Von den Indern lernen
This is what decolonization looks like – so sieht Entkolonisierung aus. Dieser Satz war in den vergangenen zwei Jahren des Öfteren zu hören, vor allem in Diskussionen über palästinensische Gewalt und die Verbrechen an israelischen Zivilisten am 7. Oktober. Dass Kolonisierte, die einem mörderischen Unterdrückungssystem ausgeliefert sind, auch in ganz anderen historischen Kontexten zu grauenvollen Mitteln griffen, ist tatsächlich nicht zu leugnen. Ob diese Gewalt ihrem Befreiungskampf stets förderlich war, ist eine andere Frage.
So findet das Maß an Brutalität, das die indischen Rebellen von 1857 gegen die Herrschaft der Britischen East India Company richteten, kaum einen Vergleich in der Geschichte antikolonialer Kämpfe. Was als Meuterei indischer Berufssoldaten (Sepoys) begann – ausgelöst durch das Gerücht, ihre Gewehrpatronen seien mit Rinder- und Schweinefett geschmiert und verletzten damit Hindus wie Muslime in ihrer religiösen Empfindung – weitete sich schnell zu einem Volksaufstand in großen Teilen Nordindiens aus. Sogar Delhi fiel damals für mehrere Monate in die Hände der Aufständischen.
Dabei waren nicht nur die britischen Offiziere Ziel der Gewalt, sondern auch ihre Frauen und Kinder. Am schlimmsten traf es Kanpur: Eine britische Garnison kapitulierte unter dem Versprechen, entwaffnet abziehen zu dürfen. Als mehrere Hundert Evakuierte die bereitgestellten Boote auf dem Ganges bestiegen, wurden sie von allen Seiten beschossen. Die rund 200 Überlebenden – fast ausschließlich Frauen und Kinder – hielt man wochenlang gefangen, bevor sie mit Messern abgeschlachtet wurden. Auch in anderen Städten wurden britische Familien in ihren Häusern aufgespürt und getötet. Säuglinge wurden nicht verschont.
Der indische Nationalismus feiert Netanjahu, Modi, Hitler und Trump gleichermaßen als starke Führer.
Der indische Nationalismus feiert Netanjahu, Modi, Hitler und Trump gleichermaßen als starke Führer.
Der in London ansässige Korrespondent der »New York Daily Tribune«, Karl Marx, erkannte hinter dem Aufstand – trotz seiner widersprüchlichen Motivationen – eine legitime nationale Erhebung und kontextualisierte die Gewalttaten gegen Zivilisten mit der Realität kolonialer Repression: »Die Verbrechen der aufständischen Sepoys sind in der Tat erschreckend«, sie seien aber »nur das konzentrierte Spiegelbild von Englands eigenem Treiben in Indien«, schrieb er in einem Beitrag für die amerikanische Zeitung.
Die Antwort des Empire war hingegen keine Reflexion darüber, wie sein eigenes Verhalten seine Kolonisierten zu solchen Gräueltaten getrieben hatte. Ganz im Gegenteil – die englische Reaktion nahm unter dem Schlachtruf »Erinnert euch an Kanpur« genozidale Ausmaße an. Delhi und Lucknow wurden weitgehend zerstört, Hunderttausende Inder auf grausame Weise massakriert – noch mehr starben in den folgenden Hungersnöten.
Yossi Bartal ist seit 2006 ein begeisterter Wahl-Neuköllner. Aufgewachsen in West-Jerusalem lernte er früh, dass Selbsthass die edelste Form des Hasses ist. Mit einer gesunden Dosis Skepsis gegenüber Staat und Gesetz schreibt er für nd.Digital jeden dritten Montag im Monat über Parallelgesellschaften, (Ersatz-) Nationalismus und den Kampf für eine bessere Welt.
Die Rebellion, die im heutigen Indien als »Erster Unabhängigkeitskrieg« gefeiert wird, führte auch keineswegs zur Befreiung. Die East India Company wurde zwar aufgelöst und die Kontrolle der britischen Regierung übertragen – an der Ausbeutung des Subkontinents änderte das aber wenig. Kein Überlebender der Ereignisse erlebte die tatsächliche Unabhängigkeit erst 90 Jahre später. Trotzdem beziehen sich indische Politiker immer wieder positiv auf diese historische Episode. So zuletzt auch Premierminister Narendra Modi, der »all jenen, die an den Ereignissen von 1857 beteiligt waren, Tribut für ihren außerordentlichen Mut« zollte.
Dass das auf sein antikoloniales Erbe stolze Indien heute eine ganz andere Rolle spielt, wenn es um gegenwärtige Kolonialverhältnisse geht, zeigte Modis Besuch in Israel letzten Monat – nur Tage, bevor Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump ihren völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran begannen. In seiner Rede vor der Knesset erklärte Modi Indiens volle Unterstützung für Israel und erinnerte an die Opfer des Hamas-Überfalls vom 7. Oktober 2023. »Kein Ziel rechtfertigt den Mord an Zivilisten«, sagte er vor den versammelten Abgeordneten – mit Blick auf israelische, aber nicht palästinensische Opfer. Denn der hindunationalistische Politiker, der in der Vergangenheit zu Pogromen gegen Muslime aufgehetzt hat, sieht in der Partnerschaft mit Israel nicht nur ökonomischen, sondern auch ideologischen Nutzen für seinen Kampf gegen die Minderheiten im eigenen Land.
Dass diese indische Israel-Liebe sich doch ganz anders artikuliert als ihre deutsche Variante, durfte ich erleben, als ich mit meinem deutschen Pass in Indien unterwegs war; ganz zufällig während Modis Jerusalem-Besuch. In beiläufigen Gesprächen mit Fremden in Bars und Läden erlebte ich wie nie zuvor positive Äußerungen über Hitler und das Dritte Reich. Eine besondere Rolle spielte in diesen Unterhaltungen Subhas Chandra Bose – ein bengalischer Freiheitskämpfer, der während des Kriegs mit den Nazis kollaborierte und heute von Modi als eigentlicher Befreier Indiens verehrt wird, im Gegensatz zu Gandhi, der bei den Hindunationalisten verhasst ist. Dass Bose ein säkularer Sozialist war – wenn auch mit autoritären Zügen – und seine Indian National Army gegen die Briten kläglich scheiterte, gerät dabei in Vergessenheit. Sein gewaltsamer Weg, auch an der Seite faschistischer Mächte, passt zum militaristischen Zeitgeist hingegen viel besser als die als schwach empfundene Gewaltlosigkeit Gandhis und Nehrus.
Was lehrt uns dieser Irrweg des indischen Nationalismus, der Netanjahu, Modi, Hitler und Trump gleichermaßen als starke Führer feiert? Vielleicht dies: Die Glorifizierung von Gewalt als einziges Befreiungsmittel ist nicht nur historisch falsch – sie schafft häufig auch jene Bedingungen, unter denen eine emanzipatorische Gesellschaft unmöglich bleibt. Gandhi, den Modi so gerne beiseiteschiebt, wusste es bereits 1925: »Das Gute, das Gewalt zu bewirken scheint, ist nur vorübergehend – das Böse, das sie anrichtet, ist dauerhaft.« Das gilt auch heute noch, und zwar auf allen Seiten der Kolonialgrenze.
