Leipziger Buchmesse 2026: Zwischen Staatsräson und Kunstfreiheit
Leipziger Buchmesse 2026: Zwischen Staatsräson und Kunstfreiheit
Die Leipziger Buchmesse steht vor der Tür. Ein passender Anlass für Kulturminister Wolfram Weimer, seine autoritäre Keule zu schwingen und die Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises für dieses Jahr abzusagen – Zitat: „Die Regierung will verhindern, dass der Staat mit Steuergeldern Verfassungsfeinde, Antisemiten, Gewaltverherrlicher fördert – so geht verantwortungsvolle Politik.“
Die Leipziger Buchmesse steht vor der Tür. Vom 18. bis zum 22. März wird die Stadt zum Hotspot für Buchinteressierte, Verlage, Buchhandlungen, zahlreiche Autor:innen und Kulturschaffende. Ein passender Anlass für den Kulturminister Wolfram Weimer, der schon damals Chefredakteur der Springer-Tageszeitung Welt war, um seine autoritäre Keule zu schwingen und kurzerhand die Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises für dieses Jahr abzusagen. Dieser Entscheidung ging der nachträgliche Ausschluss von drei linken Buchhandlungen aus der Preisverelihung voraus. Die Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises ist nicht nur ein symbolischer Preis, sondern mit Preisgeldern von bis zu 25.000 Euro versehen, die gerade für kleinere Buchhandlungen sehr relevant sind. Begründet mit der Behauptung, es gäbe „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ über die betreffenden Buchhandlungen. In einer Kolumne aus dem Spiegel vom 12. März heißt es:
Ob bei der Documenta, bei der Berlinale oder nun beim Buchhandlungspreis: Das Problem ist immer das gleiche. Die Regierung will verhindern, dass der Staat mit Steuergeldern Verfassungsfeinde, Antisemiten, Gewaltverherrlicher fördert – so geht verantwortungsvolle Politik.
Ob bei der Documenta, bei der Berlinale oder nun beim Buchhandlungspreis: Das Problem ist immer das gleiche. Die Regierung will verhindern, dass der Staat mit Steuergeldern Verfassungsfeinde, Antisemiten, Gewaltverherrlicher fördert – so geht verantwortungsvolle Politik.
Ist das so? Oder geht es bei Documenta, Berlinale und Buchpreis nicht eher darum, Themen ganz klar (nicht) zu behandeln oder zumindest zu laute Stimmen gegen den Genozid in Gaza zu unterdrücken?
Ein Blick ins Programm der diesjährigen Buchmesse, vor allem in die Lesereihe von „Leipzig liest“, bietet Aufschluss: Kunst- und Meinungsfreiheit, ja! Aber bitte doch nur solange die deutsche Staatsräson gewahrt bleibt, pro-zionistische Autor:innen Teil der Panels sind und jede Form von Kritik an den Handlungen der IDF und Netanjahus als verfassungsfeindlich oder antisemitisch bezeichnet werden. Das Lesefestival sei als zusätzliche Marketingmöglichkeit für die Messeauftritte der Verlage gedacht. Es stehe Austeller:innen offen, auch an dem Leseprogramm teilzunehmen. „Leipzig liest“ ist untrennbar mit der Messe verbunden, doch so bunt und vielfältig, wie sich dieses Format verkaufen will, ist es letztlich nicht.
Das pro-zionistische Ensemble der Buchmesse betritt die Bühne: Nicholas Potter, Jule Nagel, Veronika Kracher oder auch Arye Sharuz Shalicar. Sie alle reichen sich in der bedingungslosen Unterstützung des israelischen Staates fleißig die Hände. Potter und Kracher sind dafür bekannt, unter anderem für das antideutsche Blatt Jungle World zu schreiben und damit ihre diffamierenden Positionen gegenüber der antiimperialistischen Linken kundzutun. Sie sind sich nicht zu schade, ganz in antideutscher Manier, palästinasolidarische Linke als „autoritär“ zu bezeichnen, um sich auf ein moralisches Podest stellen zu können. Veronika Kracher wird im Rahmen von „Leipzig liest“ bei der Buchmesse im Conne Island auftreten.
Jenem Conne Island, dass als antideutsche Kulturstätte Leipzigs bekannt ist und zu einem der ursprünglichen Protestorte der Connewitz-Demo vom 17. Januar 2026 gehörte. Einer Person, der der Protest im Januar unter dem Motto „Antifa heißt Free Palestine“ auch galt, war Jule Nagel. Sie ist Abgeordnete der Partei Die Linke und gibt sich selbst als antifaschistische Aktivistin, vertritt aber schon seit Jahren antideutsche Positionen und verurteilte die palästinasolidarische Demonstration. Auch sie ist als Sprecherin zur Buchmesse geladen. Bei einer Podiumsdiskussion am Freitagmittag darf sie als Expertin am Panel „Die mit dem Ost-West-Überblick“ der Verlage gegen Rechts teilnehmen.
Der leuchtendste Stern des pro-zionistischen Autor:innenhimmels allerdings dürfte Arye Sharuz Shalicar sein. Er tritt am 18. März im Leipziger Westen auf und stellt dort sein Buch „Überlebenskampf“ im Felsenkeller vor. Der Militärsprecher der IDF hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit seinem Buch den Genozid an den Palästinenser:innen zum „Überlebenskampf“ des „jüdischen Volkes“ umzudeuten. Gegen diesen Auftritt hat sich ein breiter Protest formiert, der dem Aufruf vom Palästinaaktionsbündnis Leipzig folgt und auf die Straße geht, um der Genozidpropaganda Shalicars etwas entgegenzusetzen.
Da würde man am liebsten schreien – genau wie es der Buchtitel „Manchmal würde ich gerne schreien“ der jungen Israel-Korrespondentin Steffi Hentschke verspricht. Ihr Buch soll persönliche Erfahrung mit politischer Analyse verbinden und die Entwicklungen vor und nach dem 7. Oktober 2023 beschreiben. Dabei „ringt sie um eine Haltung, die Widersprüche aushalten kann und sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt“.
Im Rahmen von „Leipzig liest“ tritt außerdem Matthias Naumann mit dem Buch „Kinder des Schattens. Israelische Theatertexte zur Shoah seit der Staatsgründung“ in Form einer szenischen Lesung auf. Naumann ist allerdings bekannt dafür, Herausgeber des Buchs „Judenhass im Kunstbetrieb“ zu sein. Schon aus den ersten Seiten des Buches lässt sich entnehmen, dass der Judenhass, den er beschreibt, die Solidarität ist, die zahlreiche Künstler:innen mit Palästina gezeigt haben oder auch das Bennen des Vorgehens als das was er ist: ein Genozid an der palästinensischen Bevölkerung. Der 7. Oktober habe weltweit zu Ausbrüchen von Antisemitismus „insbesondere in als links oder linksliberal geltenden gesellschaftlichen Bereichen (etwa dem Kunstbetrieb und den Universitäten)“ geführt.
Immerhin stehen demgegenüber, dank der linken Verlage, die auf der Leipziger Buchmesse ebenfalls vertreten sein werden, auch Buchvorstellungen, die die Staatsräson kritisieren. So zum Beispiel die Buchvorstellungen von „Staats(räson)funk“ von Fabian Goldmann, dessen Buch im Manifest Verlag erschienen ist und analysiert, welche Methoden bürgerliche Medien bei der Berichterstattung zu Gaza angewandt haben. Laut Beschreibung zeigt das Buch „die Anatomie des Systemversagens irgendwo zwischen Stereotypen, Selbstzensur und Staatsräson“.
Ziel der Buchmesse ist aber auch die Wahrung von „Vielfalt und Dialog“. In dieses humanitäre Format passt die „Liebeserklärung an Gaza“, bei der das im Bonner J.H.W. Dietz-Verlag erschienene Buch „Daybreak in Gaza. Geschichten über Leben und Kultur Palästinas“ vorgestellt wird. In jenem sollen Texte, Gedichte und Kunst aus Gaza gezeigt werden, die sich gegen die Zerstörung und das Vergessen stellen.
Die Leipziger Buchmesse als internationales Kulturevent rief auch schon in den letzten Jahren dazu auf, „die Macht der Worte“ kritisch zu hinterfragen. Auch versteht sie sich als Ort der „gelebten Meinungsfreiheit und gesellschaftlichen Verantwortung“. Wer diese Meinungsfreiheit leben darf, sollte an dieser Stelle bereits klar sein. Die Buchmesse reiht sich neben internationalen Events wie der documenta fifteen und der Berlinale in eine Kulturlandschaft ein, welche eigentlich für die „Freiheit von Kunst und Kultur“ stehen möchte. Doch die Vorkommnisse der letzten Jahre lassen deutlich werden, wie hegemonial diese Projekte doch eigentlich sind und wem diese Freiheit zugestanden wird.
Bei der documenta fifteen im Jahr 2022, die Rassismus, Ausbeutung, Kolonialismus und Unterdrückung thematisierte, zeigte unter anderem Taring Padi das Werk „Peoples Justice“. Der mediale Aufschrei war groß, die Antisemitismusvorwürfe häuften sich, ein großes Verlangen nach Zensur wurde laut. Schlussendlich erfuhren im Rahmen der documenta Palästinenser:innen, pro-palästinensische Aktivist:innen, Schwarze und muslimische Künstler:innen und Kulturschaffende Diskriminierung und wurden gezielt von Medien diskreditiert.
Bei der Berlinale wurden die libanesische Regisseurin Marie-Rose Osta und der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib ausgezeichnet und äußerten sich bei der Preisverleihung kritisch gegenüber Israel und der Komplizenschaft des deutschen Staates am Genozid in Gaza. Dies wurde in den deutschen Medien skandalisiert und Osta und Alkhatib anschließend als antisemitisch diffamiert. An anderer Stelle äußerte sich das Jurymitglied der Berlinale, Wim Wenders, Filmemachen sei das „Gegenteil von Politik“. Damit verklärt er vollständig, was Kunst schon immer war und immer sein wird – und zwar politisch.
Die Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus zieht sich durch die gesamte Darstellung der bürgerlichen Medien, durch die Staatsräson und somit eben auch durch die deutsche Kulturszene und die Leipziger Buchmesse. Es bleibt abzuwarten, ob die zahlreichen kritischen pro-plästinesischen Stimmen und Proteste in Bezug auf die Buchmesse im Nachinein ebenfalls als antisemitisch diskreditiert werden. Überraschend wäre dies bei der pro-zionistischen Ausrichtung der Panels nicht.
Was wir also im diesjährigen Programm und dem Programm von „Leipzig liest“ vorfinden, ist, was wir durch die Kriminalisierung von Protesten und der Verschiebung des Antizionismus zu Antisemitismus schon seit Jahren beobachten können: Das Hochhalten der deutschen Staatsräson gepaart mit der bedingungslosen Unterstützung des Vorgehens Israels. Ein Ort wie die Buchmesse sollte nicht für Genozidpropaganda herhalten. Es ist ein Skandal, dass linke Buchhandlungen von der Verleihung des Buchhandlungspreises ausgeschlossen werden, weil sie „zu links“ seien und damit die autoritäre Hand der Bundesregierung auch noch in dieser Form in Kunst- und Kulturveranstaltungen und Betriebe eingreift.
Ein Lichtblick ist, dass die 115 übrigen Buchhandlungen sich solidarisch mit den drei vom Preis ausgeschlossenen zeigen. Sie haben eine gemeinsame Solidaritätserklärung verfasst und mehr als die Hälfte möchte einen Teil ihres Preisgeldes zur Verfügung stellen, damit die linken Buchhandlungen aus Bremen, Göttingen und Berlin ebenfalls ein Preisgeld erhalten. Die unabhängige Jury des Buchhandlungspreises stellt sich ebenfalls hinter die Solidarität und sie alle fordern den Rücktritt Wolfram Weimers als Kulturstaatsminister. Das Verlagshaus Jacoby & Stuart aus Berlin sagt von sich selbst, einen ähnlichen thematischen Schwerpunkt zu haben, wie eine der ausgeschlossenen Buchhandlungen und fragt: „Wann sind wir dran?“. In Zeiten, in denen ein Regierungsvertreter der Merz-Regierung linke Buchhandlungen ausschließt, mehr als zwei Jahre Völkermord und der Protest dagegen als antisemitisch bezeichnet wird und Kunst- und Kulturkürzungen Millionen einfordern, die stattdessen in innere und äußere Militarisierung gehen, ist das eine sehr berechtigte Frage.
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