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BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken: „Jeder hat die Pflicht, dass er nicht kneift“

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28.03.2026

Er schaut auf ein Lebenswerk: Vor 50 Jahren hat Wolfgang Niedecken die Kölner Rockband BAP (“Verdamp lang her“, „Ahl Männer, aalglatt“) gegründet. Kurz vor seinem 75. Geburtstag am 30. März 2026 hat er erfahren, dass er der Preisträger der Georg-Elser-Auszeichnung ist, die die Konstanzer Crescere-Stiftung an Persönlichkeiten verleiht, die sich um Demokratie und Zivilcourage verdient gemacht haben. Im Interview erzählt Niedecken, warum er bis heute seine Stimme gegen Ausgrenzung und Benachteiligung erhebt. Und warum er es bis heute für nötig hält, den Song „Kristallnaach“ von 1982 auf der Bühne zu spielen. Wer Niedecken live erleben will, kann am 14. April ins Konstanzer Konzil kommen. Im Eintrittspreis von 15 Uhr (Karten bei Tickets Connected) ist auch ein Solo-Konzert enthalten.

Herr Niedecken, die neue BAP-Tournee heißt „Die Zielgerade“. Was bleibt nach 50 Jahren Bandgeschichte?

NIEDECKEN: Ganz viel. Ich habe diese Zeit sehr bewusst wahrgenommen. Wir sind ja mehr oder weniger reingeschlittert, waren eine blutige Amateurband, hatten keinen Karriereplan, wir wollten noch nicht mal auftreten. Da waren lauter Jungs, die in den 60er-Jahren in irgendwelchen Beatbands gespielt hatten. Wir dachten, wir jammen halt einmal die Woche aus Spaß. Und dann kam ich mit meinem ersten Song auf Kölsch an, es ging um Liebeskummer, er hieß „Helfe kann dir keiner“. Und dann sagte unser Gitarrist: Das ist gut, da musst du mehr von machen.

Hat es sie überrascht, dass Dialekt plötzlich verfangen hat?

NIEDECKEN: Ich glaube, da hat sich instinktiv etwas vermittelt. Wir waren authentisch, und die Leute waren neugierig: Was singt denn der da eigentlich? Und es kommt noch was dazu: Kölsch war eigentlich die Gossensprache. Die passte hervorragend zum Rock’n’Roll, meilenweit entfernt vom Bildungsbürgertum. Aber ehe mir das alles bewusst war, hatten wir schon ein paar Platten gemacht.

Kann, darf, muss Popmusik auch politisch sein?

NIEDECKEN: Das muss jeder Künstler für sich selbst entscheiden. Für mich sind Politik und gesellschaftliche Veränderung vor allem Material. Ich singe über das, was mich beschäftigt, und wenn mich politische Themen nachts um den Schlaf bringen, dann wird das zwangsläufig in die Texte einfließen. Und Pflicht? Wir haben bessere Möglichkeiten, uns zu artikulieren, weil wir auf einer Bühne stehen oder im Radio oder im Fernsehen stattfinden. Aber die Pflicht, die hat jeder Staatsbürger, dass er nicht kneift. Dass er an Stellen Widerworte gibt, wo man auch mit den Schultern zucken könnte oder sich anpassen, damit man keine Schwierigkeiten bekommt.

Sie haben schon 1982 in dem Song „Kristallnaach“ vor Hass, Ausgrenzung und Neofaschismus gewarnt. Ist es nicht traurig, dass das Lied auch über 40 Jahre später noch aktuell ist?

NIEDECKEN: Ich hätte nicht dagegen, wenn dieses Stück mal inaktuell würde. Aber das ist leider nicht der Fall. Man muss immer weiter dagegenhalten, und wir haben ja auch viele andere Stücke zu dem Thema. Zum Beispiel „Ruhe vor`m Sturm“ auf dem letzten Album, das führt „Kristallnaach“ weiter und wird viel konkreter. „Kristallnaach“ war ja eher so ein surrealistisches Ding, und es war für mich erstaunlich, dass die Band das Stück einproben wollte. Denn sechs Strophen ohne Refrain sind eigentlich eine Zumutung. Ich spiele es bis heute gerne, und alle Besetzungen, über all die Jahre, haben sich da immer unglaublich reingehängt.

„Ich war der Typ, der keine Widerworte gegeben hat“

Und dann kam „Arsch huh, Zäng ussenander“.

NIEDECKEN: Als 1992 die Asylantenheime brannten, als in Rostock-Lichtenhagen, Solingen und vielen anderen Orten furchtbare Dinge passiert sind, haben sich die Kölsch singenden Künstler zusammengetan und gesagt, wir müssen etwas dagegen unternehmen. So ist „Arsch huh, Zäng ussenander“ entstanden. Ich habe den Song geschrieben, weil ich dieses Erlebnis selbst hatte. Ich war der Typ in der Bäckerei, der keine Widerworte gegeben hat, und ich habe mich danach geschämt. Das Stück ist so authentisch, weil ich die Geschichte verkörpere.

Viel verändert hat es nicht, wenn wir auf Deutschland 34 Jahre später schauen.

NIEDECKEN: Eine populistische Partei ist die zweitstärkste in unserem Land, und es wird immer gefährlicher. Ich habe die Befürchtung, dass viele aus der Bevölkerung sich damit bereits arrangiert haben und die Entwicklung nicht wirklich ernst nehmen. Aber man muss das ernst nehmen, wir haben als warnendes Beispiel die Weimarer Republik. Also spielen wir bis heute das Stück überall, wo es geht.

„Zivilcourage ist ein Auftrag für den Alltag“

Was bedeutet Zivilcourage für Sie?

NIEDECKEN: Zivilcourage ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Und es ist etwas, das man nicht nur als Künstler zeigen kann, sondern in jedem Beruf, bei Familienfeiern, in der Straßenbahn, in der Kneipe, unter Freunden. Man muss Paroli bieten, statt immer nur mit den Schultern zu zucken. Es ist ein Auftrag für den Alltag.

In Konstanz erhalten Sie am 14. April die Georg-Elser-Auszeichnung, mit der Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die sich für Demokratie und Zivilcourage einsetzen. Hat Sie das überrascht?

NIEDECKEN: Ich habe mich darüber sehr gefreut. Ich bekomme gelegentlich Ehrungen, aber diese hier hat mich besonders berührt, denn ich kenne die Geschichte von Georg Elser. Es war jemand, der mit seinem Widerstand gescheitert ist und mit seinem Leben bezahlen musste. Zivilcourage im dritten Reich war ungleich schwerer als heute. Ich habe einen Riesenrespekt vor dem Mann. Allein schon der Name des Preises, da stehst du schon mal stramm.

Vereinnahmen wir in unserem bequemen Leben die Widerstandskämpfer zu leichtfertig?

NIEDECKEN: Ich versuche nach meinen Werten zu leben und das Richtige zu tun. Wir können uns nicht mit Georg Elser in eine Reihe stellen, aber wir können und sollten uns ein Vorbild an ihm nehmen.

„Demokratie ist Arbeit“

Haben Sie schon mal gedacht: Wenn der Plan von Georg Elser damals aufgegangen wäre…?

NIEDECKEN: Das ist ein interessanter Gedanke, aber wir können nicht wissen, was passiert wäre. Auch bei den Tyrannen von heute ist es so, dass hinter ihnen viele stehen, die sofort nachrücken. Die Lösung wäre, dass sich alle Menschen ausführlich politisch so informieren, damit sie nicht auf Populisten reinfallen und keinen Scheiß wählen. Da darf man nie nachlassen. Demokratie ist Arbeit.

Wird Ihnen die manchmal mühsam?

NIEDECKEN: Ich könnte es mir leichter machen und sagen: Ich bin jetzt 75, und gehe nur noch mit dem Hund spazieren, die nächste Generation soll das regeln. Aber nein, ich kann das nicht. Die nächste Generation sind meine Kinder, die übernächste meine Enkel. Ich könnte denen nicht in die Augen schauen, wenn ich resignieren würde.

Haben es politische Botschaften in der Popmusik heute schwerer?

NIEDECKEN: Ja, heute herrscht das kommerzielle Formatradio der Privaten vor, und die Öffentlich-Rechtlichen meinen, sich dem Radioformat beugen zu müssen. Da müssen Songs immer „uplifting“ sein, politische Inhalte werden nicht gesendet. Das war vor vielen Jahren, als wir angefangen haben, noch anders. Aber ich lasse nicht locker, auf der Bühne kann mir keiner reinreden. Aber ich würde nie den ganzen Abend nur politische Songs spielen. Da käme ich mir wie ein Politrocker vor, und Politrock bevormundet die Leute. Sowas sollte man vermeiden

Weil dann die Grenze von der Kunst zum Aktivismus überschritten wäre?

NIEDECKEN: Genau. Ich bin Künstler und kein Aktivist. Wenn ich irgendwo Aktivist bin, dann bei der Resozialisierung ehemaliger Kindersoldaten in Afrika. Es hat mich damals sehr mitgenommen, als ich 2004 hautnah miterlebt habe, wie die von ihren Familien verstoßen wurden. Das hat mich so erbarmt, dass wir Rebound gegründet haben, wo diese jungen Menschen einen Beruf erlernen, mit dem sie später ihren Lebensunterhalt finanzieren können.

Und da gibt es einen direkten Bezug zu Konstanz, wo Sie bald geehrt werden.

NIEDECKEN: Ja, ich bin in Nord-Uganda Konstanzer Studenten begegnet, die sich mit posttraumatischen Belastungsstörungen beschäftigt haben. Die haben den Familien, in denen die früheren Kindersoldaten untergekommen sind, gezeigt, wie man damit umgehen kann. Das hat mich sehr beeindruckt und berührt.

Sind Sie, um den Titel der BAP-Tournee zu zitieren, auf der Zielgeraden?

NIEDECKEN: Ich möchte spielen, solange es irgendwie geht. Aber ich möchte selbst entscheiden, wann Schluss ist. Bei einigen Künstlern habe ich so den Eindruck, dass sie keine guten Freunde haben, die ihnen sagen, dass es langsam mal gut ist.

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