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Nolans Odyssee und die Agonie des Völkerrechts

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22.07.2026

Nolans Odyssee und die Agonie des Völkerrechts

Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee ist nicht nur eine beeindruckende technische und schauspielerische Leistung, sie kann uns auch etwas über unsere neue Epoche verraten.

Die Geschichte von Odysseus zehnjähriger Irrfahrt von Troja zurück nach Hause ist eine der ältesten überlieferten literarischen Werke der Menschheit. Wahrscheinlich wurde es um 730 vor unserer Zeit komponiert und eine lange Zeit mündlich weitergegeben, bevor es in Schrift fixiert wurde. Einen einzelnen Autor namens Homer hat es aller Wahrscheinlichkeit nach nie gegeben. Viele verschiedene Künstler haben daran mitgearbeitet. Die Geschichte in all ihrem Witz, ihrer Tragik und ihrer tiefen Reflexion des Verhältnisses des Menschen zu sich und seinen Umständen, hat die Menschheit niemals wieder losgelassen. 

Immer wieder in der Geschichte taucht die Odyssee auf und wird in verschiedener Weise auf die jeweilige geschichtliche Gegenwart bezogen. Platon störte sich in Der Staat an der Unmoral der Götter und empfand Odysseus als schlechtes Vorbild, der zum Sittenverfall der Jugend beitrage. Er kommentierte damit den Verfall der attischen Demokratie, den er in seiner eigenen historischen Gegenwart beobachtete. Dante Alighieri versetzte Odysseus in seiner Göttlichen Komödie in den achten Kreis der Hölle und dichtet zur antiken Geschichte dazu, dass Odysseus aus unbändiger Neugierde und Hochmut vor Gott, statt nach Ithaka zurückzukehren, bis über die Säulen des Herakles bei Gibraltar hinausgefahren war, um zu verstehen, „was die Welt im innersten Zusammenhält.“ Damit drückte Dante seine ambivalente Stellung zum Aufstieg des florentinischen Bürgertums und ihrer im Entstehen begriffenen Ideen der Renaissance aus. Und im 20. Jahrhundert verwendete James Joyce‘ Ulysses die Odyssee allegorisch, um die Irrfahrt des von der Gesellschaft entfremdeten bürgerlichen Individuums durch das nächtliche Dublin und die eigene Psyche zu beschreiben. Das 21. Jahrhundert hat nun mit Christopher Nolans Film seine eigene Interpretation des Mythos gefunden.

Aufstand der Manufaktur gegen die Industrie

Nolan verfolgt mit diesem Film zwei eng zusammenhängende Ziele. Erstens rebelliert der Regisseur, wie schon im Rest seines Werks, gegen den Tod des filmerischen Manufakturwesens durch die Ausbreitung des Artifiziellen, des Digitalen, der KI. Er besteht, indem er sich den Einsatz von CGI-Effekten größtenteils verbietet, auf einer radikalen Selbstbegrenzung. Die Odyssee ist ein handgemachter Film. Die Sets sind gebaut nicht generiert. Gerudert wird noch selbst und das in einem echten Wikingerschiff und auf hoher See. Der Zyklop Polyphem ist eine überlebensgroße Puppe und Circes Verwandlung von Odysseus‘ Mannschaft in Schweine bedient sich klassischer Kameratricks, die schon Alfred Hitchcock so effektiv anzuwenden wusste. All dies macht diesen Film hochgradig körperlich und verleiht ihm eine geradezu rohe Präsenz auf der Leinwand.Nolans Obsession mit dem Analogen trieb ihn in diesem Film weiter als jemals zuvor. Er bestand darauf, dass der Film vollständig mit 70-Millimeter IMAX-Filmkameras gedreht werden sollte. Das gab es in der bisherigen Filmgeschichte noch nie. Denn bisher waren solche Kameras nicht für Nahaufnahmen von Dialogen geeignet, da sie aufgrund ihrer ratternden Lautstärke die Stimmen der Schauspieler:innen übertönten. Dieses Problem löste Nolan mit einer technischen Innovation: er ummantelte die Kameras mit einem 150 kg schweren Stahlsarg, der bis zu 50 Prozent des Lärms schluckte. Jetzt waren die Kameras aber so riesig, dass sie während intimer Dialogszenen nicht länger zwischen den Schauspieler:innen stehen konnten, ohne den Blickkontakt zu versperren. Also richtete Nolan ein System von Spiegeln ein, die es den Schauspieler:innen ermöglichte, am Kameragehäuse vorbei die Augen ihres Gegenübers zu erkennen. Solche Kameras laufen nur jeweils drei Minuten, bevor ihr Magazin ausgewechselt werden muss. Insgesamt 100 Stunden Filmmaterial fingen Nolan und sein Team mit diesen Monstren ein, schnitten es mit der Schere und klebten es mit Klebstoff zum fertigen Film zusammen. 

Nolans technische Selbstbegrenzung mag inzwischen pathologische Ausmaße angenommen haben, aber sie produziert in Odyssee ein so überragendes Bild, dass man sich kaum beschweren kann. Nolans Luddismus passt nebenbei gesagt sehr gut zu den Diskursen, die sich gerade um die Frage der KI entspinnen. Jedoch ist diese Manie wenig demokratisch, denn je nach Geldbeutel kann man unterschiedlich viel vom Film sehen. Normale Kinosäle können das extrem hohe, fast quadratische 70-mm-IMAX-Format nicht darstellen und deshalb werden oben und unten fast die Hälfte des Bildes abgeschnitten. Nur wer tief in die Tasche greift und sich den Film in den 16 deutschen IMAX-Kinos anschaut, bekommt das volle Erlebnis geboten. Will man den Film in seiner höchsten,........

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