Israel: Aufruf zum Landraub
Die Worte des US-Botschafters in Israel waren kein Ausrutscher. Mike Huckabee hat in einem Interview nur das ausgesprochen, was in den Hinterzimmern extremistischer und fundamentalchristlicher Kreise in Israels und der US-Regierung vorgekaut wird. Für Regierungen in Washington ist und bleibt Israel der Anker und Garant westlicher, also US-amerikanischer Dominanz im Nahen und Mittleren Osten.
Aus dieser Perspektive ist der Wunsch folgerichtig, der israelische Staat möge sein Staatsgebiet ausweiten. Nach der von US-Botschafter Huckabee zitierten biblischen Verheißung geht es um das Land zwischen dem Euphrat im Irak und dem Nil in Ägypten. Dazu gehören Syrien, der Libanon, Jordanien, Teile des Iraks, Ägyptens und Saudi-Arabiens. »Es wäre in Ordnung, wenn Israel alles nehmen würde«, meint Huckabee nonchalant. Wen kümmert’s, dass dort Menschen leben, die nicht danach gefragt werden, was sie sich wünschen.
Der in biblische Prophezeiungen gekleidete neo-imperialistische Hegemonie-Anspruch verrät einiges darüber, wie in den USA außenpolitische Ziele formuliert werden – offensichtlich aus religiös begründeten Rechtfertigungen heraus. Da ist man Bruder im Geiste mit den extrem Rechten in der israelischen Regierung. Herauslesen lässt sich aus den Äußerungen des Botschafters auch ein kulturell begründeter Überlegenheitsanspruch, der die Politik von US-Regierungen in der Region leitet: Den aus Sicht der US-Amerikaner und Israelis zivilisatorisch zurückgebliebenen muslimischen Arabern würde es unter israelischer Herrschaft mutmaßlich besser gehen.
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Der ehemalige Baptistenprediger Mike Huckabee glaubt genau zu wissen, wovon er redet, wenn er sich zum Nahen Osten und Israel auslässt. Als 17-Jähriger reiste er über Griechenland und Syrien nach Israel, war offenbar tief beeindruckt von dem, was er dort erlebte. So beeindruckt, dass er heute als Radikal-Apologet der großisraelischen Hegemonial-Idee auftritt. Er lehnt die Zweistaatenlösung kategorisch ab und meint, dass ein »aggressives Interesse daran bestehen müsse, Juden aus aller Welt in die Heimat zu bringen«, um zu verhindern, dass israelische Juden in einem Staat eine Minderheit bilden.
Den 17-jährigen Reisenden zog es seinerzeit auch an den Fluss Jordan, wo er ein besonderes Erweckungserlebnis schildert. Seine Worte gab das US-Magazin »Politicon« so wieder: »Wir wollten eigentlich die Taufstelle Jesu sehen, und stattdessen sahen wir diese wunderschönen israelischen Mädchen in Bikinis, die sich freizügig präsentierten und flirteten.«
Auch wenn Huckabee seine Äußerungen inzwischen relativiert und teilweise zurückgezogen hat, ist der diplomatische Schaden bereits entstanden. Saudi-Arabien bezeichnete die Äußerungen des US-Diplomaten als »leichtfertig« und »unverantwortlich«, Jordanien sprach von einem »Angriff auf die Souveränität der Länder in der Region«. Irans Außenminister Abbas Araghtschi warf den USA eine »aktive Komplizenschaft« in »expansionistischen Angriffskriegen« Israels vor. Aus Europa hört man dagegen nichts, als sei der Aufruf zu Landraub und territorialer Expansion eine völkerrechtliche Petitesse, die der Widerrede nicht wert sei.
