Methoden im Wahlkampf: War der Rehaugen-Post wirklich eine Schmutzkampagne der Grünen?
Methoden im Wahlkampf War der Rehaugen-Post wirklich eine Schmutzkampagne der Grünen?
Meinung · Die Grünen-Abgeordnete Zoe Mayer hat mit einem Interview-Ausschnitt großen Einfluss auf den Wahlkampf in Baden-Württemberg genommen. Das wird ihr nun vorgeworfen. Zu Recht?
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Zoe Mayer (Bündnis 90/ Die Grünen) spricht im Bundestag über Tierhaltung.
Nun sind sich viele einig, dass ein acht Jahre alter Interview-Ausschnitt die Wahl in Baden-Württemberg entschieden habe. Gemeint ist der Einstieg in ein Interview, das der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel einem lokalen Fernsehsender 2018 gegeben hat. Er erzählt da von einem Besuch in einer Schulklasse, bei dem ihm eine Schülerin aufgefallen sei – nicht wegen ihrer Frage, sondern wegen ihres Aussehens. Die jovial-sexistische Art, mit der Hagel von der jungen Frau schwärmt, ist schwer erträglich.
Das galt schon damals. Die MeToo-Debatte begann ein Jahr zuvor. Allerdings zeigt das Befremden heute auch, dass sich in den vergangenen Jahren doch etwas bewegt hat in der Sensibilisierung gegenüber sexistischer Sprache und Diskriminierung von Frauen. Hagel hat sich von seinen Aussagen distanziert, und damit wäre die Sache wohl erledigt gewesen. Doch der Schnipsel traf auf den Wahlkampf. Verbreitet von der jungen Grünen Bundestagsabgeordneten Zoe Mayer. Und die wird nun angefeindet. Schmutzkampagne lautet der Vorwurf.
Was für eine Kampagne spricht
Tatsächlich sprechen zwei Dinge an Mayers Post für den Kampagnen-Vorwurf. Was übrigens nicht gleich Schmutz-Kampagne bedeutet, Hagel wurde schließlich mit seinen eigenen Worten geschlagen, nicht mit Schmutz oder gar Unwahrheiten über seine Person. Doch das Alter des Interviewbrockens und der Zeitpunkt der Veröffentlichung sind bemerkenswert. Wäre es Zoe Mayer tatsächlich nur darum gegangen, eine Debatte über Sexismus in der Politik anzustoßen, wie sie beteuert, hätte sie sich auf die Gegenwart beziehen sollen. Hagel spricht heute anders, ob er auch anders denkt, kann man nicht wissen. Aber einem Politiker Äußerungen aus einer anderen Zeit vorzuhalten, hat ein Geschmäckle.
Dass Mayer den Post in der Hochphase des Wahlkampfs absetzte, zeigt ebenfalls, dass es ihr nicht nur um das Thema ging. Sie hat den Höhepunkt an Aufmerksamkeit für einen Kandidaten in Baden-Württemberg genutzt, um einen Punkt zu machen: gegen Sexismus, aber auch gegen den Kandidaten einer gegnerischen Partei. Nun so zu tun, als habe es kein Kalkül gegeben, ist unglaubwürdig.
Video sagt auch heute viel über Umgang mit jungen Frauen aus
Dass der Post so verfangen konnte, ist allerdings nicht der Absenderin anzulasten. Wäre Sexismus heute kein Thema mehr, hätte der Interviewausschnitt kaum interessiert. Aber es ging dann eben doch die Debatte los, ob es denn so schlimm sei, von einer Schülerin zu schwärmen. Hagels Verteidigungsversuch mit der Aussage, seine Frau habe ihm für seine Worte „den Kopf gewaschen“, schiebt zudem schon wieder eine Frau vor. Es sollte wohl auch heißen, das Interview sei ein unbedarfter Ausrutscher gewesen. Doch Hagel war 29, Landtagsabgeordneter, als er das Interview gab, und fand offenbar nichts dabei, an einem inszenierten Stammtisch über Schülerinnen zu reden, als seien sie Objekte zum Gefallen der Männer.
Doch darüber wird nun nicht mehr gesprochen, sondern nur noch darüber, ob eine junge Politikerin sich herausnehmen durfte, sich öffentlich über das Gesagte zu empören. Insofern offenbart der Post nun nachträglich doch einiges – über den tatsächlichen Stand des Umgangs mit jungen Frauen in der Politik.
