Der Aufstieg des Cem Özdemir: Das anatolisch-schwäbische Arbeiterkind
Der Aufstieg des Cem Özdemir Das anatolisch-schwäbische Arbeiterkind
Düsseldorf · Baden-Württemberg bekommt aller Voraussicht nach den ersten Ministerpräsidenten mit türkischen Wurzeln. Das ist ein Einschnitt, zweifellos. Dahinter droht aber eine andere Erfolgsgeschichte zu verblassen: die des Aufstiegs aus kleinen Verhältnissen.
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Cem Özdemir am Montag nach der Landtagswahl in Stuttgart.
Nun hat er es also geschafft. Cem Özdemir wird aller Voraussicht nach Ministerpräsident von Baden-Württemberg – erster Regierungschef mit türkischen Wurzeln in einem deutschen Bundesland. Das ist bereits am Wahlsonntag weithin und wiederholt festgestellt worden, und es ist in der Tat ein Einschnitt in der Mentalitätsgeschichte einer Republik, die sich jahrzehntelang gegen die Zuschreibung als Einwanderungsland gesträubt hat.
Auch diese gläserne Decke ist nun durchstoßen – 33 Jahre nach der ersten Ministerpräsidentin (Heide Simonis in Schleswig-Holstein), 25 Jahre nach dem ersten offen schwulen Regierungschef (Klaus Wowereit in Berlin), gut vier Jahre nach dem ersten Bundesminister mit türkischen Wurzeln (ebenfalls Cem Özdemir). Es hat erstaunlich lange gedauert, wenn man die Geschichte der Bundesrepublik mit ihrer millionenfachen Einwanderung betrachtet.
Definition Das Statistische Bundesamt fasst unter Menschen mit Migrationshintergrund „zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländerinnen und Ausländer, zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, (Spät-) Aussiedlerinnen und (Spät-) Aussiedler sowie die als Deutsche geborenen Nachkommen dieser Gruppen“.
Zahlen Darunter fielen 2024 in Deutschland rund 25,2 Millionen Menschen: 30 Prozent der Bevölkerung. Am höchsten war der Anteil mit 45 Prozent in Bremen, am niedrigsten mit elf Prozent in Mecklenburg-Vorpommern. In NRW lag er bei 32 Prozent.
Cem Özdemir hat Migrationshintergrund, wie die amtliche Bezeichnung lautet: ein bisschen umständlich, typisch deutsche Sprache eben, ein bisschen wenig greifbar auch; aber auch die etwas freundlicher klingende Zuwanderungsgeschichte ist kein Glanzstück des Wortschatzes. Was die Definition sagen soll: Die betreffende Person selbst oder mindestens ein Elternteil ist nicht mit deutscher Staatsbürgerschaft geboren.
Özdemir wird damit nicht der erste Ministerpräsident mit Migrationshintergrund; das war David McAllister (CDU), der Niedersachsen von 2010 bis 2013 regierte – als Sohn eines Briten in Armeediensten. Das aber fiel jenseits des Namens selten auf, und wenn doch, dann eher folkloristisch, weil McAllister schon mal im Schottenrock auftrat, sich ansonsten aber entschlossen dem deutschen Brauchtum in die Arme warf, etwa als Schützenkönig im heimischen Bad Bederkesa.
Der Erste aus einem „Gastarbeiter“-Land
Den Neuen in Baden-Württemberg dürften deshalb viele aus dem Bauch heraus als ersten „richtigen“ Migrations-MP bezeichnen – was bedeutet: mit familiären Wurzeln in einem der Länder, aus denen die Bundesrepublik ab 1955 sogenannte Gastarbeiter anwarb. Dass es türkische Wurzeln sind, ist nur folgerichtig, weil die Türken die größte Gruppe der Arbeitsmigranten waren, und dürfte Özdemirs „Migrationshintergrundfeeling“ noch verstärken, weil seine Eltern aus einem islamisch geprägten Land stammen. Das macht, man sollte angesichts der verbreiteten Vorbehalte gegenüber Muslimen nicht darum herumreden, den Einschnitt für viele gefühlt noch einmal tiefer.
Einerseits. Andererseits ist Özdemir nun wirklich, man verzeihe die grobe Zuschreibung, der deutscheste Türke, den man sich vorstellen kann: Oberrealo seiner Partei, jeder Wokeness-Übertreibung unverdächtig, Vertreter eines säkularen Islam, leicht bis mittelschwer schwäbelnd (deutlich weniger allerdings als sein geradezu offensiv württembergischer Kontrahent Manuel Hagel).
All das dürfte zu seinen persönlichen Sympathiewerten auch in konservativen Milieus beigetragen haben. „Wer Kretschmann wählt, bekommt Özdemir“, plakatierte die Junge Union im Südwesten 2016. Das ist heute als Drohung nicht mehr vermittelbar.
Historisch, das nur nebenbei, ist es fast überraschend, dass die alte Multikulti-Partei der Grünen den ersten türkischstämmigen Ministerpräsidenten stellt – nicht selten sind eher untypische Besetzungen bahnbrechend, etwa der urkonservative Winfried Kretschmann als erster Regierungschef der doch immer noch eher linken Grünen oder die ostdeutsche Protestantin Angela Merkel als Bundeskanzlerin der westdeutsch-katholisch geprägten CDU.
Die ersten Kopftücher
Özdemir, geboren 1965 in Bad Urach auf der Alb, im tiefsten Württemberg, versteht es, die Vorurteile gegen seine Herkunft zu ironisieren. Die ersten Kopftücher habe er daheim gesehen, bei den schwäbischen Bäuerinnen, hat er einmal gesagt. Türkisch sprach er nach eigenen Angaben lange nur gebrochen, sich selbst nennt er einen „anatolischen Schwaben“. Seine Heimatliebe betont er, und Brauchtum kann er auch, etwa in der Fasnet. Fazit, Özdemir über Özdemir: „Ich bin gut zu Fuß, aber nicht eingewandert.“
Dass es dieser ganz und gar nicht sperrige Typ ist, der diese Wegmarke als Erster erreicht hat, überrascht also nicht – Özdemir ist, zugespitzt gesagt, selbst für Ausländerfeinde anschlussfähig. Die ganze Geschichte wäre aber nicht vollständig, bliebe man hier stehen: bei der geografischen Herkunft. Die soziale Herkunft ist die andere Seite der Medaille.
Özdemir hat sich im Wahlkampf gern und offenbar erfolgreich als Mann aus kleinen Verhältnissen dargestellt: Vater Fabrikarbeiter, Mutter Schneiderin, der Sohn (Einzelkind) Problemschüler mit Mittlerer Reife und Erzieher-Ausbildung, später Fachhochschulreife auf dem Zweiten Bildungsweg. Es ist eine klassische Erfolgsgeschichte in der zweiten Generation. Eine, in der die bundesdeutsche Bildungsgesellschaft ihr Aufstiegsversprechen gehalten hat – was nur durch den Ehrgeiz der Aufsteiger möglich war.
Respekt, Pflicht, Heimat
Özdemirs Geschichte ist die einer Familie, der, wie man so sagt, „nichts geschenkt“ wurde. Das würden viele Deutsche und vermutlich auch viele deutsche Spitzenpolitiker für sich ebenso in Anspruch nehmen – aber es ist eben ein Unterschied, ob man schon seit Jahr und Tag zu der Gesellschaft gehört, in der man aufsteigen will, oder ob man als fremder Neuling dazukommt und erst einmal eine Hürde des Misstrauens zu überwinden hat. Am ehesten dürften noch die Familien der Vertriebenen nach 1945 diese Empfindung teilen – auch die waren zwar nötig, um den deutschen Wohlstand zu sichern, aber deshalb noch keineswegs willkommen.
2021, als seine Mutter Nihal mit 88 Jahren starb, postete Cem Özdemir einen langen Nachruf auf Facebook. Darin kamen Wörter wie Liebe, Mut, Stolz vor, es ging um Süßigkeiten und Fernsehen, aber eben auch um Respekt, Pflicht, Heimat, kurz: um das, was das bürokratische Wort Integration fassen soll. Es ging um soziales ebenso wie um politisches und kulturelles Dazugehören – und darum, dass die Vielen auch wollen müssen, dass die Wenigen dazugehören.
Normal, im Sinne von: nicht der Rede wert, ist die kulturelle Vielfalt in Deutschland noch längst nicht, anders übrigens als in den USA. Und wer Bildungsstudien liest, die reihenweise die Abhängigkeit des Schulerfolgs vom Einkommen des Elternhauses feststellen, dem drängt sich der Schluss auf, dass es auch zur sozialen Durchlässigkeit noch ein langer Weg ist. Nicht nur für anatolische Schwaben, sondern für alle Arbeiterkinder.
