Magazin: Chinas Platz in der Hierarchie des globalen Kapitalismus
Um zu verstehen, wohin das globale kapitalistische System entwickelt, müssen wir nach Chinas Platz in der internationalen Ordnung fragen.
Dieser Artikel erschien ursprünglich im Januar 2021 auf Spanisch in Ideas de Izquierda. Aufgrund des Alters des Textes sind einige der Daten und Fakten nicht mehr aktuell, wir halten ihn aber weiterhin für einen fruchtbaren Beitrag zur Debatte um die Charakterisierung des chinesischen Kapitalismus und seines Platzes in der Welt.
Die Frage, welchen Platz China in der internationalen Ordnung einnimmt, ist von zentraler Bedeutung, um zu verstehen, wohin sich das kapitalistische Weltsystem entwickelt. Dieser Artikel ist Teil eines laufenden Diskussionsprozesses in der FT-CI (Trotzkistische Fraktion, seit Dezember 2025 Strömung Permanente Revolution – Vierte Internationale, Anm.d.Ü.) zu diesem Thema, der noch nicht abgeschlossen ist und zu dem wir verschiedene Beiträge veröffentlicht haben. Er gibt also die persönliche Meinung des Autors wieder.
Im Gegensatz zu den meisten halbkolonialen und kolonialen Ländern am Rande des kapitalistischen Weltsystems hat China in den letzten Jahrzehnten einen Aufschwung hingelegt und eine Entwicklung vollzogen, die viele überrascht hat.
Dieser Erfolg ist zwar nicht ganz neu, wenn man die wenigen Ausnahmen wie Südkorea oder Taiwan berücksichtigt, denen China nacheifern wollte, aber er hat sich noch nie in einem so riesigen Land – dem bevölkerungsreichsten der Welt – mit so großen wirtschaftlichen, sozialen und geopolitischen Folgen auf globaler Ebene ereignet. Aber an diesem Punkt seiner Entwicklung wird die Aufrechterhaltung und Ausgewogenheit eben dieser zu einem Ziel, das schwieriger zu erreichen ist als die in den letzten Jahrzehnten erzielte Leistung. Dieser schwierige Übergang, der noch am Anfang steht, wird darüber entscheiden, ob China sich zu einem imperialistischen Land entwickelt, das heißt, ob es seine Fortschritte konsolidieren kann oder nicht. In dieser Arbeit werden wir versuchen, die Grenzen und Hindernisse aufzuzeigen, die China noch überwinden muss, um dieses Ziel zu erreichen.
Chinas technologische Grundlagen sind immer noch schwach, wie es der Handelskrieg mit den USA gezeigt hat. Klar, China ist das einzige Land außer den USA, das Internetgiganten hervorgebracht hat, die denen aus dem Silicon Valley irgendwie ebenbürtig sind. Einige chinesische Unternehmen haben auch in bestimmten Industrietechnologien wie Solarenergie, Mobilfunk-Infrastruktur und Hochgeschwindigkeitszügen eine gute Position erreicht. Auch in der Unterhaltungselektronik, von Smartphones bis hin zu Drohnen, machen sie gute Fortschritte. Und chinesische Unternehmen haben eine realistische Chance, bei neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz und Quantencomputern eine Führungsrolle zu übernehmen. Es wäre aber falsch, den Erfolg einer kleinen Gruppe von Frontrunnern auf die gesamte chinesische Unternehmenswelt zu übertragen: Für die meisten der 30 Millionen kleinen Firmen, die die Unternehmenswelt ausmachen, ist die Innovationskraft begrenzt, und ihre Situation ist weit entfernt von der der Firmen, die in den Technologiezentren von Shenzhen und Beijing ansässig sind.
Außerdem ist es schwierig, das Internet für Verbraucher:innen als die höchste Form der Technologie zu sehen. Es ist fraglich, ob Apps wie WeChat, Facebook, Tencent oder andere dergleichen viel zur Arbeitsproduktivität beitragen, während sie gleichzeitig Humanressourcen von fruchtbareren Bereichen in Forschung und Entwicklung wie der Materialwissenschaft oder der Halbleiterherstellung abziehen, um stattdessen die Werbung zu optimieren oder Spiele zu entwickeln.
Mit anderen Worten: Wir müssen zwischen der Innovation von Geschäftsmodellen und der Nutzung von Netzwerkeffekten einerseits und einem qualitativen Sprung in Forschung und Entwicklung sowie der Schaffung neuer Patente andererseits unterscheiden. In Bezug auf China ist es auch nicht sicher, ob der hohe Konsum und die Abhängigkeit der Bevölkerung vom Internet dieses Land technologisch fortschrittlicher machen.
Alibaba und Tencent sind technisch gesehen beeindruckend in der Softwareentwicklung, aber ihr geschäftlicher Erfolg hängt vor allem von der Größe des Marktes und dem sozialen und regulatorischen Umfeld ab. Die Allgegenwart von Zahlungen per Handy ist nicht nur das Ergebnis technologischer Innovation (so bedeutend diese auch sein mag), sondern auch das Ergebnis des Finanzsystems und des Fehlens von Kreditkarten. Der Onlinehandel funktioniert so gut, weil China eine erstklassige Infrastruktur aufgebaut hat und weil viele Wanderarbeiter:innen zur Verfügung stehen, um Waren in dicht besiedelten städtischen Gebieten auszuliefern. Es handelt sich also kaum um wissenschaftliche und industrielle Errungenschaften.
Generell haben trotz Chinas zentraler Lage in der globalen Industrieproduktion nur wenige einheimische Unternehmen eine führende Position in Branchen wie Stahl, Solarenergie und Telekommunikationsausrüstung. Der Großteil der Branchen hat noch einen langen Weg vor sich, bevor sie wirklich als gleichwertig mit den deutschen, japanischen, koreanischen und US-amerikanischen Giganten angesehen werden können. Insgesamt sind chinesische Unternehmen weniger erfolgreich; nur wenige haben sich zu weltweit erfolgreichen Marken entwickelt. In technologisch anspruchsvolleren Branchen wie der Luftfahrt und der Halbleiterindustrie hinkt das Land noch weit hinterher. Obwohl China der zweitgrößte Markt der Welt ist, fällt es im Allgemeinen schwerer, globale chinesische Marken zu nennen als japanische und koreanische, selbst als diese noch ein ähnliches BIP pro Kopf hatten, wie China heute.
Betrachtet man ihre Position in Bezug auf etablierte Technologien wie Halbleiter, Maschinen und die zivile Luftfahrt (deren Effizienz anhand klarerer technischer und kommerzieller Maßstäbe gemessen wird), die wesentlich schwieriger sind als die Herstellung von Stahl und Solarzellen, so haben chinesische Unternehmen eine schlechte Bilanz bei der Erschließung dieser Branchen. So profitiert die USA von ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in der Entwicklung und Herstellung von Halbleitern und hat ein Umfeld geschaffen, das es ihr ermöglicht, ihre Führungsposition in einer technologisch wichtigen Branche zu behalten. Wenn es um Fabrikautomatisierungssysteme, mechanische Werkzeuge, Roboterarme und andere Arten von Produktionsmaschinen mit hoher technologischer Komplexität geht, sind die fortschrittlichsten Anbieter in Japan, Deutschland und der Schweiz zu finden (die USA zahlen den Preis für ihre Deindustrialisierung in diesem Bereich).
Insgesamt besteht nach wie vor eine große Lücke in Sachen Innovation und Technologie zwischen China und Ländern wie den USA, Deutschland, Japan und in gewissem Maße auch Südkorea, also fortgeschrittenen Volkswirtschaften, deren Produktivität und Wohlstand auf einer Wirtschaft beruhen, die aus Tausenden von wettbewerbsfähigen und innovativen Unternehmen besteht. Diese Einschätzung ist viel realistischer als die Betonung, die oft auf die Quantifizierung der Inputs gelegt wird.
Mehrere Arbeiten über Chinas Fortschritte und seine technologischen Errungenschaften konzentrieren sich auf das Wachstum der Patentanmeldungen, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Veröffentlichungen in Zeitschriften und andere Arten von Inputs. Daten zu diesen Messgrößen sind verfügbar, weshalb „Innovationsmaßnahmen“ oft auf ihnen aufbauen. Aber diese Inputs sind irrelevant, wenn sie keine Ergebnisse bringen1, und es ist nicht klar, ob sie das oft tun, weder in China noch anderswo auf der Welt. Die beeindruckenden Grafiken zu Patentanmeldungen und Ausgaben in Forschung und Entwicklung in China könnten vermuten lassen, dass chinesische Unternehmen jeden Moment den Rest der Welt erobern könnten. Bislang sind die kommerziellen Ergebnisse jedoch nicht so beeindruckend.
Wie sieht es mit neuen Technologien wie KI, Quantencomputern, Biotechnologie und anderen angesagten Bereichen aus? Hier gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens über Chinas Position in diesen Technologien, aber wir nehmen mal an, dass chinesische Unternehmen in einigen davon führend sein könnten. Wir stützen uns dabei auf die optimistische Prognose des China Forecast 2025, einem Bericht von MacroPolo, dem internen Think Tank des Paulson Institute in Chicago. Darin heißt es:
Chinas Technologie-Ökosystem wird in den nächsten fünf Jahren reifen und einen erfolgreichen Übergang vom privaten zum industriellen Internet schaffen. Konkret werden die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) und die Privatwirtschaft versuchen, leistungsstarke neue Technologien wie künstliche Intelligenz (KI) und 5G zu nutzen, um Chinas Städte und traditionelle Industrien wie Fertigung, Landwirtschaft, Energie und Transport zu erneuern und zu verbessern.2
Wie es auf der Website heißt:
Dieser Ansatz wird eine deutliche Abkehr vom letzten Jahrzehnt der Verbrauchertechnologien bedeuten, die sich auf Anwendungen wie WeChat, Alipay und TikTok konzentrierten. Stattdessen wird die chinesische Technologielandschaft wahrscheinlich in eine kapitalintensivere Phase eintreten, da sie sich auf industrielle Anwendungen wie intelligente Stromnetze (smart grids), dunkle Fabriken (dark factories) und autonome Fahrzeuge (AV) konzentriert.
Das Ergebnis wäre, in seiner optimistischen Version: „Bis 2025 wird China wahrscheinlich weltweit führend bei Anwendungen von industriellen Technologien sein, aber diese Führungsrolle wird weiterhin vom Zugang zu fortgeschrittenen Halbleitern abhängen, die außerhalb des chinesischen Festlands hergestellt werden.“
Der zentrale Punkt ist, dass der Zugang zu modernsten Halbleitern (cutting-edge semiconductors) mittelfristig immer noch ein potenziell ernstes Hindernis für Chinas technologische Entwicklung darstellt. Wie es in dieser Studie heißt:
Hier steht China vor zwei externen Herausforderungen: 1) Exportbeschränkungen für fortgeschrittene Chips an bestimmte chinesische Unternehmen wie Huawei und 2) Exportbeschränkungen für Halbleiterfertigungsanlagen (SME) – die entscheidenden Werkzeuge, die für die Herstellung von Chips im Inland erforderlich sind.
Schauen wir uns das mal genauer an, um zu sehen, wie groß der Rückstand in diesem Bereich noch ist:
Aufeinanderfolgende Generationen von Halbleitern werden nach ihrem „Knotenpunkt“ (auch „Prozess“ genannt) klassifiziert, wobei die niedrigeren Knotenpunkte die fortschrittlichsten Chips darstellen. Während eines Großteils der letzten 20 Jahre lagen die chinesischen Halbleiterfertigungsanlagen („Fabs“) zwei bis drei Knotenpunkte hinter den weltweit führenden Fabs zurück. Seit 2020 produziert die modernste Halbleiterfabrik der Welt (TSMC in Taiwan) Chips im 5-nm-Knoten. Chinas größter Halbleiterhersteller SMIC liegt derzeit drei Knoten zurück und produziert im 14-nm-Knoten, allerdings in geringen Stückzahlen und mit hohen Fehlerquoten bei der Herstellung. SMIC plant, 2021 mit der begrenzten Produktion im 7-nm-Knoten zu beginnen. Der Übergang zum nächsten Knoten ist eine riesige Herausforderung, die oft den Kauf neuer SME (Equipment, das für die Herstellung von Halbleitern benötigt wird, Anm.d.Ü.) erfordert. Die Lieferketten der SME sind global, und die meisten Hersteller verwenden einige Komponenten aus den USA in ihrem Produktionsprozess. Die Einschränkung des Zugangs Chinas zu wichtigen SME gibt der US-Regierung Einfluss, den sie entweder durch strenge Beschränkungen der direkten Exporte aus den USA an chinesische Labore (unter Verwendung der „Entity List“) oder durch umfassende internationale Kontrollen ausüben kann, die internationale SME-Unternehmen, die US-Komponenten verwenden, daran hindern, an China zu verkaufen (unter Verwendung der „Foreign smDirect Product“ und „de minimis rules“).
Wenn diese weitreichenden internationalen Kontrollen auf die Spitze getrieben werden, könnten sie chinesische Labore wie SMIC vorübergehend lahmlegen, indem sie die Lieferung oder den Service von für SME wichtigen Komponenten unterbrechen. In diesem Fall werden die USA wahrscheinlich den Zugang der Chinesen zu SME gezielt einschränken und so verhindern, dass chinesische Labore über den 7-nm-Knotenpunkt hinauskommen. Sie werden aber die „nukleare Option“ vermeiden, nämlich chinesischen Fabriken den Export ausländischer SME komplett zu verbieten […]. Das Ziel, Chinas Fortschritt auf 7 nm zu begrenzen, könnte erreicht werden, indem man mit Verbündeten wie den Niederlanden zusammenarbeitet, um strenge Kontrollen für den Export der modernsten EUV-Fotolithografie-Maschinen zu formalisieren, die für die Herstellung von Chips mit 5 nm oder weniger benötigt werden. Diese selektiveren Beschränkungen – die den Verkauf von Chips an Huawei blockieren und die Exporte von SME nach China einschränken, aber nicht vollständig blockieren – werden in den nächsten fünf Jahren keine ernsthafte Bedrohung für die chinesische Technologie darstellen. Die meisten chinesischen Unternehmen werden weiterhin in der Lage sein, Chips von führenden Knotenpunkten im Ausland zu beziehen, und Chinas führende Fabrik wird weiterhin schrittweise Fortschritte in Richtung der 7-nm-Fertigung machen. Aber wenn die weltweit führenden Fabriken wie TSMC und Samsung von 5 nm auf 3 nm und darüber hinaus voranschreiten, wird Chinas Unfähigkeit, über 7 nm hinauszukommen, eine große Schwachstelle für sein Technologie-Ökosystem darstellen. Diese Schwachstelle wird den USA, Europa, Japan und Südkorea einen dauerhaften Vorteil verschaffen, um mit den technologischen Fortschritten Chinas Schritt zu halten.3
Diese allgemeine Schwäche des chinesischen Produktionsapparats zeigt sich in der starken Abhängigkeit von Importen bei Technologieprodukten. China hat jahrzehntelang Industriepolitiken verfolgt, um seine Abhängigkeit von ausländischen Technologien zu verringern, allerdings mit mäßigem Erfolg. Wie oben erwähnt, hat es in einigen Fällen erhebliche Fortschritte erzielt, aber seine Importe komplexer Technologien sind eindeutig gestiegen (siehe Abbildung unten). China hat die Grundlagen für eine nationale Halbleiterindustrie geschaffen, obwohl seine Unternehmen in fast allen Bereichen Jahre oder Jahrzehnte hinter den weltweit führenden Unternehmen zurückliegen. Dennoch sind Halbleiter, die vielleicht komplexeste Technologie der Welt, heute Chinas größter Importartikel. Generell haben chinesische Unternehmen in Branchen, die forschungsintensive Technologien nutzen, selbst auf dem heimischen Markt eine schwache Position. So ist es etwa im Falle der Automobilindustrie, der bereits erwähnten Halbleiter und der Luftfahrt.
Entgegen der inzwischen veralteten Ansicht, dass China nur eine große Montagefabrik sei oder ausländischer Produkte kopiere, macht das Land in Wahrheit bedeutende Fortschritte in Sektoren mit höherer Wertschöpfung und steigert ständig die Technologieintensität und den nationalen Anteil seiner Exporte. Nehmen wir ein oft zitiertes Beispiel wie die Produktion des iPhones. Vor einem Jahrzehnt hatte China nur einen kleinen Anteil an der Produktion von Smartphones, gemessen am Wert. Eine bekannte Studie des Wissenschaftlers Xing Yuqing aus dem Jahr 2011 hat gezeigt, dass das iPhone zwar als chinesisches Exportprodukt gilt, der tatsächliche Anteil der im Land generierten Wertschöpfung aber nur etwa 4 Prozent der Gesamtkosten ausmachte, hauptsächlich für die Lohnkosten bei der Montage. Die Komponenten selbst wurden aus Japan, Südkorea, den USA und Deutschland importiert. In einer Aktualisierung aus dem Jahr 20194 stellt Xing fest, dass der chinesische Anteil an der Wertschöpfung eines iPhones 25 Prozent erreichte. In absoluten Zahlen stieg Chinas Beitrag von 6 Dollar zu den Kosten eines iPhone 3G aus dem Jahr 2009 auf 104 Dollar zum Wert eines iPhone X aus dem Jahr 2018. Bei Huawei, dessen HiSilicon-Sparte die Prozessoren für dessen Smartphones entwickelt, stammen 2019 etwa 40 Prozent des Produktionswerts dieser aus dem Inland.
Es ist fast sicher, dass China seinen Anteil an der Wertschöpfung der weltweiten Exporte von Industrieprodukten weiter steigern wird. Aber die Fortschritte sind langsam, und die hochwertigere chinesische Produktion hängt immer noch stark von importierten Komponenten, ausländischem geistigem Eigentum und ausländischem Management ab.
Betrachten wir wieder das Beispiel der Smartphones, wo die chinesische Innovationsstrategie erfolgreich einige eigene Marken gefördert hat, nämlich Huawei, OPPO und Xiaomi. Zusammen machten diese Unternehmen 2019 mehr als die Hälfte der Handy-Exporte aus China aus; außerhalb des Binnenmarktes machen chinesische Handyhersteller etwa ein Viertel der übrigen Verkäufe weltweit aus. Aber wie Xing selbst sagt:
Trotz ihres beeindruckenden Erfolgs auf den nationalen und internationalen Märkten sind chinesische Handys immer noch stark von ausländischen Technologien abhängig. Die Teardown-Daten für das Xiaomi MIX 2 und das OPPO zeigen, dass ausländische Unternehmen alle Kernkomponenten der Telefone geliefert haben, die 83,3 Prozent bzw. 84,6 Prozent der Gesamtfertigungskosten ausmachen. Basierend auf den Verkaufspreisen dieser Telefone steigt der inländische Mehrwert des OPPO R11 und des Xiaomi MIX 2 auf 40,3 Prozent bzw. 41,7 Prozent, was auf einen Anstieg des chinesischen inländischen Mehrwerts hindeutet.5
Chinesische Unternehmen haben die relativ einfacheren Teile des Telefons übernommen, darunter den Rahmen, die akustischen Komponenten und die mechanischen Teile. Bei den höherwertigen Teilen wie Chips und Displays sind sie jedoch nach wie auf ausländische Technologien angewiesen. Diese Lücke wird sich möglicherweise allmählich schließen, wenn chinesische Unternehmen die Fähigkeit entwickeln, diese anspruchsvolleren Komponenten herzustellen. China hat eine gute Bilanz, wenn es darum geht, schneller als von Expert:innen vorhergesagt auf ein weltweit wettbewerbsfähiges Niveau aufzuholen, vor allem in Branchen mit einer dynamischen Binnennachfrage. Dies geschah zum Beispiel in der Metallverarbeitung, oder, wie bereits erwähnt, im Internet und im Bereich der mobilen Zahlungen, die Beispiele für die neue Wirtschaft sind.
Aber trotz der Erfolge scheint diese Innovationswelle auf bestimmte Unternehmen und Branchen beschränkt zu sein und insgesamt liegt China technologisch immer noch weit hinter den fortgeschrittensten Nationen, vor allem den USA, Deutschland und Japan, zurück. Daher dominieren trotz der Fortschritte im Exportbereich weiterhin ausländische Unternehmen zwei Drittel der Hightech-Exporte Chinas. In diesem Sinne zeigt der Mangel an durchschlagendem Erfolg bei der Schaffung globaler Marken, dass chinesische Unternehmen (und nicht die ausländischen Unternehmen, die in China produzieren) in Wirklichkeit schlechte Exporteure sind. Letztendlich zeigen die Handelsdaten, dass China zwar ein wichtiges Zentrum der Technologieproduktion ist, dass dieser Produktionsprozess jedoch weitgehend von ausländischen Unternehmen kontrolliert wird und stark von hochwertigen Komponenten abhängt, die anderswo hergestellt werden.
Noch aufschlussreicher für Chinas Leistung ist der weltweite Handel mit geistigem Eigentum. Im Allgemeinen erzielen Länder mit starken Technologiebranchen hohe Einnahmen, wenn ihre Technologie an Unternehmen in anderen Ländern lizenziert wird. So erzielten die Vereinigten Staaten im Jahr 2016 einen enormen Überschuss bei internationalen Transaktionen mit geistigem Eigentum, indem sie 125 Milliarden Dollar einnahmen und nur 44 Milliarden Dollar zahlten. Die Europäische Union erzielte etwa den gleichen Betrag an Einnahmen aus Rechten an geistigem Eigentum, hat jedoch aufgrund der stärkeren Nettoposition US-amerikanischer Unternehmen ein Defizit. Im Vergleich dazu sind Chinas internationale Einnahmen aus Rechten an geistigem Eigentum mit knapp über 1 Milliarde Dollar extrem gering. Im Jahr 2016 hat China 24 Milliarden Dollar für diese Rechte gezahlt, halb so viel wie die USA und fast so viel wie Deutschland und Japan zusammen. China verdient nur einen Cent pro Dollar, den es für Lizenzgebühren für geistiges Eigentum zahlt, ein Sechzigstel der USA. In dieser Hinsicht scheint China kein Land zu sein, das die technologische Lücke zu den fortgeschritteneren Volkswirtschaften schnell schließt. Im Gegenteil, es ist nach wie vor viel stärker von der Lizenzierung der übrigen Technologie abhängig als umgekehrt.
An dieser Stelle dürfen wir nicht vergessen, dass Chinas größter Vorteil dank seines riesigen Binnenmarktes in der Verbreitung von Technologie liegt. Das Land ist sehr gut darin, etablierte Technologien zu übernehmen, sie marginal zu verbessern und ihre Produktionskosten stark zu senken, wodurch sie zu Massenprodukten werden. Zwei aktuelle Beispiele dafür sind Windkraftanlagen und Solarzellen, bei denen sich chinesische Unternehmen als die dominierenden Massenproduzenten etabliert haben, allerdings mit sehr geringen Gewinnspannen. Das ist eine bedeutende Leistung, bedeutet aber per Definition, dass die technologische Führungsrolle woanders liegt.
Diesen wenig beachteten Aspekt der Verbreitung im ungebremsten Streben nach Innovation, in dem erbitterten technologischen Wettlauf, der den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts prägt, wollen wir etwas vertiefen. Die Forscher Dan Breznitz und Michael Murphree erklären in ihrem Buch Run of the Red Queen (Das Rennen der Roten Königin) überzeugend die Ursprünge dieser Stärke. Sie schreiben:
China hat, während es sich zum globalen Zentrum für viele verschiedene Produktionsstufen entwickelt, auch eine beeindruckende Wettbewerbsfähigkeit entwickelt, um in verschiedenen Bereichen der Forschung, Entwicklung und Produktionsketten innovativ zu sein, die für das Wirtschaftswachstum genauso wichtig sind wie viele neuartige Produktinnovationen.
Chinas Erfolg besteht darin, dass es die Kunst der Innovation der zweiten Generation – einschließlich der Kombination bewährter Technologien und Produkte, um neue Lösungen zu finden – und die Wissenschaft der organisatorischen, inkrementellen und prozessbezogenen Innovation gemeistert hat. Chinas Innovationsfähigkeiten beschränken sich also nicht nur auf Prozess- (oder inkrementelle) Innovationen, sondern erstrecken sich auch auf die Organisation der Produktion, Fertigungstechniken und -technologien, Lieferung, Design und Innovationen der zweiten Generation. Diese Fähigkeiten ermöglichen es dem Land, schnell in neue Nischen vorzudringen, sobald der ursprüngliche Innovator die Rentabilität bewiesen hat. In der heutigen Welt der fragmentierten Produktion haben erfolgreiche chinesische IT-Unternehmen durch die Spezialisierung auf bestimmte Produktionsstufen und einen strengeren industriellen Ansatz globale Bedeutung erlangt, und China muss nicht unbedingt die Innovation neuartiger Produkte beherrschen, um ein nachhaltiges Wirtschafts- und Industriewachstum zu erzielen.
Ein Beispiel für diese Innovation der zweiten Generation ist Baidu, die führende Suchmaschine in China, die im Jahr 2000 gegründet wurde. Die Website von Baidu hat eine unbestreitbare Ähnlichkeit mit der von Google, aber die Ähnlichkeit endet nicht bei der visuellen Darstellung: Das Geschäftsmodell und die Benutzeroberfläche von Baidu spiegeln die von Google wider, aber Baidu nutzt den definierten Marktbereich und den Weg, den es seit Ende der 90er Jahre in China eingeschlagen hat. Außerdem ist Baidu nicht nur ein Nachahmer, sondern hat seine eigenen Innovationsfähigkeiten und Stärken im Bereich Design, hat seine eigene Suchsoftware auf Chinesisch entwickelt und die Öffnung des lokalen Marktes voll ausgenutzt.6
Dieses Element der neuen globalen Arbeitsteilung, die sich seit den 1970er Jahren etabliert hat, wird wiederum von zwei internen Faktoren beeinflusst.
Diese Dynamik, in der jede Region einzigartige Fähigkeiten entwickelt, ermöglicht es China, in vielen Bereichen der fragmentierten Weltwirtschaft eine führende Rolle einzunehmen, hindert aber Unternehmen und Wissenschatler daran, sich der Entwicklung innovativer, hochriskanter Spitzentechnologien und -produkte zu widmen. (…) Die dritte Komponente der Erklärung von Breznitz und Murphree ist die strukturelle Unsicherheit des politisch-wirtschaftlichen Systems Chinas.7
Das Ergebnis ist das derzeitige System nachhaltiger Innovation. Die Autoren nennen diesen Entwicklungsweg
‚Das Rennen der Roten Königin‘, in Anlehnung an Lewis Carrolls Rote Königin aus ‚Alice im Wunderland‘, die so schnell wie möglich rennen musste, um an derselben Stelle zu bleiben (Carroll 2010 [1872]).
China ist außergewöhnlich darin, seine Industrie- und Dienstleistungsbranchen perfekt mit seinen technologischen Grenzen im Gleichgewicht zu halten. Wie die Rote Königin rennt China so schnell es geht, um an der Spitze der........
