Sexualisierte Gewalt: Die Wut der Frauen
Sexualisierte Gewalt Die Wut der Frauen
Analyse · Der Fall digitaler sexualisierter Gewalt gegen die Schauspielerin Collien Fernandes sorgt für Aufsehen und Debatten. Über das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen ist schon oft diskutiert worden. Was ist diesmal anders?
Diese Audioversion wurde künstlich generiert. Mehr Infos | Feedback senden
Tausende haben sich in Berlin bei einer Demo gegen sexualisierte Gewalt mit Collien Fernandes solidarisiert.
Diesmal ist es schnell gegangen. Nur wenige Tage, nachdem
die Schauspielerin Collien Fernandes im „Spiegel“ Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen wegen sexualisierter Gewalt mit digitalen Mitteln erhoben hat, gab es eine Solidaritätskundgebung. Außerdem verfassten Frauen um die Grünen-Politikerin Ricarda Lang ein Zehn-Punkte-Papier mit politischen Forderungen. Zu den 250 Unterzeichnerinnen gehören die Vorsitzenden von SPD und Grünen, Bärbel Bas und Franziska Brantner, Klimaaktivistin Luisa Neubauer und Moderatorin Carolin Kebekus.
In Spanien hat Fernandes ihren Ex-Mann angezeigt, weil er mithilfe künstlicher Intelligenz pornografische Aufnahmen erstellt und verbreitet haben soll. Ulmens Anwalt kündigte rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung an, bei der es sich „in großen Teilen um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung“ handle. Zudem würden „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung verbreitet“. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Die gesellschaftliche Debatte ist indes im vollen Gange: Es gibt breite Solidarität mit Fernandes und Diskussionen über Gesetzesänderungen, die helfen sollen, digitale sexualisierte Gewalt zu verhindern und Täter zur Rechenschaft zu ziehen. In der Mache war ein Gesetz ohnehin. Eine weitere Kundgebung ist für Donnerstag in Hamburg angesetzt. Fernandes hat mitgeteilt, dass sie wegen Morddrohungen nicht teilnehmen kann.
Es gibt also eine stärkere Dynamik als bei früheren Debatten. Davon gab es einige in Deutschland. Etwa nach Vorwürfen gegen den FDP-Politiker Rainer Brüderle 2013, damals unter dem Schlagwort #aufschrei. Zu Anklage oder Ermittlungsverfahren kam es nicht. Auch nach Vorwürfen gegen den Regisseur und Produzenten Dieter Wedel 2018 flammte die Debatte wieder auf. Im Zuge von #metoo traten zudem 2017 viele Frauen unter anderem aus der Film-, Fernseh-, und Theaterbranche an die Öffentlichkeit und schilderten ihr Erleben. Aktuell offenbart der Fall Epstein das Ausmaß sexueller Ausbeutung und Gewalt in höchst privilegierten Gesellschaftskreisen. Die Fälle sind unterschiedlich gelagert. Und bei Collien Fernandes geht es um die neue Dimension digitaler sexueller Gewalt. Aber die Debatten verbindet, dass es um die Folgen ungleich verteilter Macht geht. Und darum, dass die individuellen Geschichten Muster entlarven – also strukturelle Gewalt offenbaren.
Dass es diesmal viel schneller öffentliche Solidarität und politische Forderungen gibt, hat wohl damit zu tun, dass die üblichen Abwehrreflexe weniger greifen. Noch vor wenigen Jahren hieß es über die betroffenen Frauen oft: Wer ist die eigentlich? Ist wirklich passiert, was sie beschreibt oder muss man die Vorkommnisse nicht ganz anders werten? Und wenn es so war: War es denn wirklich so schlimm? War das kein Flirt? Ist die nicht hysterisch? Die Autorität der betroffenen Frauen anzugreifen und ihre Wahrnehmung zu bezweifeln, ist ein effektives Mittel, um von Schuld und Missständen abzulenken. Doch inzwischen ist das bekannt und lässt sich leichter entlarven. Das wissen auch Männer, die sich der Debatten früher auf diese Art entledigt haben, und nun anscheinend lieber schweigen.
Zugleich ist die Geduld bei vielen Frauen geschwunden, sich immer wieder mit Absichtserklärungen zufriedenzugeben. Während die polizeiliche Statistik unerbittlich festhält, was Tatsache ist: Etwa, dass 85,9 Prozent der erfassten Opfer von Sexualdelikten weiblich sind, knapp die Hälfte minderjährig.
Dass die Wut der Frauen gewachsen ist, hat wohl auch mit dem Prozess gegen den Sexualstraftäter Dominique Pelicot und 50 weitere Männer in Frankreich zu tun. Die betroffene Frau, Gisèle Pelicot, hat selbstbewusst entschieden, ihren Fall öffentlich zu machen. Unbeirrt hat sie die Gesellschaft zur Kenntnisnahme gezwungen. Außerdem hat Pelicot die gesamte Zeit die Deutungshoheit behalten, hat die Täter-Opfer-Umkehr ins Leere laufen lassen, hat sich als Betroffene gezeigt, ohne je schwach oder angreifbar zu wirken. Pelicot verteilte die Scham. Und sie ist nun so frei, ihr Leben weiterzuleben, nicht als gebrochene Existenz, sondern mit einem neuen Partner.
Allerdings ist der Französin das alles wohl auch deswegen gelungen, weil sie sich parallel zur juristischen Aufarbeitung in der Öffentlichkeit bewegte. Und weil die Beweislage gegen ihren Ex-Mann und die anderen Täter so erdrückend war. Sie hatte damit eine mächtige Instanz im Rücken: die Justiz. Bei Collien Fernandes steht der Prozess noch aus. Ein bekannter Anwalt hat die Verteidigung ihres Ex-Manns Ulmen übernommen und bereits rechtliche Schritte gegen die erste Berichterstattung angekündigt. Auch in ihrem Fall gibt es zahlreiche Dokumente der Taten, aber wie die Urheberschaft bewiesen werden kann, ist bisher öffentlich nicht bekannt. Die Schlacht hat noch gar nicht begonnen.
Dass der Fall in Deutschland so viel Beachtung findet, hat womöglich auch damit zu tun, dass es ein Ohnmachtsgefühl gegenüber Betreibern digitaler Plattformen gibt. Die Tech-Riesen verführen Kinder wie Erwachsene zum Dauerkonsum, verdienen an sexistischen Angeboten und wirken unbezwingbar. Nun scheint es plötzlich möglich, kriminellem Treiben eben doch einen Riegel vorzuschieben – wenn die Gesellschaft nur entschlossen genug dafür eintritt.
Allerdings sagt die große Anteilnahme in den digitalen Netzwerken am Schicksal von Collien Fernandes in Wahrheit wenig über den wirklichen Wandel von Bewusstsein in Deutschland. Ulmen war als Schauspieler, Komiker, Talkgast bis vor kurzem sehr beliebt – und Kollegen, die das Fach des anzüglichen Humors und der ständigen, kleinen Grenzverletzung bedienen, sind es wohl auch weiter. Dieser Typus gefällt sich in seiner Rüpelhaftigkeit, alles nur Spaß, bisschen zynisch, aber so sind Männer halt. Lange wurde das als Trash-Vergnügen gefeiert oder als ironische Brechung verbrämt. Ist das nun vorbei?
Gesellschaftlicher Wandel findet Debatte um Debatte um Debatte statt. Und es ist zu trennen zwischen schlechtem Geschmack, sexistischem Humor und kriminellem Handeln. Doch werden Frauen immer genauer hinsehen und hinhören. ProSiebenSat.1/joyn hat die Serie „Jerks“, die auch für „Bro“-Humor und Männlichkeitsgehabe steht, nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Ulmen aus der Mediathek genommen. Die DVDs werden zu Höchstpreisen gehandelt.
