„Ich halte Streit für sehr produktiv“: Wolfgang Kubicki will FDP-Chef werden
Herr Kubicki, Sie sind 74 Jahre alt und müssen sich nichts mehr beweisen. Warum jetzt noch einmal die FDP? Findet die Partei keinen anderen Vorsitzenden?
WOLFGANG KUBICKI: Wir sind mit Werten von zwei Prozent und weniger unter die Wahrnehmbarkeitsschwelle gefallen. Als Friedrich Merz dann auch noch gesagt hat, die FDP sei tot, habe ich mich auch persönlich herausgefordert gefühlt. Ich bin nicht die Zukunft der Partei, das ist klar. Aber ich will, dass diese Partei eine Zukunft hat.
Wie lange haben Sie gebraucht, um sich und vor allem Ihre Frau zu überzeugen?
KUBICKI: Das war ein Prozess, der in der Woche vor Ostern von Dienstagmorgen bis Freitagnachmittag gedauert hat. Irgendwie hat das auch gut zur Ostergeschichte gepasst. Friedrich Merz sagt, die FDP sei tot, an Ostern aber feiern wir ja die Auferstehung (lacht). Eigentlich waren wir im Urlaub, aber dann hat sogar Peter Harry Carstensen noch angerufen…
... der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein…
KUBICKI: … und gesagt: Mach es, wir von der CDU haben auch ein Interesse an einer starken FDP. Dann hat sich auch noch mein ehemaliger Kampfgefährte Christian Lindner gemeldet und irgendwann hat meine Frau dann gemeint: Du weißt, dass ich es eigentlich nicht will, aber es ist besser, du versuchst es, denn wenn die FDP jetzt total versinkt, würdest Du für den Rest Deines Lebens mit einem düsteren Gesicht durch die Gegend laufen.
Ist die Situation jetzt denn schwieriger als 2013, als die FDP schon einmal aus dem Bundestag geflogen ist?
KUBICKI: Sie ist definitiv anders, weil die Kommunikationsgeschwindigkeit enorm zugenommen hat. Wir hatten 2013 noch ein bisschen mehr Zeit, uns zu sortieren, mit Leitbildprozessen und ähnlichem. Heute haben wir diese Zeit nicht mehr. Wenn Sie länger aus dem Geschäft draußen sind, nimmt sie keiner mehr wahr. Wenn Sie aber keiner mehr wahrnimmt, können Sie auch keine politischen Botschaften transportieren. Deshalb ist jetzt Geschwindigkeit gefragt, sonst sind wir in zwei, drei Jahren nur noch ein liberaler Debattierklub, aber keine politisch ernst zu nehmende Größe mehr
Deshalb geben Sie jetzt Interviews im Stundentakt?
KUBICKI: Ich wusste gar nicht, wie viele Medien und wie viele Menschen sich plötzlich wieder für die FDP interessieren. Vor kurzem hat mich der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft eingeladen, wo ich vor über 1500 Leuten eine launige Rede gehalten habe. Die kam ziemlich gut an. Einige wollten mich gar nicht mehr aus dem Saal lassen. Das zeigt: Es gibt einen Riesenbedarf nach klarer Sprache und klarer Positionierung. Unsere Werte in den Umfragen steigen jedenfalls wieder. Ein Kubicki-Effekt ist das noch nicht. Der beginnt erst bei sechs Prozent.
2013 hat Christian Lindner mit Ihnen die FDP aus dem Schatten zurück ins Licht geholt. Ist Ihr designierter Generalsekretär Martin Hagen Ihr neuer Lindner?
KUBICKI: Christian Lindner und ich hatten beide erfolgreiche Landtagswahlen hinter uns, bei denen wir jeweils acht Prozent geholt hatten, während die Bundespartei bei vier Prozent vor sich hindümpelte. Wir haben gezeigt, dass man die FDP auch in schwierigen Zeiten erfolgreich in Parlamente führen kann. Eine solche Situation haben wir momentan nicht. Jede Niederlage wie zuletzt in Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz macht einen künftigen Sieg schwieriger. Aber wenn Sie nach Martin Hagen fragen: Den muss ich fast ein wenig bremsen, so engagiert ist er. Aber mir ist lieber, ich bremse die Leute ein bisschen, als dass ich sie antreiben muss.
Sie reden anders als andere Politiker. Braucht die FDP eine klarere Sprache?
KUBICKI: Ich weiß schon, worauf Sie hinaus........
