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„Selbst ernannte progressive Linke haben offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd“

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09. Juni 2026 – 24. Siwan 5786

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»Selbst ernannte progressive Linke haben offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd«

Der Kabarettist Dieter Nuhr über den Erhalt des Leo-Baeck-Preises, Solidarität mit Israel und Kritik an seiner Person

Herr Nuhr, der Zentralrat der Juden in Deutschland zeichnet Sie morgen mit dem Leo-Baeck-Preis aus. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?Viel. Schließlich bin ich damit Nachfolger von Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl und Johannes Rau. Wer hätte das gedacht? Mit dem angemessenen Ernst betrachtet, muss man allerdings festhalten: Es ist ein Trauerspiel, dass die Ablehnung des Antisemitismus heute gerade im Kulturbetrieb alles andere als selbstverständlich ist. Das macht mich fassungslos. Dass man für das Eintreten gegen Antisemitismus Preise verleihen muss, ist eigentlich kein gutes Zeichen. Dass Antisemitismus einmal wieder ein Massenphänomen werden würde, war mir in meiner Jugend unvorstellbar.

Sie sind Münchhausen-Preisträger, haben bereits den NRW-Verdienstorden sowie den Deutschen IQ-Preis und viele andere Auszeichnungen erhalten. Wo ordnen Sie diese Ehrung des Spitzenverbandes der jüdischen Gemeinschaft ein?Ganz weit vorn. Weil das nicht nur eine Auszeichnung für Humor ist, sondern eine, die mir zeigt, dass meine Arbeit eine gewisse Relevanz hat. Das freut mich natürlich. Aber dass man im 21. Jahrhundert immer noch gegen Judenhass eintreten muss, ist unfassbar.

Sie finden in Ihrem Bühnenprogramm stets klare Worte gegen Juden- und Israelhass. Warum genau ist Ihnen das, anders als vielen Kollegen, so wichtig?Für mich ist das ehrlich gesagt eine Selbstverständlichkeit. Ich bin ja nicht mehr ganz jung und mit einer Eltern- und Großeltern-Generation aufgewachsen, die die Nazizeit noch erlebt hat. Ein großer Teil der jungen Generation hat auf Basis historischer Entfernung und Bildungsnotstand offenbar völlig den politischen Kompass verloren. Feministinnen verbrüdern sich mit antisemitischen Frauenfeinden gegen Israel. »Queers for Palestine« segeln mit der Hamas, einer Bewegung, die Schwulsein für eine Todsünde hält. Juden wurden bei uns teilweise am Betreten von Universitäten gehindert. Da haben selbst ernannte progressive Linke offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd.

Politiker, Journalisten und die Zivilgesellschaft sind sehr stark darin, den Rechtsextremismus zu verurteilen. Der muslimische Judenhass aber, der sich besonders aggressiv verbal und körperlich äußert, ist weitgehend tabuisiert. Machen wir uns etwas vor, wenn wir »Nie wieder!« sagen?Unter jungen Menschen scheinen linke und rechte Verschwörungstheorien zusammenzuwachsen. Antikapitalismus und Antisemitismus werden eins. Das »Nie wieder« warnt ja quasi vor der historischen Wiederholung. Aber Geschichte wiederholt sich nicht. Der Traum von der Judenvernichtung lebt ja ganz offen in den Hirnen der Islamisten. Und auf diesem Weg ist er auch zurückgekehrt in den Westen. Davor zu warnen, dass die Nazis zurückkehren, wird da nicht reichen. Das sind ganz neue und eigentlich völlig abstruse Koalitionen zwischen Nazis, Linken und Religiösen.

Sie haben einmal gesagt, dass beim Judenhass nicht nur importierte Antisemiten und hausgemachte Nazis dabei sind, sondern auch Besserverdiener aus hochpreisigen Mietlagen, also praktisch das grüne Milieu. Wie reagiert das Milieu auf solche Äußerungen?Man ist beleidigt, weil man nicht »rechts« sein will. Aber das ist ja gerade der Punkt: Die Begriffe »links« und »rechts« spielen in diesen Zusammenhängen gar keine Rolle mehr. Progressive solidarisieren sich mit mittelalterlichen Fanatikern, Transaktivis­ten segeln gemeinsam mit Leuten, die Frauen für minderwertig halten und die Idee eines dritten Geschlechts für einen satanischen Scherz halten. Wenn man dem Milieu die eigenen Widersprüche vorhält, reagieren sie natürlich nicht mit Einsicht, sondern mit Abwehr. Das ist psychologisch verständlich. Aber es verdeutlicht die Diskursunfähigkeit.

Sie sind 1960 geboren und bezeichnen sich selbst als »stramm-linksgrün« sozialisiert. 1980 waren Sie Gründungsmitglied der Grünen, heute kritisieren Sie deren ideologische Unbelehrbarkeit. Woher dieser Sinneswandel?Das hat wohl etwas mit Erwachsenwerden zu tun. Vielleicht........

© Juedische Allgemeine