„Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen“
17. Juli 2026 – 3. Aw 5786
AboAngebote PrintAbo-Service
AboAngebote PrintAbo-Service
WM-Nachlese mit Marcel Reif
»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«
Der Moderator und Fußballexperte spricht im launigen Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen
Herr Reif, wie geht es Ihnen?Jetzt bin ich endlich zu Hause. Es ist zum Wahnsinnigwerden. Alles hat hier irgendwie Verspätung. Die Züge gehen nicht, die Züge kommen nicht. Es ist ein dysfunktionales Land. Aber das ist ja nicht unser Thema.
Nein, das hatten Sie schon vor zwei Wochen in unserem ersten Gespräch erwähnt, dass in Bayern gar nichts funktioniert. Lassen Sie uns lieber über die Fußball-Weltmeisterschaft sprechen. Hat Sie der Ausgang der beiden Halbfinals und besonders das Ausscheiden der Franzosen überrascht?Ja. Man musste ja kein Raketenwissenschaftler sein, um Frankreich als Topfavorit anzusehen. Spätestens während des Turniers wurde das klar. Vielleicht haben sie es selbst auch geglaubt, und zwar so sehr, dass sie dachten, man könne die Dinge in Schönheit erledigen. Aber zum Fußball gehört nicht nur Schönheit, sondern auch Arbeit. Frankreich konnte im Halbfinale nicht mal die Basics abliefern. Die wurden von der spanischen Mannschaft an allen Stellen, wo es wehtat, entzaubert.
Wobei die Spanier nicht gerade mit schönem Fußball geglänzt haben, oder?Vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick. Aber es waren schon sehr schöne Dinge dabei. Dani Olmo zuzuschauen, das ist schon eine Augenweide, das müssen Sie zugeben.
Gebe ich zu. Im zweiten Semifinale hat England gegen Argentinien lange mitgehalten, ist dann aber in der letzten halben Stunde im Abwehrkampf förmlich zusammengebrochen. Wie konnte einem deutschen Trainer wie Thomas Tuchel so was passieren?Ich weiß es nicht. Möglicherweise waren die Spieler müde von der langen Saison. Die Premier League hat 20 Klubs und 38 Spieltage, und dann gibt es da noch den FA-Cup und den League Cup und keine richtige Winterpause.
Tuchel trifft Ihrer Meinung nach also keine Schuld? Die britische Presse sieht das anders.Doch, ihn trifft auch Schuld. Er hat mit seinen Einwechslungen dem englischen Spiel den Stecker gezogen. Am Ende haben die nur noch auf Abwehr gesetzt. Aber es waren noch mehr als 25 Minuten zu spielen. Tuchels Mannschaft hat den Gegner kommen lassen. Nur sollte man einen Messi nicht in den Strafraum einladen, denn dann gibt’s schöne Sachen zu sehen – für die argentinischen Fans.
Nach einer Stunde sah Tuchel noch wie der große Held aus, der England zum ersten Mal seit 60 Jahren in ein WM-Endspiel führen würde. Gibt’s im modernen Fußball denn eigentlich zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt nichts?Nein, so ist auch der Fußball heute, die Dinge werden immer mit der großen Kelle angerührt. Hinzu kommt: Tuchel ist ein deutscher Trainer, das macht ihn für die Engländer suspekt. Die Erfinder des runden Leders lieben ja ihre »Splendid Isolation«, auch wenn es die schon längst nicht mehr gibt. Bislang stellte sich bei Tuchel der Erfolg ein. Er hat nicht nur die ersten 60 Minuten, sondern die letzten zwölf Spiele, die WM und zuvor die Qualifikation tolle Sachen zustande gebracht. Deswegen wird er auch Nationaltrainer bleiben. Aber er hat den Job jetzt nur noch auf Widerruf. Das nächste Unentschieden in irgendeinem Nations-League-Spiel, und sie werden wieder aufschreien. Ja, er trägt Mitschuld an dem, was da gestern Abend passiert ist. Er hat die Mannschaft nicht wachgerüttelt und mit seinen Einwechslungen zusätzlich das falsche Signal gegeben.
Lag es nicht auch daran, dass die Engländer schlicht und einfach platt waren?Das kommt hinzu. Aber der Fehler war schon vorher passiert. Die Engländer haben sich in der ersten Halbzeit auf eine Wirtshausprügelei eingelassen. Da ging es um die Falklandinseln und alles, was zwischen den beiden Nationen an Nebengeräuschen noch so herumschwirrt. In der ersten Halbzeit hätte England Fußball spielen und das Match gewinnen können. Sie waren spielerisch besser, haben aber argentinischen Fußball mitgemacht. In der zweiten Halbzeit, irgendwann so ab Minute 70, haben Messi und die anderen sich gesagt: Lasst uns aufhören, den Malvinas-Krieg nachträglich gewinnen zu wollen, lasst uns lieber Fußball spielen. Und das haben sie dann gemacht - in beeindruckender Weise.
Am Ende haben die Spieler aber doch ein Banner hochgehalten, auf dem stand, dass die Falklandinseln zu Argentinien gehören und eben Malvinas heißen.Sagen Sie in Argentinien bloß nie »Falklands«! Ich war im Januar dort. 98 Prozent der Bewohner der Inseln sind Briten und wollen das auch bleiben. Deswegen wird sich das Problem nie lösen lassen. Aber den Argentiniern ist das egal, deren Wunde ist nach 45 Jahren immer noch offen. Gestern haben Messi und die anderen irgendwann aber die Malvinas Malvinas sein lassen. Und dem hatten die Engländer nichts entgegenzusetzen.
Warum nicht?Weil Argentinien irgendwie unglaublich, fast surreal spielt. Das widerspricht allen Gesetzmäßigkeiten des Fußballs. Lionel Messi hat mit seinen 39 Jahren einen großen Einfluss aufs Spiel. Der wird nicht mitgeschleppt von den anderen. Er schleppt seine Mitspieler mit, er bringt sie mental an ihre Grenzen. Messi hat einen unbändigen Willen, noch mal was hinzukriegen; das ist faszinierend.
Messi, Ronaldo, Neuer, Modrić: Viele Top-Spieler bei der WM waren fast so alt wie Sie und ich. Wird der Spitzenfußball langsam zur Altherrensportart?Ronaldo würde ich aus der Liste herausnehmen. Der hat Portugal nicht mehr........
