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Trump und Iran: Ein Krieg, der die Grenzen amerikanischer Hegemonie offenlegt

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Trump und Iran: Ein Krieg, der die Grenzen amerikanischer Hegemonie offenlegt

Der Krieg im Iran offenbart die Grenzen der amerikanischen Militärmacht und beschleunigt eine tiefgreifende Krise: den Verlust der Fähigkeit, die Weltordnung aufrechtzuerhalten.

Der Krieg gegen den Iran hat Donald Trump in eine beispiellose Situation manövriert. Zum ersten Mal steht er nicht vor einer schnellen, begrenzten Operation, die sich leicht als Sieg präsentieren lässt, sondern vor einem langwierigen, ungewissen Feldzug ohne ein klar ersichtliches strategisches Ziel. Was eigentlich eine Machtdemonstration sein sollte, hat sich somit in eine Falle verwandelt, in der es nicht nur um den Ausgang der Militäroperation geht, sondern um etwas weitaus Grundlegenderes: die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Hegemonie selbst.

Der Krieg, den Trump nicht zu beenden weiß

Das zentrale Problem ist dabei nicht taktisch, sondern politisch. Weder Trump noch Pete Hegseth haben es geschafft zu erklären, wie dieser Krieg enden wird. Vielmehr haben sie es bewusst vermieden, klare Ziele zu setzen, und verlassen sich stattdessen auf die gefährliche Logik, den Sieg zu erklären, sobald es ihnen politisch opportun erscheint. Dieser Ansatz hat im Rahmen begrenzter Militäroperationen funktioniert. Doch angesichts eines Staates, der nicht so einfach zu Fall gebracht werden kann, führt dies in eine Sackgasse. Der Iran ist nicht „in drei Tagen“ zusammengebrochen, und infolgedessen ist der Krieg zu allem geworden, was Trump hasst: langwierig und ohne klaren Weg zum Sieg.

Wie in einem Casino erzeugt diese Eskalation ihre eigene Logik. Je mehr man investiert, desto schwieriger wird es, sich ohne Verluste zurückzuziehen. Das Ergebnis ist eine Dynamik, in der die strategische Logik der unmittelbaren politischen Notwendigkeit, nicht als Verlierer dazustehen, untergeordnet wird.

Die Wiederholung der Fehler, die man eigentlich vermeiden wollte

Trump kam an die Macht mit dem Versprechen, die Fiaskos im Irak und in Afghanistan nicht zu wiederholen. Kein Nation Building, keine endlosen Kriege, keine vagen Ziele. Die US-Armee, befreit von „dummen Einsatzregeln“, sollte nach der Vision von Pete Hegseth überwältigende Gewalt anwenden, um schnelle und entscheidende Ergebnisse zu erzielen.

Doch der eigentliche Kern dieses Ansatzes lag in der bewussten Unklarheit der Ziele. Trump behielt sich vor, diese im laufenden Konflikt neu zu definieren, sodass der Sieg nicht von einer konkreten Veränderung der Lage vor Ort abhing, sondern von einer politischen Entscheidung.

Trumps Ansatz funktionierte bei der Operation Midnight Hammer, der im vergangenen Sommer durchgeführten Kampagne zur Bombardierung iranischer Nuklearanlagen.

Auch bei dem von Trump als „perfekt durchgeführten“ Einsatz zur Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro führte dieser Ansatz zu schnellem Erfolg.

Der Krieg im Iran hat jedoch die strukturelle Schwachstelle dieses Schemas offenbart. Wenn es um das Überleben eines Regimes geht, kapituliert der Gegner nicht, sondern leistet Widerstand, passt sich an und verstärkt seine Aktivitäten. Die Logik des Krieges ändert sich. Es geht nicht mehr darum, “nur” Schaden anzurichten, sondern den Willen zu brechen, und genau das kann militärische Überlegenheit allein nicht garantieren.

Je mehr man einen Staat bis an die Grenze seiner Existenz unter Bedrängnis setzt, desto stärker wird seine Motivation, den Konflikt zu verschärfen. Die Folge ist bekannt: eine schrittweise Entgleisung der Mission, bei der jede Eskalation neue Gründe für eine Fortsetzung schafft. Was als ein Krieg ohne Sackgasse gedacht war, ähnelt zunehmend genau jenen Konflikten, aus denen die Vereinigten Staaten einst geschworen hatten, sich zurückzuziehen.

Der technologische Mythos schwindet angesichts eines asymmetrischen Krieges

Eine der zentralen Säulen des amerikanischen Selbstverständnisses war seine technologische Überlegenheit, die sich in künstlicher Intelligenz, Präzisionswaffen sowie der Fähigkeit widerspiegelte, gegnerische Führungsstrukturen gezielt zu „enthaupten“. Eine überwältigende technisch-militärische Überlegenheit, die darauf ausgelegt war, schnelle Siege zu erringen.

Doch diese Annahme wird zunehmend widerlegt. Wie der unabhängige Analyst Hamidreza Azizi erklärt, begnügt sich der Iran seit Kriegsbeginn „nicht mehr damit, den Druck zu absorbieren und auf die gleiche Weise zurückzuschlagen. Stattdessen versucht er, die Bedingungen des Konflikts neu zu definieren, indem er das Schlachtfeld erweitert und Infrastrukturen ins Visier nimmt, die die amerikanischen und israelischen Operationen unterstützen… „„Das Ergebnis ist eine sich ständig weiterentwickelnde Strategie, die darauf abzielt, die militärische Asymmetrie in einen strategischen Vorteil umzuwandeln.”  Dieses neue Schema geht einher mit „einer Neudefinition der Wahrnehmung des strategischen Sieges. Mit anderen Worten: „Erfolg misst sich nicht mehr allein an den Ergebnissen auf dem Schlachtfeld, sondern an der Fähigkeit des Krieges, eine neue strategische Gleichung zu schaffen, in der die Kostenschwelle für einen Angriff auf den Iran angehoben wurde.” 

Diese Strategie ist nicht das Ergebnis militärischer Improvisation, wie dies in der Ukraine in den frühen Phasen der russischen Invasion der Fall war. Im Gegenteil: Nach dem Krieg mit dem Irak in den 1980er Jahren startete Teheran ein langfristig angelegtes Projekt für die technologische Autonomie. Bereits vor Kriegsbeginn exportierte das Land Drohnen im Wert von fast einer Milliarde Dollar pro Jahr. Die enorme industrielle Produktionskapazität des Iran für Drohnen und Raketen veranlasste den ehemaligen EU-Kommissar Thierry Breton zu der Feststellung, dass „im ‚Krieg der Reserven‘ der Iran langfristig bestehen kann.” In diesem „ersten asymmetrischen Weltkrieg“, wie er den aktuellen Konflikt bezeichnet kann das westliche System: „ hart zuschlagen, aber nicht unbedingt über einen langen Zeitraum – oder zumindest nicht im derzeitigen Tempo –, während der Iran mit kostengünstigeren Trägersystemen und einer Doktrin der Saturierung über mehrere Monate hinweg anhaltenden Druck aufrechterhalten kann“.

In diesem Zusammenhang ist die Zerstörung eines US-amerikanischen F-15E Kampfjets – welches Symbol der Luftüberlegenheit darstellen soll – nicht nur ein militärisches Ereignis. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass technische Überlegenheit keinen Sieg mehr garantiert.

Hormus und das Kernstück der Hegemonie 

Der entscheidende Faktor liegt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf See. Die selektive Sperrung der Straße von Hormus stellt das Herzstück der amerikanischen Macht infrage: die Kontrolle der globalen Handelsströme. Washingtons Hegemonie beruht nicht nur auf seiner militärischen Macht, sondern auf seiner Fähigkeit, die Meere über Landengen und Meerengen hinweg zu kontrollieren – das eigentliche Fundament der Globalisierung. Die Infragestellung der Kontrolle der Straße von Hormus ist das bestimmende Element in der Untergrabung der US-amerikanischen Hegemonie.

Wie Stephen Wertheim, leitender Forscher am Carnegie Endowment for International Peace, betonte: „Was ist der Sinn der gesamten amerikanischen Militärpräsenz im Nahen Osten? Wenn sie einen Sinn hat, dann sollte es der sein, etwas wie die Sperrung der Straße von Hormus zu verhindern. Doch das militärische Vorgehen der USA hat genau das Problem hervorgerufen, das es eigentlich verhindern sollte. “ 

Der Krieg beschränkt sich nicht mehr auf das Schlachtfeld, sondern dringt in die Energiemärkte, die Handelswege und die Stabilität der regionalen Verbündeten vor. In diesem Zusammenhang beginnt sich die Logik der schnellen Gewaltanwendung umzukehren.

Die USA als disruptive Macht und der fortschreitende Niedergang des US-Imperiums

Der aktuelle Konflikt offenbart jedoch nicht nur eine militärische Krise, sondern auch einen Wandel der globalen Rolle der USA. Hier zeigt sich die tiefgreifendste Wende. Washington hört auf, der Dreh- und Angelpunkt der von ihm selbst begründeten Ordnung zu sein, und wird – wie mittlerweile sogar seine Verbündeten anerkennen – zu einem Faktor globaler Destabilisierung. Wie Vivian Balakrishnan, Außenminister von Singapur, kürzlich in einem Interview erklärte: „Der Garant dieser Weltordnung ist nun zu einer revisionistischen Macht geworden, manche würden sogar sagen zu einem Störfaktor.“ Eine unkontrollierte Variable, die Gefahr läuft, sich selbst zu zerstören und den Rest der Welt ins Chaos zu stürzen.

Die Vereinigten Staaten sind kein verlässlicher Garant mehr, was ihre Verbündeten dazu zwingt, ihre Abhängigkeit zu überdenken und zwischen zwei Alternativen zu wählen: strategische Autonomie oder Unterordnung unter eine andere Macht. Am schärfsten stellt sich dieses Dilemma im Persischen Golf. Es ist vielleicht noch zu früh, um das Ausmaß des Schadens für die amerikanische Macht abzuschätzen. Doch wir können sicher sein, dass dieser neue Golfkrieg den weltweiten Rüstungswettlauf verschärfen wird, insbesondere unter den Verbündeten der Vereinigten Staaten, deren Vertrauen zunehmend erodiert.

Schlimmer noch: Die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, ihren Willen als oberste Hegemonialmacht durchzusetzen, wird infrage gestellt. Laut Rosemary Kelanic, Leiterin des Nahost-Programms bei Defense Priorities, einer in Washington ansässigen Denkfabrik, zeigt Trumps irrige Annahme, dass der Feldzug gegen den Iran schnell und reibungslos durchgeführt werden könne, „dass die Vereinigten Staaten nicht über die strategischen Vorteile und die Macht verfügen, die sie zu haben glaubten und die sie vielleicht einst besaßen“.

Vor diesem Hintergrund sehen sich die Vereinigten Staaten mit einer immer offensichtlicher werdenden Dynamik imperialer Überdehnung konfrontiert: An mehreren Fronten engagiert, verbrauchen sie Ressourcen in einem Tempo, das kaum aufrechtzuerhalten ist, und zehren das politische Kapital auf, das ihre weltweite Führungsrolle jahrzehntelang gestützt hat.

 Wie der internationale Chefredakteur des Spiegel betonte, zehrt der Krieg im Iran nicht nur an den materiellen Kapazitäten – wie dem Raketenarsenal, dessen Wiederaufbau Jahre dauern wird –, sondern lenkt Washington auch von seinen strategischen Prioritäten ab und lässt es gleichzeitig erneut in Westasien versinken.

In seinen eigenen Worten: „Während die USA in der Ukraine feststecken und sich eigentlich auf den Pazifik konzentrieren wollten, zehren sie ihre Streitkräfte gerade im Nahen Osten auf, genau in jener Region, in der Trump versprochen hatte, nie wieder Truppen zu entsenden. Der Krieg mit dem Iran ist eine strategische Katastrophe für die USA.“

Eine Hegemonie ohne Zukunft?

Das Gesamtbild ist beunruhigend. Trump erscheint als ein Staatschef, der in seiner eigenen Strategie gefangen ist: unfähig, den Konflikt ohne Risiko zu verschärfen, aber auch unfähig, sich ohne Konsequenzen zurückzuziehen. Ein Spieler, der das Spiel nicht mehr kontrolliert. 

Auch wenn der Krieg noch nicht vorbei ist, zeichnet sich für die einzige existierende Supermacht (?) eine beunruhigende Perspektive ab. Denn wenn die Vereinigten Staaten weder die Sicherheit der Meere gewährleisten noch ihre Ziele durchsetzen noch für Stabilität sorgen können, dann wird ihre Hegemonie nicht nur in Frage gestellt, sondern beginnt von innen heraus zu zerfallen, wie es bei anderen Imperien vor ihrem Untergang der Fall war.

Dieser Artikel erschien zunächst am 6. April in Révolution Permanente.

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