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Longevity – wenn das Leben zur Dauerbaustelle wird

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04.04.2026

Longevity – wenn das Leben zur Dauerbaustelle wird

Von Dorothee Maria Winkler, Berner Fachhochschule

Zwischen Fitnessuhr, Proteinshake und Selbstoptimierung verkommt das Altern zur gesellschaftlichen Managementaufgabe.

A smiling woman pours a freshly blended green smoothie from a pitcher into a portable bottle. The morning routine, health, and a plant-based lifestyle.

Während Sport oder Wellness früher als Hobby galten, etwas, dem man aus Freude nachging, wenn Zeit und Lust es erlaubten, haben sie unter dem Schlagwort Longevity eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Longevity bezeichnet das Bestreben, Leben und Gesundheit möglichst lange zu erhalten, weniger als Geschenk der Natur, vielmehr als persönliches Projekt. Und dieses Projekt nimmt inzwischen Züge einer Vollzeitbeschäftigung an.

Mindestens acht Stunden Schlaf, drei Trainingseinheiten pro Woche, davon zwei Ausdauer, eine Kraft. Intermittierendes Fasten, ausreichend Proteine, ergänzt durch wohltemperierte Rituale wie Saunieren, Eisbaden oder Kryotherapie – das freiwillige Verweilen in einer Kältekammer bei minus 90 Grad. Selbstverständlich alles biomarkerbasiert überwacht, durch Fitnessuhren präzise kontrolliert. Der Körper wird vermessen wie ein Hochleistungsgerät: Abweichungen gelten nicht als Laune des Lebens, sondern als Managementfehler.

Wer an dieser Stelle ausgestiegen ist, weil man von der Hälfte dieser Massnahmen noch nie gehört hat, darf sich beglückwünschen. Sie gehören offenbar noch zu jener schrumpfenden Minderheit, die Alltagsgenuss schätzt: durchzechte Nächte mit Freunden – oder Fremden, die zu Freunden werden –, Diskussionen über Wein, das beste Steak oder die Zigarette nach dem Essen. Der neue Rausch heisst Protein. Kohlenhydrate gelten inzwischen als moralisches Risiko.

Soziologisch betrachtet überrascht diese Entwicklung kaum. Der deutsche Soziologe Ulrich Bröckling beschrieb bereits 2013 das unternehmerische Selbst: den modernen Menschen, der sich selbst wie ein Unternehmen führt. Der eigene Körper wird zur Investition, Gesundheit zur Rendite, Altern zum vermeidbaren Risiko. Man lebt nicht mehr; man managt sich auf der Suche nach ständiger Selbstoptimierung. Und wer scheitert, hat offenbar falsch geplant.

Natürlich hat diese Entwicklung ihre Profiteure: Wellnesscoaches, Fitnessinfluencer, Ärzteteams, wodurch eine milliardenschwere Industrie entstanden ist. Selbst der Staat profitiert mit. Und um ehrlich zu sein: Ich bin selbst Teil dieser Bewegung. Wie könnte ich es nicht sein, wenn das gesamte Umfeld dem gleichen Ideal folgt?

Und doch bleibt eine leise Irritation. Was geht verloren, wenn selbst das Altern zur Optimierungsaufgabe wird? Wenn Genuss als Nachlässigkeit gilt und Zufall als Schwäche? Vielleicht ist Longevity weniger eine medizinische Revolution als eine gesellschaftliche Erzählung – die Hoffnung, dem Leben ein paar Jahre abzuringen, wenn man es nur diszipliniert genug führt. In diesem Sinne konzentriere ich mich nun auf das Aufladen meiner «Body Battery» und begebe mich in meine Ladestation – mein Bett. Gute Nacht. Mir selbst. Und dem Genuss.

In der Kolumne «Soziologischer Standpunkt» äussern sich Soziologinnen und Soziologen zu Gesellschaftsthemen. Quelle: Bröckling, U. (2013). Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform. Suhrkamp Verlag.

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