Ungerechtigkeit in Deutschland: Raum für solidarische Politik
Der ARD-Deutschland-Trend von Februar ließ aufhorchen: 62 Prozent der Befragten sind der Meinung, »dass es in Deutschland alles in allem eher ungerecht zugeht«. Das ist der höchste Wert seit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008. Die Frage nach den Ursachen wachsender Ungerechtigkeit beantworten mit Abstand die meisten (35 Prozent) mit Verweis auf »große soziale Unterschiede bzw. die Schere zwischen Arm und Reich« – eine Steigerung um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Offenkundig lässt sich diese seit Langem wachsende Kluft, die weitgehend parallel zur Spaltungslinie zwischen Kapital und Arbeit verläuft, immer schwerer ignorieren.
Die Versuche der schwarz-roten Bundesregierung, Keile zwischen arbeitende Menschen zu treiben, verfangen hingegen weniger als noch vor einem Jahr: Die »Bevorzugung von Ausländern/Asylbewerbern« bemängeln gerade einmal neun Prozent – das ist trotz aller regierungsamtlichen Gewaltphantasien in der Migrationspolitik ein Rückgang um zwei Prozentpunkte. Und obwohl seit Sommer zum Sturm auf das Bürgergeld geblasen wird, empfinden schlappe acht Prozent einen »zu geringen Abstand zwischen Lohn- und Sozialleistungsniveaus« als ungerecht (Rückgang um fünf Punkte).
Das Recht auf Teilzeit einzuschränken, Beschäftigte mit Sorgeverpflichtung oder in Weiterbildung zu drangsalieren, halten zwei Drittel für falsch – die Empörung über »Lifestyle-Teilzeit« beschränkt sich demnach auf die grauen Männer der CDU-Wirtschaftsunion. Etwa genauso stark wird die Abschaffung der »Rente ab 63« abgelehnt. 94 Prozent sind hingegen für die »Verbesserung des öffentlichen Angebots für Pflege und Kinderbetreuung«. Dass die Schuldenbremse die öffentlichen Kassen austrocknet, während Milliarden in Rüstung gepumpt werden, gilt nach wie vor nicht als »normal«.
Nicole Mayer-Ahuja ist Professorin für die Soziologie von Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Universität Göttingen. Sie forscht zu Veränderungen der Arbeitswelt, auch in transnationaler Perspektive. Außerhalb der Wissenschaft ist sie linken Gewerkschafter*innen seit Langem bekannt, eine breite Öffentlichkeit erreichte sie 2021 mit ihrem Sammelband »Verkannte Leistungsträger:innen« über Fahrradkuriere, Altenpflegerinnen oder Erntehelfer, den sie zusammen mit dem Soziologen Oliver Nachtwey herausgegeben hat. Mayer-Ahuja ist die erste Akademikerin in ihrer Familie. Aktuell untersucht sie Dynamiken von Arbeit in der Klassengesellschaft. Kapitalismus beruht auf Differenz und Konkurrenz - das prägt auch die Beziehungen zwischen Kolleg*innen, den Geschlechtern oder Einheimischen und Migrant*innen. Was bringt die Arbeitenden auseinander? Und welche gemeinsamen Erfahrungen mit Lohnarbeit lassen sich trotz alledem für eine solidarische Politik nutzen, die dazu beiträgt, dass das Verbindende (zeitweise) schwerer wiegt als das Trennende? Ihr neues Buch »Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet - und wie es anders gehen kann« erscheint am 18. September bei C.H. Beck. Weitere Infos zu ihrer Arbeit finden sich auf ihrer Homepage.
Gerechtigkeit ist kompliziert. Der französische Soziologe François Dubet betont, dass es dabei um Werte geht, die schwer vereinbar sind: Gleichheit, Leistung und Autonomie. Was heißt das für eine gerechte Politik der Arbeit?
Sie muss gegen die ungleiche Verteilung gesellschaftlichen Reichtums angehen (etwa durch Vermögens-, Erbschafts- oder Kapitalertragssteuern). Sie braucht einen emanzipatorischen Begriff von »Leistung«, der nicht Konkurrenz und Hass auf vermeintliche »Faulenzer und Sozialschmarotzer« schürt, sondern Widerstand gegen Managementpraktiken und Regierungspolitik ermöglicht, durch die Arbeitsleistung sich immer weniger in Anerkennung, Existenzsicherung und Zukunftsperspektiven niederschlägt. »Autonomie« als Chance, Einfluss auf das eigene Leben zu nehmen, ist schließlich das Gegengift zu Margret Thatchers Devise »Es gibt keine Alternative«, die Ohnmacht schafft, weil angeblich überall Sachzwänge walten, gegen die nichts zu machen sei.
Wie eine gerechte Politik der Arbeit aussehen kann, müssen wir diskutieren – und zwar dringend. Die Erfahrung, ungerecht behandelt und politisch missachtet zu werden, kann rechten Chauvinismus nähren, der Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf die Spitze treibt. Die darin liegenden Klassenerfahrungen schaffen jedoch auch Raum für solidarische Politik. Füllen wir ihn endlich aus.
