Machst du noch Party oder übst du schon Achtsamkeit? Unser Kolumnist im Clash der Generationen
Machst du noch Party oder übst du schon Achtsamkeit? Unser Kolumnist im Clash der Generationen
Lee Aspinall analysiert nach seiner Schicht in der Oltner Vario Bar die Unterschiede zwischen den Generationen. Die einen feiern noch heute bis zum Umfallen, die anderen gehen lieber wandern und wollen die Welt retten.
Die letzte Runde im Vario ist durch, meine neue Playlist hat funktioniert, die Gäste waren wild am Feiern. Das Adrenalin zieht sich zurück wie das Meer nach dem Sturm. Eine innere Ruhe kehrt ein. Ich setze mich auf einen unserer Bänke – tagsüber ein ergonomisches Verbrechen aus Pressholz – jetzt ein Thron für den müden Krieger.
Fünf Stunden Schicht. Früher war das ein Warm-up. Heute ist es ein Halbmarathon in Lederschuhen.
Vermisst die Generation Z: Vario Bar in Olten.
«Wochenende» – der grösste Marketing-Gag meiner Jugend. Die Woche war nie zu Ende, höchstens eine Anlaufbahn für zwei Tage Kontrollverlust mit poetischer Selbstüberschätzung. Fünf Tage Intro, zwei Tage Hauptfilm. 96 Stunden Geschichten, Tanzen und Abenteuer. Ohne Schlaf, ohne Plan. Montag war früher Erholung. Heute ist Montag Mobilisation und Bandscheiben-Yoga statt Afterhour.
Mein letzter Drink, ein Disco-Mate, schmeckt nach Überlebensstrategie und ist voll Generation Z. Ich hoffe, dass er mich noch bis nach Hause trägt wie ein letzter DJ-Beat. Das «Tschinscher-Schöttli» predigt: Du hättest mehr schlafen sollen.
Die Müdigkeit kommt nicht mehr schleichend. Sie steht vor der Tür mit Aktenkoffer: «Du wirst älter. Bitte unterschreiben.»
Und ich unterschreibe. Nicht widerwillig. Eher mit diesem wissenden Lächeln eines Mannes, der verstanden hat, dass Unsterblichkeit ein Werbeversprechen war.
Kolumnist Lee Aspinall.
Eigentlich ist sie schön, diese Müdigkeit. Ehrlich. Sie sagt: Du hast geliefert. Und doch sticht es kurz, wenn du merkst, dass dein Körper längst einen Vorsorgeplan hat, während dein Herz noch denkt, es sei 28.
Apropos 28 und jünger …
Der erste Mitarbeiter aus der Generation Z verliess die Bar vor Mitternacht. Nicht wegen der Sperrstunde, sondern wegen Selbstfürsorge. Seit neun Uhr leicht nervös, das Handy in der Hand wie ein Beatmungsgerät für die Aufmerksamkeit, als würde er mit jedem Wisch die Welt retten. Dann die Offenbarung: Morgen wandern. Früh. Regeneration. Work-Life-Balance.
60 Prozent Pensum, 100 Prozent Achtsamkeit und trotzdem chronisch erschöpft vom Leben. Das Fitnessarmband vibriert alle 30 Sekunden, Stresslevel 5 von 10. Er hat Angst, dass sein Chakra nicht genug Schritte bekommt. Ein Band, das die Existenzzweifel manifestiert.
In seinem Alter war meine Work-Life-Balance ein Gerücht. Regeneration bedeutete, am Sonntag irgendwann die Augen zu öffnen und zu hoffen, dass die Welt noch steht. Wir hatten kein Tracking. Wir hatten Geschichten. Und waren bei denen immerhin live dabei.
Heute trackt man Schlafphasen. Wir trackten nur, wer noch steht – und assen vielleicht um vier Uhr morgens einen Döner als medizinische Sofortmassnahme.
Generation Z nennt das «toxisches Verhalten».
Wir nannten es Wochenende.
Und so stehen sie am Samstag um sieben Uhr auf, trinken Hafermilch-Latte und laufen freiwillig einen Hügel hoch, um «sich zu erden». Danach posten sie ein Foto davon, damit die Erde auch weiss, dass sie geerdet wurden.
Wir hatten Stress, weil wir nicht wussten, wo wir um drei Uhr morgens gelandet sind.
Früher haben wir uns auch geerdet – meistens unfreiwillig auf irgendeinem Trottoir nach der dritten Bar.
Generation X. Aufgewachsen zwischen Kassettenbandsalat und MTV. Zu jung für die Boomer-Ruhe, zu alt für TikTok-Therapie. Wir sind nicht mehr die Jungen, aber noch nicht die Alten. Wir sind im Sandwich dazwischen. Mit Bandscheibenvorfall und dem Wissen, dass Freiheit Planung braucht.
In Olten ist um drei Uhr morgens nur noch unterwegs, wer Schicht arbeitet – oder eine Legende ist. Früher wollten wir Legenden sein. Heute reicht es, am nächsten Tag funktionstüchtig zu sein.
Jede Generation hat ihre Müdigkeit. Die einen vom Zuviel, die anderen vom Zuwenig. Die einen sparen Energie für die Wanderung am Morgen, die anderen für die Hypothek. Wir sparen auf Lesebrillen, die uns das Leben wieder scharfstellen.
Älterwerden ist kein Verlust, sondern ein Upgrade. FOMO gegen «Ich war schon dort». Unverwundbarkeit gegen Gelassenheit.
Ich nehme den letzten Schluck. Und für einen kurzen Moment fliesst die Jugend durch meine Adern.
Na gut. Heute bin ich doch wieder der Letzte.
Und es fühlt sich verdammt richtig an.
Lee Aspinall ist Barkeeper in Olten und Leiter Sponsoring, Messen und Events bei den Elektrizitätswerken des Kantons Zürich.
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