Von Veloroute bis Westviertel: So gelingt die Verkehrswende garantiert nicht
Von Veloroute bis Westviertel: So gelingt die Verkehrswende garantiert nicht
Von Veloroute bis Westviertel: So gelingt die Verkehrswende garantiert nicht
Dass wir den knappen Verkehrsraum fairer verteilen müssen, ist jedem klar. Auch dass dies nicht konfliktfrei lösbar ist. Umso mehr kommt es auf gute Kommunikation an. Doch die fehlt nach Meinung von Kolumnist Stefan M. Kob
Liebe Leserinnen und Leser,
im Märzen spannt nicht nur der Bauer seine Rösslein ein. Auch viele Drahtesel werden bei den derzeitigen frühsommerlichen Temperaturen instandgesetzt und fit für die erste Radtour gemacht. Doch schnell kommt die ernüchternde Erkenntnis: Radfahren in Solingen macht keinen Spaß. Wer nicht muss oder Mitglied im ADFC ist, dem ADAC auf zwei Rädern, beschränkt seine Ausflüge auf sonnige Wochenenden über die Trassen oder am Rhein.
Mit lästigen Steigungen im Bergischen hat das seit der Erfindung des E-Bikes weniger zu tun. Eher mit der Tatsache, dass das Auto in Solingen nach wie vor das dominierende Verkehrsmittel ist.
Wer je mit dem Pedelec am Schlagbaum unterwegs war, weiß, wovon die Rede ist. Die geplante Aufnahme Solingens in das Knotenpunktsystem des Radwegenetzes NRW ändert daran wenig. Nicht die Orientierung fehlt in erster Linie, sondern die Sicherheit.
Panisches Gesicht im rechten Außenspiegel
In unserer autogerechten Stadt empfinden Autofahrer Radler oft als Hindernisse, die am zügigen Vorankommen hindern. Mancher macht das deutlich, indem er beim Überholen den Abstand so weit verringert, dass Radfahrer ihr panisches Gesicht im rechten Außenspiegel sehen können.
Es fehlt an allem, was das Radeln in der Klingenstadt sicher und komfortabel machen würde: Radwege sind, wenn überhaupt vorhanden, Flickwerk: Sie sind ungepflegt, schlecht markiert, nie durchgehend befahrbar und enden im Nirgendwo.
Wenn es konkret wird, endet die Einigkeit
Zwar sind sich alle einig, dass sich das ändern muss. Besonders wenn man die Verkehrswende für notwendig hält, um den Klimawandel nicht weiter anzufeuern. Doch bei konkreten Maßnahmen endet die Einigkeit schnell.
Das liegt vor allem an drei grundlegenden Problemen.
1. Der begrenzte Platz: Damit alle Verkehrsteilnehmer – ob Auto, Lkw, Bus, Rad oder Fußgänger – gut und sicher vorankommen, muss der vorhandene Verkehrsraum neu aufgeteilt werden. Bei einer Neuverteilung gibt es Gewinner und Verlierer, denn der Platz ist begrenzt. Und die Quadratur des Kreises ist noch nie gelungen. In der politischen Diskussion in Solingen entsteht jedoch der Eindruck, dass jetzt die Zeit gekommen ist, das Auto gar nicht mehr zu berücksichtigen. Dabei bleibt es auch in Zukunft Verkehrsmittel Nr. 1, wenn auch nicht mehr mit Benzin, sondern mit Strom betrieben.
Auto ist für viele eine Existenzgrundlage
Da können noch so viele Zweiradhelden bei Wind und Wetter tagtäglich unterwegs sein: Zu unserer persönlichen Freiheit gehört das Auto dazu. Oder kann man sich den 80-jährigen Senior beim Wochenendeinkauf mit dem Lastenrad vorstellen? Oder die Familie mit kleinen Kindern bei Frost und Schnee auf dem Weg zum weit entfernten Kinderarzt?
Die Liste der Beispiele, in denen das Bike – und auch der Bus – einfach keine geeignete Alternative sein können, ist lang. Nicht ohne Grund darf einem Bürgergeldempfänger sein Auto nicht einfach konfisziert werden. Es gehört zum Schonvermögen und damit zu seiner Existenzgrundlage.
Alles ist schlecht gemachtes Stückwerk
2. Mangelnder Mut zur großen Lösung. Alles ist Stückwerk, und nicht einmal das ist gut gemacht. Man denke an die Sonnenstraße, die für Radfahrer gegen die Einbahnstraße befahrbar gemacht werden sollte. Was aber falsch angepackt wurde, weshalb wieder der Rückwärtsgang eingeschaltet werden musste.
Auch die geplante Veloroute wird in diese Kategorie fallen. Wenn für die geplante Trassenführung gleich hunderte Parkplätze wegfallen sollen, wird es dafür keine Akzeptanz geben. Dabei existiert eine Route zwischen Ohligs und Mitte, sogar mit wenig Steigung, für die kein einziger Parkplatz wegfallen müsste: die Viehbachtalstraße. Auch diese Idee hat ihre Haken, doch gehört der Vorschlag von IHK-Präsident Henner Pasch einmal intensiv geprüft.
Wieder einmal stockt ein gewünschtes Projekt
3. Die Bunker-Mentalität der Verwaltung. So wieder zu betrachten in Ohligs. Die Verkehrsplaner wollten dem Wunsch der meisten Ohligser nachkommen, die Lennestraße zu beruhigen und den Busverkehr aus dem Westviertel herauszuholen. Doch statt sich mit den Betroffenen in Ohligs zusammenzusetzen (und dort gibt es mit OWG, ISG und Ohligser Jongens gleich drei ortskundige Schwergewichte) und nach der besten Lösung zu suchen, gibt es einen Plan vom grünen Tisch.
Dabei scheint es niemanden in der Verwaltung groß zu stören, dass dafür wieder mal gut 70 Parkplätze einfach wegfallen. Offenbar verfügt man über keinen Politik-Instinkt-Messer, der sofort heftig ausgeschlagen hätte. Oder es ist einem egal. Im Ergebnis stockt erneut ein eigentlich von allen gewünschtes Projekt.
Unnötig, wenn man sich zuvor einfach mal mit denen unterhalten hätte, die sich vor Ort auskennen. Doch so viel Transparenz und Bürgernähe scheint man sich im Rathaus dann doch nicht zu trauen. Aber es ist ja noch nicht zu spät dafür. Nicht nur in Ohligs. Sondern überall.
Ihr Stefan M. Kob, Kolumnist
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