfahren kommerziell betreibt.“ Doch weder Startups noch große Konzerne wollten das Risiko eingehen und das Testverfahren mit eigenen Geldern in die Gänge bringen. Die Universität gab inzwischen das Patent wegen steigender Gebühren auf. Auch wenn kein Unternehmen das nun frei zugängliche Konzept nutzt, bleibt es für die Wissenschaft relevant. 

Moreno-Villanueva und Bürkle kennen ihr eigenes biologisches Alter nicht. Ein Test an sich selbst hätte für die beiden Wissenschaftler gegen Grundsätze verstoßen. Warum betrieben sie also über Jahre hinweg den Aufwand, die Messmethode zu entwickeln, wenn es nicht um die Erkenntnis über den eigenen Körper ging?

Die Medizin ist traditionell symptomgetrieben. Das heißt: Schmerz, Arztbesuch, Therapie – in dieser Reihenfolge, erläutert Bürkle. Der neue Ansatz seines Forscherteams soll die Vorsorgemedizin unterstützen. Durch Untersuchungen, die dank der Anpassung ans biologische Alter zum richtigen Zeitpunkt erfolgen, sollen potenzielle Krankheiten schon frühzeitig entdeckt und behandelt werden können.

Und das ohne die Notwendigkeit, alle Menschen jedes Jahr auf alle erdenklichen Krankheiten hin zu untersuchen. So könne mit den vorhandenen Mitteln der „Fokus auf die gelegt werden, die es am nötigsten haben“, meint Bürkle. 

Down-Syndrom, Rauchen und Menopause wurden untersucht

Um die Zuverlässigkeit der Bestimmung des biologischen Alters zu überprüfen, führten die Wissenschaftler drei Tests durch. Beim ersten wurden Menschen mit Down-Syndrom getestet. Sie besitzen im Vergleich zu Personen ohne Syndrom eine niedrigere Lebenserwartung. Das spiegelte sich auch im biologischen Alter wider. Dieses war dem chronologischen fünf bis zehn Jahre voraus.

In einem zweiten Bereich wurden Frauen in der Menopause untersucht. Die Frauen, die Hormonersatzprodukte einnahmen, fühlten sich besser als die ohne. Doch die Hormonersatzprodukte bewirkten weit mehr als nur ein Gefühl – die Frauen waren biologisch jünger.

Das letzte Beispiel befasst sich mit Rauchen. Bei Frauen zeigte sich, dass ihr Körper pro gerauchter Zigarette altert. Bei Männern gab es keinen signifikanten Effekt. Das exakte biologische Alter könne aber nicht mit absoluter Sicherheit bestimmt werden, stellt Moreno-Villanueva klar. 

Für weitere Forschung bräuchte es Geld und Personal

Offen bleibt auch, was man tun kann, um sich jung zu halten. Der Biologe Alexander Bürkle sagt dazu: „Dem muss man nachgehen. Es gibt unendlich viele Fragen, die daran anknüpfen.“ Für die Beantwortung braucht es ordentlich Forschungsgeld und viele Wissenschaftler. Klar ist, dass Bürkle nicht mehr daran beteiligt sein wird.

Der 69-Jährige ist formell im Ruhestand. Und im Gegensatz zu seiner Kollegin Moreno-Villanueva ist er sich auch nicht sicher, ob sein Körper jünger ist als die bald anstehende 70. Als ehemalige Leistungssportlerin ist Maria Moreno-Villanueva überzeugt: „Ich wäre jünger als mein Alter, das im Pass steht. Das weiß ich auch ohne Test.“ 

Joshua Tress Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

78464 Konstanz Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

Rente Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis


© Südkurier